Bayreuth
Festspiele Bayreuth

Die Krux flüchtiger Auftritte

Elena Pankratova erweist sich in "Lohengrin" als echte Bayreuth-Heroine. Annette Dasch meistert derweil die undankbare Aufgabe, für die ausgefallene Anna Netrekbo einspringen zu müssen.
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Elena Pankratova überzeugte als Ortrud das Bayreuther Publikum.  Foto: Bayreuther Festspiele/Ernrico Nawrath
Elena Pankratova überzeugte als Ortrud das Bayreuther Publikum. Foto: Bayreuther Festspiele/Ernrico Nawrath
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Die Stars der internationalen Gesangsszene haben es gut: weder wirkliche noch behauptete Indispositionen müssen sie beweisen, eine Absage genügt. Wer wird schon von Anna Netrebko ein ärztliches Attest verlangen?

Aber urteilen wir nicht leichtfertig wie all Jene, die schon vorab zu wissen glaubten, dass die Diva aller Diven sowieso nicht kommen werde, weil sie ja das deutsche Repertoire nicht mag. Auch für Anna Netrebko wäre ein Auftritt bei den Bayreuther Festspielen ein Markstein in ihrer Karriere gewesen, denn der heiligste aller Musentempel steht immer noch auf dem Grünen Hügel. Allerdings scheint die gleichzeitige Annullierung von Salzburger Auftritten die Version von der "Erschöpfung" der viel beschäftigten Sopranistin zu stützen.

Das tiefer liegende Problem liegt eher in den Bedingungen, die manche der Weltstars den Veranstaltern oktroyieren.

Exkursionen per Helikopter

Elina Garanca beispielsweise ist praktisch nicht zu haben, wenn ihr Mann nicht gleichzeitig dirigieren kann, und von Netrebko sind auch keine Absagen bekannt, wenn Yusif Eyvazov mit auf der Bühne stehen darf.

Punktuelle Auftritte - wie die beiden für den Bayreuther "Lohengrin" konzedierten - vertragen sich nicht mit Wagners Festspielidee, ebenso wenig wie die Exkursionen per Helikopter des ebenso umtriebigen wie flüchtigen Dirigierzampanos Valery Gergiev.

Wie sensibel das Bayreuther Publikum auf diese Gemenge-lage reagiert, zeigte sich am vergangenen Dienstag, als Gergiev wegen eines Todesfalles das "Tannhäuser"-Dirigat absagte und der einspringende Christian Thielemann enthusiastisch gefeiert wurde. Das Publikum liegt ihm wegen seiner konsequenten Haltung zu Füßen; man könnte auch ganz altmodisch sagen: wegen seiner Treue. Ähnlich demonstrativ wurde tags drauf die anstelle Anna Netrebkos als Elsa im "Lohengrin" auftretende Annette Dasch begrüßt, nämlich mit erwartungsfrohem Jubel. Wie berechtigt der war, lässt sich kaum beurteilen, denn der unfaire, weil spekulative Vergleich muss hier unterbleiben.

Wohl aber darf behauptet werden, dass an die imposante Bühnenpräsenz der russischen Sängerin, die ja auch eine fabelhafte Schauspielerin ist, kaum heranzureichen ist.

Doch das muss Annette Dasch auch gar nicht, denn die Erinnerung an die letztjährige Besetzung der Elsa ist naheliegender als ein virtueller Abgleich mit der erst gar nicht erschienenen Netrebko.

Wer den schrillen Gesang von Anja Harteros noch in den Ohren hat, durfte sich am Mittwoch glücklich schätzen, bei Daschs Auftritt endlich wieder Gesangskultur erleben zu dürfen. Die Sängerin wiederholte ihre stimmlich etwas heruntergedimmte Version der Elsa, so wie man sie aus der Neuenfels-Inszenierung noch in Erinnerung hat.

Fehlende Durchschlagskraft

Schon ihre ersten Laute sind ein Wagnis, denn sie passen in ihrer gespielten Verunsicherung zum kläglichen Auftritt der geschundenen Protagonistin.

Doch dann zeigt sich, dass Annette Dasch auch ganz andere Töne gestalten kann, und dies ohne jenes ansatzlose Flackern, unter dem so viele andere Stimmen leiden. Dass es ihr in den großen Ensemble-Szenen etwas an Durchschlagskraft gebricht, muss man dafür in Kauf nehmen. Elena Pankratova (als Ortrud) taugt da mit ihrem markanten Mezzosopran schon eher als Bayreuth-Heroine und würde einen Zickenkrieg mit dieser Elsa allemal gewinnen, aber dafür gilt es, eine größere Prise Tremolo zu verdauen. Piotr Beczala (als Lohengrin) knüpfte an sein gefeiertes Debüt vom vergangenen Jahr an, musste aber einige Spitzentöne etwas zurücknehmen.

Sein großes Solo in der Enthüllungsszene wurde zum Glanzpunkt des Abends. Besser denn je taugt Tomasz Konieczny zum Bösewicht: sein Telramund verfügt über eine grobe, schneidende Stimme; eigentlich unschön, aber eben passend. Kassierte er voriges Jahr noch einige Buhs, so wurde er diesmal gefeiert. Großer Beifall auch für Georg Zeppenfeld (als König Heinrich) und Egils Silins (als Heerrufer).

Für das kommende Jahr ist bei den Bayreuther Festspielen wieder ein neuer "Ring des Nibelungen" angekündigt, der von Valentin Schwarz inszeniert und von Pietari Inkinen musikalisch geleitet wird. "Tristan und Isolde" sowie "Parsifal" fallen weg, während "Tannhäuser", "Lohengrin" und "Die Meistersinger von Nürnberg" wieder aufgenommen werden. Das kurze Gastspiel Valery Gergievs ist beendet, stattdessen dirigiert Axel Kober die Aufführungen des "Tannhäuser".

Unter den Sängern der Tetralogie sind zunächst der fabelhafte Günther Groissböck als Wotan sowie Stefan Vinke und Arnold Bezuyen als ideale Verkörperungen von Loge und Mime zu nennen. Klaus Florian Vogt wird aus dem Siegmund sicherlich eine Glanzrolle machen, während Andreas Schager zum viel versprechenden Siegfried avancieren dürfte.

Rätselhaft bleibt freilich, warum man ausgerechnet Petra Lang die Rolle der Brünnhilde zumuten will.