Bamberg
Ausstellung

E.T.A. Hoffmanns "Meister Floh" in wunderbaren Illustrationen

Hans Günter Ludwig hat E.T.A. Hoffmanns verzwickte satirisch-fantastische Geschichte vom "Meister Floh" mit Silhouettenschnitten illustriert. Bis 1. November ist der Zyklus im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Haus zu sehen.
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Merkwürdige Ereignisse in Frankfurt: Illustration zu E.T.A. Hoffmanns "Meister Floh" von Hans Günter Ludwig Reproduktionen: Gerald Raab/Staatsbibliothek Bamberg
Merkwürdige Ereignisse in Frankfurt: Illustration zu E.T.A. Hoffmanns "Meister Floh" von Hans Günter Ludwig Reproduktionen: Gerald Raab/Staatsbibliothek Bamberg
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"In der Tat, ein fantastischer Märchenschreiber könnte nicht tollere, verwirrtere Begebenheiten ersinnen." Wie wahr! Da hat E.T.A. Hoffmann in sein Spätwerk - 1822 kurz vor dem Tod des romantischen Universalgenies erschienen - gleich einen Trost für den verwirrten Leser eingeflochten. Denn erst nach sorgfältiger Lektüre erschließt sich die "tolle, verwirrte" Handlung der Geschichte: Hoffmann schafft hier wie oft in seinem Œuvre eine "Welt voller Verschachtelungen aus Realität und Fantasie".

Das wiederum sagt Hans Günter Ludwig. Von dem 51-jährigen Maler und Grafiker stammen bereits die im E.T.A.-Hoffmann-Haus ausgestellten Leuchten, die sich zu "Hoffmann Enlighted" gruppieren, Szenen aus des Autors Leben und Werk. Allmählich scheint sich Günter zu einem Spezialisten der Scherenschnitt-Kunst zu entwickeln, einer "klassisch-biedermeierlichen" Fertigkeit, wie er sagt. Denn auch den "Meister Floh" hat er mit Silhouettenschnitten illustriert, zwölfen an der Zahl.

Demagogen-Schnüffelei

Von Hoffmann inspirieren lässt sich Günter seit einigen Jahren. Da traf es sich gut, dass der Künstler lange in Frankfurt am Main lebte. Denn ebendort spielt das fantastische Märchen vom "Meister Floh". Das in die Literaturgeschichte vornehmlich einer eigentümlichen Zensur-Affäre wegen einging. Denn Hoffmann hatte die seltsamen Methoden des Polizeidirektors Kamptz (in der Erzählung verballhornt zu Narr-Kamptz = Knarrpanti) 1817 ff. in Preußen satirisch beleuchtet - als Mitglied der "Immediat-Kommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe" konnte Hoffmann Auswüchse der Demagogen-Schnüffelei studieren; und sein juristischer Anstand ließ ihn auf seine Weise dagegen protestieren. Sein Tod bewahrte ihn vor disziplinarrechtlichen Konsequenzen; unzensiert erschien der "Meister Floh" erst 1908.

Das Märchen "in sieben Abenteuern zweier Freunde" ist jedoch noch viel mehr: eine Reflexion über Kunst und Realität, eine Satire auf behäbige Bürgerlichkeit und Verlogenheit, eine Auseinandersetzung mit zu des Autors Zeiten diskutierten naturphilosophischen Theoremen, vor allem aber ist die Geschichte die eines coming out: Nicht zur Homoerotik findet der Held Peregrinus Tyß, sondern er entwickelt sich von einem menschenscheuen, misogynen Sonderling zu einem Sozialcharakter, der liebt und sich lieben lässt.

Müßig wäre es, die Fabel des Märchens nachzuerzählen. Mit seiner Technik, die fein ziselierten Scherenschnitte auf kolorierte Hintergründe zu setzen, wird Günter der Mehrdimensionalität des Märchens gerecht, der Tatsache, dass alle Protagonisten zugleich Zauberwesen im Königreich Famagusta sind. Groteske Deformationen spiegeln sich in Günters Illustrationen wunderbar wider. Wir sehen den Meister Floh auf dem Bett Peregrinus' sitzen, der in "Dinner for One" ein skurriles Weihnachtsfest feiert, wir sehen die kämpfenden Magier, die Prinzessin in der Tulpe, wir sehen das Gedankenmikroskop, ein satirisches Kabinettstück Hoffmanns, im Einsatz. Dies alles gleichzeitig realistisch und doch durch die Verfremdung der Silhouetten auf eine unwirkliche, traumhafte Ebene gehoben, halluzinatorische Gebilde in einer fernen Welt. Günter ist einmal mehr eine beeindruckende künstlerische Annäherung an E.T.A. Hoffmann gelungen, ein weiterer Höhepunkt im E.T.A.-Hoffmann-Haus nach Michael Knobels "Murr"-Illustrationen.

Der Verfasser dankt Gerald Raab von der Bamberger Staatsbibliothek für die große Hilfe.

Zur Ausstellung Die Illustrationen Hans Günter Ludwigs sind zu sehen im E.T.A.-Hoffmann-Haus, Bamberg, Schillerplatz 26. Öffnungszeiten bis 1. November Di.-Fr. 15-17 Uhr, Sa./So. und Feiertage 10-12 Uhr.