Eben stand der Tod alias Boandlkramer noch auf der Spitze der in den steilen Fichtelgebirgs-Hang sich schmiegenden Freilicht-Bühne, gleich darauf erscheint er ebenerdig an deren Seite, oder ein drolliger Troll verschwindet zwischen Granitfelsen. Wie das?

125 Jahre - und mit Vorläufern noch viel länger - gibt es nun die Luisenburg-Festspiele nahe Wunsiedel mitten im Fichtelgebirge. Ihre programmatische Mischung aus Volks- und Musiktheater, Klassikern und Familienstück kommt beim Publikum gut an und verschafft dem durch Wirtschaftsflaute und Bevölkerungsrückgang gebeutelten Städtchen auch einmal positive Schlagzeilen. In der Tat wabert um die Naturbühne eine ganz eigene Atmosphäre, die von einem professionellen Team, seit 2004 angeführt von Intendant Michael Lerchenberg, auch gekonnt eingesetzt wird.

Natürlich ist keine Zauberei im Spiel, wenn die große Illusion das Publikum erfasst. Ein Wasserfall, Grotten, ein Wikingerschiff, ein Drache wie aus dem Nichts: Auf, neben und vor allem unter der Bühne waltet eine Theatermaschinerie ohnegleichen. Freilich gehört auch zu anderen Theatern vergleichbarer Größe ein Apparat aus Technik und Magazinen. Doch nur hier sind gewachsener Fels und Gebäude zu einem Bauwerk vereint. Das Felsenlabyrinth mit übereinander getürmten Granitblöcken nannte ein österreichischer Tiefbauingenieur eine "Pyramide aus Billardkugeln". Das war während der Ausbauphase von 2010 bis 2015, als mit großer Unterstützung der Stadt Wunsiedel (der Intendant erwähnt es dankbar), die ja Träger der Festspiele ist, rund 16,5 Millionen Euro investiert worden sind. Seither sind Schauspieler und Statisten aus drangvoller Enge befreit, führt ein Lastenaufzug vom Hintereingang mehrere Stockwerke hinauf zur Bühne, aber auch zu den eigenen Werkstätten. Alles - ein neues Betriebs- und ein Technikgebäude sind entstanden - in den Granit hineingesprengt.

Doch das war nur der letzte Streich in einer langen, langen Luisenburg-Geschichte. Die Spuren der Pioniere im Gefolge des Professors Hacker sind ganz unten zu sehen. Vermutlich 1912 ist die Bühne mit katakombenähnlichen Gängen unterminiert worden. Aussparungen in den Wänden für Karbidlampen zeugen noch davon. Denn Elektrizität gab es ja noch keine im Felsengarten. Das hat sich geändert, denn Stränge von Versorgungsleitungen durchziehen die engen Gänge; insgesamt kostete die Licht- und Tonanlage, installiert seit 2005, 900 000 Euro. Seither sind ungeahnte Lichtstimmungen möglich und auch die von Lerchenberg neu ins Fichtelgebirge gebrachten Musicals.

Doch das ist Neuzeit und bei allem Aufwand so spektakulär nicht. Interessanter sind die Gänge. Exakt eine Minute und 40 Sekunden dauert es, bis ein Schauspieler sich vom linken zum rechten Bühnenrand bewegt hat oder umgekehrt - unterirdisch, versteht sich. Der Aufgang zur Klappe auf der Bühne wirkt fragil und irgendwie retro; arme Schauspieler, die sich da durchwinden müssen! Da haben es in Felsspalten verschwindende Kinder wie die Trolle in "Der kleine Wikinger" doch leichter.

Halsbrecherische Bühne
Man sieht so vieles nicht vom überdachten Zuschauerraum aus (übrigens ein Vorläufer des Münchner Olympia-Zeltdachs von 1972). Nicht die steilen Metalltreppen, nicht die Rohre des "Wasserfalls", viele kleine Scheinwerfer nicht, nicht den Teppich auf der obersten Tribüne. Es bleibt die Illusion der freien Natur. Was sie trotz aller Modifikation auch ist und bleibt. Mit jeder Minute im Hang wächst der Respekt vor den Schauspielern. Während sich der Besucher vorsichtig steilste Stufen hinabtastet, rasen und schlittern die Profis im Eifer des Theatergefechts den Hang hinunter, rutschen gar auf dem blanken Fels, den Hintern als Schlitten nutzend, auf einen Baum zu, der notdürftig gepolstert ist. So geschehen im "Sommernachtstraum" dieses Jahr.

Klar, dass das den Kostümen nicht gerade zuträglich ist. 150 sind es alleine für den "Brandner", 280 brauchten die "Blues Brothers". Sie - die Kostüme, nicht die Blues Brothers - hängen wohl geordnet in diversen Arsenalen. Da sieht man den Federmantel des Oberon, die Masken der abscheulichen Schakale aus dem "Wikinger", die Schaumstoff-Bäuchlein der Trolle, die Flügel des Erzengels Michael. Zum Großteil in der eigenen Schneiderei gefertigt, im "wunderbaren Waschsalon" im Granit gereinigt oder in einer Turboanlage getrocknet. Denn es wird ja auch bei Regen gespielt. So sind die Festspiele Arbeitgeber für rund 60 Menschen.

Bei aller Technik, aller Raffinesse: Die Luisenburg ist und bleibt eine Naturbühne. In dieser Spielzeit beherbergt sie Siebenschläfer, weiß der Intendant, Eidechsen und Mäuse flitzen über den Bühnenboden. Und eines Nachts saß ganz oben ein Luchs. Ob er auf den Spielbeginn wartete?

Das Team der Luisenburg-Festspiele bietet Führungen für Gruppen bis zu 20 Personen durch die Katakomben und Betriebsgebäude der Freilichtbühne an. Kontakt Bettina Wilts, Tel. 09232/602203, E-Mail jubilaeum@luisenburg-aktuell.de. Führungen für Einzelpersonen sind nicht möglich!