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Dieter Nuhr: Beitrag zu Wissenschaft gelöscht - war Kooperation ein Fehler?

War die Kooperation an sich ein Fehler? Dieter Nuhr hatte einen Beitrag für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zu Wissenschaft und Gesellschaft gesprochen und damit Kritik hervorgerufen. Nun wurde der Beitrag gelöscht und das Internet diskutiert.
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Dieter Nuhr hatte sich für die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu Wissenschaftlichkeit geäußert. Das ging nach hinten los.
Dieter Nuhr hatte sich für die Deutsche Forschungsgemeinschaft zu Wissenschaftlichkeit geäußert. Das ging nach hinten los. Archivfoto: Jochen Berger
  • Dieter Nuhr mit Audio-Botschaft zu Wissenschaft und Gesellschaft erregt Kritik 
  • Deutsche Forschungsgemeinschaft löscht Beitrag
  • Kabarettist sieht sich denunziert und veröffentlicht Statement
  • Ist das nur ein schlechter Witz? Ein Kommentar

Das ging ordentlich in die Hose: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat zu ihrem 100. Geburtstag eine Social-Media-Kampagne gestartet mit der Überschrift „DFG2020 - Für das Wissen entscheiden“. Damit will sie „ihre Überzeugung für eine freie und erkenntnisgeleitete Forschung in die Gesellschaft tragen“, erklärt die DFG. 

Im Zuge der Kampagne  der Kabarettist Dieter Nuhr mit einer 30-sekündigen Audio-Botschaft zu Wort. Das führte auf Twitter zu einer Welle der Entrüstung. Der Grund: In der Vergangenheit war Dieter Nuhr immer wieder durch Aussagen auf der Bühne und in dem sozialen Netzwerk aufgefallen, die nicht recht zur Aussage der Wissenschaftlichkeit passen wollen, so die Kritiker. Viele kritisierten, dass er durch misogyne Aussagen sowie durch abwertende Aussagen über die Aktivistin Greta Thunberg negativ aufgefallen war und nicht unbedingt als Verfechter von Vernunft und Wissenschaft gilt bei vielen. 

Dieter Nuhr und seine Aussagen über Greta Thunberg und die Coronakrise

Immer wieder hatte Dieter Nuhr in seinen Auftritten gegen Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung gewettert. Der schwedischen Klima-Aktivistin unterstellte er, sie würde hunderte Millionen von Hungertoten in Kauf nehmen mit ihren Forderungen. Auch für ihren Aufruf, endlich auf die Wissenschaft zu hören, fand Dieter Nuhr oft spöttische Worte. 

In der Botschaft, die Nuhr zum 100. Geburtstag der DFG sprach, erklärte er: "Wissenschaft ist gerade, dass sich die Meinung ändert, wenn sich die Faktenlage ändert." Wissenschaft sei keine Religion. "Und wer ständig sagt 'folgt der Wissenschaft', der hat das offensichtlich nicht begriffen.“ Damit nahm er deutlich Bezug auf Greta Thunbergs Aufruf, endlich auf die Wissenschaft zu hören und etwas gegen die Klimakatastrophe zu unternehmen. 

Daran und an vielen anderen Aussagen von Nuhr, gerade im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, nahmen viele Nutzer Anstoß und machten ihrem Ärger bei der DFG Luft. Diese verteidigte Nuhr zunächst, nahm aber nach anhaltender Kritik seinen Beitrag aus dem Netz.

Kabarettist wehrt sich gegen Vorwurf der „Wissenschaftsfeindlichkeit“

Der Kabarettist selbst reagierte verärgert und wehrte sich in einem schriftlichen Statement gegenüber der „Welt“, er sehe sich zu Unrecht als unwissenschaftlich verunglimpft. Er weise oft darauf hin, dass Wissenschaft nicht missbraucht werden dürfe, um eine „absolute Wahrheit zu proklamieren.“Auf seiner Facebookseite veröffentlichteDieter Nuhr ein Statement zu der Angelegenheit. Er sei immer wieder erstaunt, dass es Kritik gebe, wenn er sich äußere, egal zu welchem Thema. Er kritisiert die Löschung, die aus seiner Sicht ein Beispiel für "Cancel Culture" ist, also das Mundtotmachen kritischer Stimmen. 

Auch einige Nutzer auf Twitter reagierten empört auf die Löschung von Nuhrs Beitrag. So schreiben manche, dass es unmöglich sei, auf Kritik mit der „Zensur“ von Kabarettisten zu reagieren. 

Aus einem Statement der DFG, das in der „Welt“ veröffentlicht wurde, ist zu entnehmen, dass die Forschungsgemeinschaft inzwischen wohl die Zusammenarbeit mit Nuhr bereut: Man sei „offensichtlich zu einer falschen Gesamteinschätzung seiner Haltung gegenüber Wissenschaft und der Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse“ gekommen.

Dieter Nuhr als Fürsprecher der Vernunft? Ein schlechter Witz – ein Kommentar

Das Statement von Dieter Nuhr zu löschen ist ein Schritt, den man kritisieren kann – im Nachhinein einzugreifen ist immer schwierig. Vielmehr kritikwürdig ist aber die Entscheidung, zu dem Thema Wissenschaft und Gesellschaft den Kabarettisten überhaupt auszuwählen. 

Die Aussagen von Dieter Nuhr der letzten Monate böten eigentlich genug Gelegenheit, sich ein Urteil darüber zu bilden und gehörigen Abstand dazu zu nehmen, ihn zum Thema Wissenschaftlichkeit zum Gesicht einer Kampagne zu machen. Denn was Dieter Nuhr zur Corona-Pandemie und vor allem zum Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft zu sagen hatte, war im besten Fall zum Fremdschämen und vor allem sehr ärgerlich. 

Angela Merkel sei dem Virologen Christian Drosten verfallen, raunte Nuhr da zum Beispiel und brachte einen Ton in die Debatte um die richtigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, der alles andere als wissenschaftlich und seriös war. Was das mit Satire zu tun hat, mag auch jemand anders verstehen – flache Witzchen und um Aufmerksamkeit am rechten Rand heischende Häme mag vielleicht zuweilen so wirken, ist aber letztlich genau das: schäbiges Betteln um Aufmerksamkeit um jeden Preis. 

Doch wer glaubt, das sei neu, irrt: Bereits in der Vergangenheit war Dieter Nuhr alles andere als ein satirischer Verfechter von Vernunft und Wissenschaftlichkeit. Bei einigen Themen hatte Nuhr nur sachlich unbegründete Häme übrig und bekam erwartungsgemäß viel Applaus von den Gegnern des angeblichen „linksliberalen Mainstreams“. Wohlfeile Witzchen über die Klimaproteste auf dem Niveau eines von einigen Herrengedecken angeheiterten Altherren-Stammtischs über Schenkelklopfer zu Unisex-Toiletten: Wenn es ein Thema gibt, bei dem sich Wissenschaft und Gesellschaft weiterentwickelt haben, kann man sicher sein – Dieter Nuhr hat ein paar wohlfeile Herrenwitze übrig. 

Niemand behauptet, dass Dieter Nuhr ein Verschwörungstheoretiker ist und generell der Vernunft abgeneigt, aber bei einem Thema wie der Klimakrise zu behaupten, es gebe da nicht eine einhellige wissenschaftliche Meinung, sondern „viele Ansichten“, ist angesichts der überwältigenden Mehrheit von unabhängig voneinander forschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund um die Welt, die dringend, ja verzweifelt drastische Maßnahmen gegen die drohende Katastrophe fordern, an Absurdität kaum zu überbieten. Sicher – Dieter Nuhr ist der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen verbunden. Die Frage ist nur, aus welchem Jahrhundert.