War es Zufall oder das Wirken eines irgendwie waltender Weltgeists, dass just am Tag des Amtsantritts Trumps ein Stück im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters aufgeführt wurde, das Politik thematisiert wie kaum ein anderes der jüngeren Zeit?

Es ist ein Monumentaldrama, dieses "La Révolution #1 - Wir schaffen das schon" des Franzosen Joël Pommerat, im Original viereinhalb Stunden lang, in diversen deutschen Fassungen gekürzt, die Bamberger ist eine "für neun Schauspieler und Objekttheater" und schmückt sich daher mit dem Titel "deutschsprachige Erstaufführung". Von den viereinhalb bleiben immer noch knapp drei übrig, und es wäre eine revolutionäre Tat gewesen, noch einmal den Stift anzusetzen und beherzt zu kürzen.

Denn es wird dem Zuschauer einiges zugemutet in dieser für eine Studioproduktion außergewöhnlich aufwendigen Inszenierung von Niklas Ritter, der am Ort schon eine ziemlich wilde Version von Sibylle Bergs "Viel gut essen" hingelegt hat. Eine ganze Schauspielerkohorte, beeindruckendes Bühnenbild (von Karoline Bierner), Musik (zur Premiere live) von Jan Kersjes. Und Umzug in der Pause, vom Zuschauerraum in den Treff und zurück - nicht nur zum Weingenuss, sondern aus dramaturgischen Gründen.

Es geht ja um nichts weniger als den gesamten politischen Prozess. Regisseur und Dramaturg beharren zwar nicht zu Unrecht darauf, dass es sich bei "La Révolution" um kein historisches oder dokumentarisches Drama handle, doch werden die Ereignisse in Frankreich etwa von 1787 bis 1793 als Folie für politische Willensbildung, für Antagonismen und Aporien genommen.

Der politische Strom entspringt einer Finanzkrise, die der Premier (Volker Ringe) dem König Ludwig XVI. (Pascal Riedel) offenbart. Der, nicht so borniert wie das historische Original, beruft die Generalstände (Adel, Klerus, Bauern/Bürger) ein. Die Zusammenkunft entwickelt sich zur Nationalversammlung mit divergierenden Interessen; der sein Vetorecht geltend machende König gerät in Bedrängnis ...


Charakterpuppen

Doch es geht nicht um den König. Früh schon manifestieren sich die Interessenkonflikte an durch Übertitel kenntlich gemachten Schauplätzen. Nicht nur erwartbare Klassengegensätze etwa zwischen Adel und Bürgern, auch innerhalb der Schichten kracht es: Die Händlerin sieht ihre Interessen bedroht durch billige Konkurrenz, wie damit umgehen? Die Volksmasse durch Puppen mit identischen Gesichtern und dahinter stehenden Schauspielern zu materialisieren, ebenso die Unterkörper von Adligen und dem Kleriker, ist eine pfiffige Idee, Marx'sche Charaktermasken als Charakterpuppen. An pfiffigen Ideen mangelt es Niklas Ritter offenbar nicht. Die Historie wird aufgebrochen durch eine Live-Reporterin im Video, durch Handys und Tablet (den Landadligen im nur mangelhaft beherrschten fränkischen Dialekt parlieren zu lassen, ist jedoch albern, nicht originell).

Endlos diskutiert man in der Nationalversammlung - der dreigeschossige Bühnenaufbau symbolisiert gelungen die drei Stände - Themen wie Legalität und Legitimität, Menschenrechte, Recht und Ordnung. Man diskutiert so lange, bis dem Publikum, vermutlich, der Schädel brummt. Dem Publikum, das - im Treff - als Parlament ge- oder missbraucht wird. Wie im Frankreich des 18. Jahrhunderts radikalisieren sich die Revolutionäre, zerfleischen sich in heftigen Podiumsdiskussionen; eine Hungersnot verschärft die Lage, der König und seine Gattin treten nur noch als Karikaturen auf, als traurige Popanze. Das Verlangen nach Frieden, Ordnung und Moral kehrt wieder.

Die Regie hat der Versuchung nicht widerstanden, das extrem textlastige Stück vor allem im zweiten Teil mit Geschrei, Gesang und tumultuarischen Szenen anzufüttern. Das stört die Konzentration auf den Text gewaltig. Beeindruckend dagegen, wie die neun Schauspieler mit dem schwierigen Stoff umgehen, was ihnen auch starken Applaus einbrachte. Besonders Katharina Rehn glänzte als rhetorisch Feuer speiende Politikerin.

Am Ende zitiert der weltfremde König das Revolutionslied "Ça ira" - wir werden es schon schaffen. Tatsächlich? Die Guillotine spricht eine andere Sprache. Wenn der "Versuch der Neugestaltung unserer Gesellschaft" so aussieht, ist doch erhebliche Skepsis angebracht. Und Trump ist auch im Amt.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
25./26. 1., 28./29. 1., 1. 2., 5. 2., 7./8. 2., 12. 2. Weitere Termine in Planung Karten unter Tel. 0951/873030, E-Mail kasse@theater.bamberg.de Dauer ca. drei Stunden, eine Pause