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Bamberg

Eine Utopie, aus der Not geboren

Als die Nationalsozialisten nach der Macht griffen, fanden deutsche Juden in Jerusalem eine Heimat auf Zeit. Am Donnerstag erzählte Thomas Sparr ihre Geschichte, begleitet von der Capella Antiqua Bambergensis.
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Die Capella Antiqua Bambergensis begleitete im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater die Lesung von Thomas Sparr.  Foto: Selmar Schülein
Die Capella Antiqua Bambergensis begleitete im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater die Lesung von Thomas Sparr. Foto: Selmar Schülein
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Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle nun also der rechtsextremistische Horror von Hanau. Im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater stehen die Gäste am Donnerstag für eine Gedenkminute in den Reihen. Auf der Bühne Thomas Sparr, ehemaliger Leiter des Suhrkamp Verlags, und die Musikgruppe Capella Antiqua Bambergensis.

Dann ein langer, düsterer Ton, der die im Rahmen des Bamberger Literaturfestivals (BamLit) stattfindende musikalisch begleitete Lesung eröffnet. Eigentlich mehr ein tiefes Grummeln, von einem mannshohen Instrument erzeugt, das man wie die meisten anderen besaiteten Gerätschaften, die auf der Bühne versammelt sind, ohne Musiklexikon nicht benennen könnte.

Der Klang schwillt an, ein Trommelrhythmus tritt hinzu und schon befindet sich das Publikum auf einer Reise an einen fast vergessenen Ort: Rechavia, eine Planstadt vor den Toren der Altstadt Jerusalems. Thomas Sparr nimmt das Publikum mit an diesen Ort, der während des NS-Regimes zum Zufluchts- und Schaffensort für unzählige jüdische Künstler und Intellektuelle wurde.

In seinem Buch "Grunewald im Orient" setzte Sparr Rechavia und seinen Bewohnern ein literarisches Denkmal.

1920 entstand Rechavia nach Plänen des Frankfurter Architekten Richard Kaufmann. In seinem Buch lässt Sparr vor allem prominente Bewohner des Stadtteils auftreten: Else Lasker-Schüler, Gershom Sholem, Hannah Arendt, Mascha Kaléko oder Paul Celan fanden in dem Exilort zwar keine dauerhafte Heimat, aber doch Schutz und Raum für freigeistigen Dialog. Dass Sparr ein Kenner des deutsch-jüdischen Geisteslebens ist, lässt sich allein anhand seiner Biografie erahnen. In den 1980ern war er an der Hebräischen Universität in Jerusalem tätig, ein Jahrzehnt später leitete er den Jüdischen Verlag im Hause Suhrkamp.

Pulsierender Stadtteil

In seinem Buch verwebt der Autor Zeitgeschichte und Architektur mit den Lebenslinien der Menschen, die diese aus der Not heraus entstandene Utopie für eine flüchtige Zeit bevölkerten.

Eine Welt, die kaum mehr als zwei Kilometer von Nord nach Süd und Ost nach West maß. Wenig vorher hatte es anstelle dieser Siedlung mit Bauhausgebäuden nur Gestrüpp und weites, unbebautes Brachland gegeben. Der Stadtteil lasse sich aber geografischen weniger gut beschreiben als mittels der Geschichten ihrer Bewohner, so Thomas Sparr.

Der Autor erzählt derart druckreif von Rechavia, dass der Unterschied zwischen vorgelesenen und frei vorgetragenen Passagen mit geschlossenen Augen nicht vernehmbar wäre. Das ist beeindruckend, entbehrt aber an einigen Stellen jener Lebendigkeit, die den pulsierenden Stadtteil einst ausgezeichnet haben muss.

Zunächst waren es vor allem Zionisten, die kamen. Junge Jüdinnen und Juden mit dem Willen, eine neue Gesellschaft ohne Unterdrückung aufzubauen. Ab 1939 folgten zunehmend mehr Menschen aus Not. Die Einwanderung stieg um das Zehnfache. Während Sparr den Bogen von der Weimarer Republik bis zum Beginn der 1960er spannt, ertönt immer wieder Musik.

Bühne wie ein Museum

Knapp 30 Instrumente erklingen an diesem Abend. Darunter etwa Portativ, Cymbel, Trumscheit, Harfe, Lauten, diverse Flöten und Trommeln. Die Bühne könnte auch das Ergebnis einer Wanderausstellung der Musikinstrumentenabteilung des Germanischen Nationalmuseums sein.

Die Capella Antiqua Bambergensis besteht an diesem Abend neben Gastmusikern aus drei Generationen der Familie Spindler. Darunter ein Instrumentenbaumeister und ein emeritierter Musikprofessor. Das Originalklangensemble präsentiert mal sephardische Musik des Mittelalters, die die Melancholie des Exilorts verströmt, dann tänzerisches Liedgut, improvisatorisch-ungezwungen wie es die Abendstunden in den Straßen der Cafés von Rechavia gewesen sein müssen.

Zwischen Eukalyptusbäumen, Pinien und Palmen konnte man hier deutsche Zeitungen lesen. Begegnungsstätten voller Sehnsüchte, heimatloser Erinnerungen und gewichtiger Dialoge. Else Lasker-Schüler hätte man hier etwa dabei beobachten können, wie sie auf Speisekarten und Servietten Gedichte schreibt.

Als das Publikum nach zwei Stunden aus dem Theater strömt, steht dort wie zu Beginn der musikalischen Lesung die Polizei. Ihr Anblick erinnert daran, wie fragil und schützenswert diese Orte der Vielfalt sind. Orte, an denen Menschen und Meinungen aufeinandertreffen können wie in den Cafés von Rechavia.