Bernd Loebe ist einer der erfolgreichsten Intendanten überhaupt. Aus guten Gründen: Das Programm der Oper Frankfurt bietet neben Repertoire-Hits in unterschiedlicher Ästhetik stets auch Ungewohntes. Und dass der Chef ein gutes Händchen hat, wenn es gilt, für ein Werk das passende Team zu finden, hat sich jetzt wieder gezeigt, bei der jüngsten Neuproduktion.

Die Frankfurter Erstaufführung der selten gespielten Oper "Pénélope" von Gabriel Fauré (1854-1924) vertraute er einem jungen weiblichen Team an: der Regisseurin Corinna Tetzel und der hauptamtlich in Nürnberg wirkenden Dirigentin Joana Mallwitz, die im Frühjahr 2020 in Frankfurt auch eine Neuinszenierung der "Salome" von Richard Strauss dirigieren wird.

Dass Mallwitz das französische Fach liegt, konnte sie schon bei ihrem Frankfurter Debüt 2017 mit "Pelléas et Mélisande" beweisen. In Faurés einziger Oper - der Komponist reüssierte vor allem mit Liedern und seinem Requiem und bezeichnete "Pénélope" als Poème lyrique in drei Akten - lässt sie die farbenreiche und überwiegend lyrisch fein orchestrierte Musik wie schwebend aufblühen.

Mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester trifft sie den impressionistischen, allerdings von Schwermut umflorten Grundton, gibt aber auch der spätromantischen Wucht Raum. Und nicht umsonst hat sie Eric Laporte, den Nürnberger Lohengrin, nach Frankfurt mitgebracht. Der kanadische Tenor darf als ein idealer Ulysse gelten, der der Partie sowohl im musikalischen wie im französischsprachigen Ausdruck voll gerecht wird.

Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy in der Titelpartie ist das eigentliche Ereignis der Aufführung. Stimmlich souverän im schlanken wie im großen Ton vermag sie dank ihrer überaus präzisen und differenzierten Körpersprache und Mimik der Pénélope ein Profil zu geben, das einen berührt, nachdenklich macht und nicht mehr loslässt.

Was zwanzig Jahre des Wartens bedeuten, war für Regisseurin Corinna Tetzel die zentrale Frage des Stücks nach der Vorlage Homers, das auf der Insel Ithaka nach dem Trojanischen Krieg spielt, wo die von Freiern bedrängte Penelope auf die Heimkehr von Odysseus hofft und den als Bettler verkleideten Gatten nicht wiedererkennt.

Treue und Liebe

Die Inszenierung in der stimmigen Ausstattung von Rifail Ajdarpasic (Bühne), Raphaela Rose (Kostüme), Jan Hartmann (Licht) und Bibi Abel (Video) geht einfühlsam und entschieden heutig auf den gegebenen Konflikt ein, der sich für eine Frau des 21. Jahrhunderts natürlich anders darstellt als zur Entstehungszeit der Oper zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Komponist noch explizit die eheliche Liebe und Treue auch in der absurd langen Trennung zu feiern gedachte. Penelope hat durchaus die Hosen an in ihrem südlichen Inselstaat, aber unter ihrem Businessanzug trägt sie das aus vielen Stoffstreifen bestehende Totenkleid, das sie für Laertes webt. Es ist Ausdruck ihres Hoffens, Bangens und Zweifelns, ihres inneren Schwebezustands und Stillstands.

Wenn schließlich das Nicht-wahr-haben-Wollen des eigentlich ersehnten Ereignisses nicht mehr funktionieren kann, bricht folgerichtig ihre Welt auseinander. Zu überirdischen Klängen. Ein großer, eher stiller Opern-abend. Einhelliger Jubel bei der Premiere.