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Bamberg
Interview

Die Feinde des Eckhard Henscheid

Eckhard Henscheid (71) ist der wortmächtigste Polemiker der Republik. Der Schriftsteller und Essayist aus Amberg kann auf ein vielfältiges Werk wie kaum ein anderer zurückblicken. Im vorigen Jahr veröffentlichte er seine fragmentarische Autobiografie "Denkwürdigkeiten". Bei einem Besuch in Bamberg sprach er über sein Schaffen.
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Eckhard Henscheid Foto: Ronald Rinklef
Eckhard Henscheid Foto: Ronald Rinklef
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FT: Herr Henscheid, zunächst Glückwunsch zu Ihren "Thesen zur deutschen Frau", eben erschienen in der Satirezeitschrift "Titanic" ...
Henscheid: Die stammen eher von meiner Frau [Regina Henscheid, d. Red.]. Aber ich richte es ihr aus, dass Sie gleich einen Glückwunsch aussprechen. Über etwas krumme Wege hat das die Titanic genommen. Es ist mehr oder minder ausschließlich von meiner Frau, allerdings von mir abgesegnet, weil ich ähnliche Befunde hatte.

Ich möchte den Aufsatz als Ausgangspunkt nehmen. Satirische Beobachtungen haben Sie ein ganzes Schriftstellerleben lang gemacht. Sie haben ein Dummdeutsch-Wörterbuch geschrieben, ich erinnere an das "Sudelbuch" von 1987, Sie haben etliche Aufsätze etwa im "Jahrhundert der Obszönität" geschrieben, Sie schrieben "Erledigte Fälle" unter anderem über Reich-Ranicki, von denen außer durch den
Gevatter Hein alle doch noch nicht so erledigt sind: Sind Sie mitunter frustriert über mangelnde Wirkung Ihrer Sottisen?

Die Wirkung ist gar nicht so gering, wie man sich's manchmal vorstellt. Zum Beispiel bei dem "Dummdeutsch" hab ich gleich am Anfang in der ersten Reclam-Ausgabe bei einem Germanisten-Kongress gehört, dass es sogar in die Lehrerschaft hinein gewirkt hat, die Lehrer also sozusagen auch mea culpa gemacht haben und mir versicherten, dass sie seit der Lektüre dieses Buchs etwas zur Selbstkritik mehr neigen als vorher, und selbst in der Concordia hier (Henscheid las im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia) hatte ich einen kleinen Erfolg zu verzeichnen und hatte nachmittags beim Kaffee auf die Gefahr hin, die Leute zu verärgern, zweimal Sprachkritik geübt bei besonders oft hörbaren Floskeln oder Phrasen, die zurzeit bei mir obenan stehen, nämlich den Lieblingsunwörtern "okay" und "spannend", und ich habe das Gefühl, das wurde mir nicht übel genommen, sondern weitgehend geglaubt.

Ist Ihnen schon aufgefallen, dass man neuerdings ständig die Rede unterbricht, um ein nachdenkendes, -liches "ja" einzuschieben? Man sagt etwas, dann kommt ein "Ja", dann wieder eins und so fort. Dieses bestätigende Okay finde ich übrigens auch unerträglich - allein, obwohl ich es in mancher Glosse schon gegeißelt habe ... absolut wirkungslos.
Das nimmt noch zu. Das ist nicht nur Bestätigung, sondern hat auch die Bedeutung "sprich weiter". Wenn er in bestimmten Abständen "okay" sagt, heißt das, er hört mir gnädig zu. Das hat verschiedene Valenzen, zum Teil widersprechende. Aber es ist in jedem Fall gedankenlos und eine Frechheit, zurzeit wohl das größte Übel der deutschen Sprache kurz vor dem "spannend", das inzwischen alles ist, also nicht nur Fußball und Kulturleben und neue Premieren in München. Neuerdings liest man auch aus dem breiten Maul einer deutschen Ex-Bischöfin, dass die Religion spannend ist, oder irgendeine Heiligen-Ausstellung bezeugt ein spannendes Leben, also "spannend" bedeutet inzwischen null. Das war noch nicht in "Dummdeutsch", Sie sehen, ich bin weiter am Beobachten.

Mit dieser Bischöfin haben Sie mir ein Stichwort geliefert. Die Bischöfin Käßmann ist Ihnen widerwärtig - und nicht nur Ihnen. Sie können das jedoch vermutlich am besten formulieren. Was stört Sie an dieser Person?
Stören ist untertrieben. Es müsste eigentlich allen auffallen, wie ihre Bücher, und es sind ja nicht wenige, dass es eigentlich bekloppt ist und gottlos, was sie zusammenfaselt, nämlich am deutlichsten erkennbar daran, dass sie immer einen Gesprächsfaden mit Gott sucht und das empfiehlt. Ein Kollege von mir schrieb einmal, wenn Herr Jesus vom Kreuz herunter fragt "Mein Gott, hast du mich verlassen", ob der auch einen Gesprächsfaden wieder anleiert, und diesen Gesprächsfaden, das ist jetzt nicht erfunden, den sucht sie am ehesten mit Freundinnen in der Sauna, seltener im Cafe, sondern sie kommt immer wieder auf die Sauna zu sprechen. Und dass eine weltweit führende Protestantin, und das ist sie wohl, so einen Scheißdreck daherredet, das muss man schon als solches präzisieren. Sie hat nicht nur Freunde, aber die Schäfchen, die ihr treu zuhören und das alles glauben, was sie zusammenfaselt, die sind auch eine beträchtliche Gruppe. Ich vermute, dass der katholische Bischof von Bamberg nicht so viel Einfluss nehmen kann wie diese Närrin, deren Höhepunkt aber jetzt erst bevorsteht. In freier medialer Wirksamkeit kann sie über den Gesprächspartner reden im Lutherjahr. Und das beginnt eigentlich jetzt schon wieder; sie könnte eigentlich die Luther-Bibel tanzen, multimedial, nicht nur in der Sauna, vielleicht in der Sauna tanzen? Um das noch dichter zu weben, das Netz des Blödsinns. Wir wollen sie aber nicht überbewerten, die Frau Käßmann.

Dennoch eine neue Lieblingsfeindin. Gibt es andere Lieblingsfeinde auch noch? In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, Sie hätten inzwischen einen Stand von Altersmilde erreicht?
Nein, nein, das ist keine Altersmilde. Ich habe nur versucht auszugleichen zwischen Feindesliebe und Feindesbestrafung, was der Herr Jesus eben auch getan hat laut Bibel. Milder bin ich eigentlich nicht geworden. Ich habe nur akzentuiert, was die Leser vielleicht vorher nicht so wussten, dass zu den "Feinden" immer eine gewisse Zuneigung gehört. Das habe ich etwas deutlicher gemacht in der vorläufigen Bilanz. Da steht Käßmann schon drin, der Baron zu Guttenberg hat's auch grad noch geschafft reinzurutschen, aber vermutlich, wenn ich nachdenke ... Ich lese zurzeit ein Buch eines Schülers von mir über die Irren in der Politik, da hat man eine reiche Auswahl quer durch die Parteien, allerdings auch ganz Harmlose dabei und Knallköpfe, die man kaum zum Lieblingsfeind macht.

Was sagen Sie denn etwa zu einer Figur wie der Claudia Roth? Steht die unter Ihrer Beobachtung?
Die gehört nicht nur bei mir zu den Lieblingsfeinden, obwohl sie ein bisschen zu dumm ist, um Feindes-Status zu erreichen, aber sie ist eben sehr penetrant, und das wird zunehmen. Aber sie steht nicht alleine in ihrer Partei. Also Herr Trittin, der wohl noch etwas zukunftsträchtiger ist, der ist auch ein großer Kandidat inzwischen. Bei den Sozialdemokraten kann man blind hintippen, da hat man nur Nullen, aber keine richtigen Feinde. Den Herrn Söder von der CSU, den haben seit zehn Jahren alle derart einvernehmlich verdammt, dass ich mich im Verein mit meiner Ihnen jetzt bekannten Ehefrau entschlossen habe, ihm eine Chance zu geben. Vorerst spricht nichts dagegen, dass er mal unser Landesvater werden soll, aber vielleicht täusche ich mich da. Ein Freund ist er noch nicht, aber auch kein Lieblingsfeind.

Sie haben auch einmal geäußert, dass die sogenannte Neue Frankfurter Schule um Sie, Robert Gernhardt und andere herum auch keine große Wirkung gehabt habe?
Das haben Sie ganz richtig wiedergegeben. Dass sich das literarische Niveau in unserm Sinn geändert hätte, das stimmt nur in ganz kleinen Spuren. Ein aktuelles Beispiel: Im nächsten Jahr findet nach 41 Jahren eine sogenannte Reprise der "Vollidioten" (Henscheids erster Roman, Anm. d. Red.) statt als städtische Kulturveranstaltung in Frankfurt. Offenbar hat das Buch eine gewisse Wirkung gehabt. Aber wenn man heute neue Romane liest und auch die Befunde der Kritiker und Preisgremien und all dieser Figuren, dann müsste man sagen, es hat sich wieder zurückentwickelt in die 40er und 50er Jahre und zum Teil noch weiter zurück. Ganz generell lässt sich aber der Befund nicht halten, man muss ja immer auch als kritischer Theoretiker hoffen, dass etwas zurückbleibt. Es gibt schon Spuren in der Schüler-, aber auch in der Enkelgeneration. Zum Teil sind die aber so geartet, dass meine Generation als so etwas wie die gutmütige Opa-Generation dasteht, damit muss man leider auch leben.

Sie haben des Öfteren auch den Literaturbetrieb als "hochgradig korrupt" verteufelt. Halten Sie Ihre Diagnose aufrecht? Oder war das satirische Überspitzung, pure Provokation?
Korrupt ist ja ein sehr vieldeutiges Wort. Bei dem Prozess gegen Böll und seinen Sohn René (Henscheid hatte Heinrich Böll u. a. als "steindumm" bezeichnet, Anm. d. Red.) ging's ja um die verschiedenen Bedeutungen von "korrupt". Ich habe damals das Wort präzise verwendet - nicht, dass Böll bestechlich sei, sondern in der ursprünglichen lateinischen Bedeutung von "verderbt". Da bin ich ja weiß Gott nicht der Einzige, der die literarische Landschaft als verderbt empfindet. Das hat in den 60er Jahren schon begonnen. Auch ein Wichtigkeits-Vertreter wie der Hans Mayer, der war wohl der erste, der das gesagt hat, und dann etwas später der Linke Walter Boehlich, dass der Literaturbetrieb völlig verderbt ist. Im Augenblick hat man wieder eher das Gefühl einer kleinen Nuancenverschiebung, dass er eher verschnarcht ist und vor sich hinplätschert ohne so richtige verbrecherische Verderbtheit, aber auch nicht lobenswert. Immer mit den erfreulichen Ausnahmen und Einschränkungen.

Wenn Sie die Lage der deutschen Literatur, des Buchhandels usw. vergleichen mit der zur Zeit Ihrer Anfänge in den frühen 70er Jahren mit heute, wie fällt Ihr Urteil aus?
Dass mein Erstling jetzt wieder aufgelegt wird, ist ja ein Indiz dafür, dass er einigen Blödsinn der damaligen Zeit überlebt hat. Damals wurde ein bestimmter Typ von Roman erfolgreich gepflogen, der politische Roman etwas unglaubwürdiger Art, der sich mit Schleyer-Mord, mit politischen Dingen wie den Notstandsgesetzen usw. befasst hat. Das war vielleicht damals gut gemeint, aber literarisch hat's so gut wie nie funktioniert. Jetzt ist eher das Gegenteil zu beklagen einer zu großen Harmlosigkeit, wenn man so will Entpolitisierung. Wenn ich auf die Idee käme, jetzt wieder einen Roman zu schreiben, würde ich mir das alles durch den Kopf gehen lassen, wie man heute mit etwas veränderten Rahmenbedingungen einen Roman schreibt, wie der Inhalt sein kann, die Ausdrucksmöglichkeiten, die Stilprinzipien usw.

Haben Sie die Ambition, noch einmal einen Roman zu schreiben?
Diesen klassischen Roman nicht, aber ich habe ja, das haben aber nur wenige gemerkt, obwohl er im Untertitel so genannt wurde, vor vier Jahren einen Roman geschrieben, "Auweia", einen sogenannten Infantilroman, der den meisten aber nicht als würdiger Roman erschienen ist, obwohl er meines Erachtens mehr von Roman und Zeitgeist transportiert als so mancher dickleibige Wälzer.

Sie haben immer gegen die Literaturpreise gewettert. Den Jean-Paul-Preis haben Sie angenommen.
Dazu bin ich mehr oder minder fast gezwungen worden. Ich habe neulich wieder zwei abgelehnt, also es soll schon bei der Ablehnung bleiben. Ich mach's nicht besonders gern mit, aber bei Jean Paul konnte man schon eine Ausnahme machen und vorher bei Italo Svevo, weil ich wirklich vor allem dem Svevo näher stehe als alle andern Autoren, und es lag auch noch kein Makel auf diesem Preis. So manches andere werde ich nach wie vor ablehnen auch aus humanistischen Gründen. Es gibt junge Autoren, die können auch das Geld besser brauchen.

Was schätzen Sie an Jean Paul?
Ich schätze ihn nicht mehr in dem Maß wie vor 20, 30 Jahren. Ich merke es bei der erneuten Lektüre der Briefe, die mir nicht so liegen wie die mancher anderer Lieblingsautoren. Inzwischen muss ich mich bemühen, da wieder reinzufinden. Ich bin froh, dass ich die dicken Romane vor 20, 30 Jahren gelesen habe. Die würden mir jetzt aus verschiedenen Gründen, die man darstellen könnte, aber wir wollen uns jetzt nicht übernehmen, weniger liegen. Er war insgesamt schon natürlich eine erfreuliche Größe. Im Zuge der speziell Bayreuther nimmermüden Feiervorgänge schadet man einem einem Autor eventuell sogar eher - ein populärer Autor wird Jean Paul natürlich sowieso nie. Weder mit seinen kleinen Texten noch mit seinen dicken Romanen. Die dicken Romane, die damals erstaunlicherweise vor allem bei Frauen erfolgreich waren.

Sehen Sie für sich unter den Jungen einen Nachfolger, mit ähnlicher polemischer Wucht und Sprachmacht?
Ich habe gestern erst einen getroffen, der gerade mit einem neuen Buch auf Lesereise ist, aber in die Bundestagswahl eingreift als Kanzlerkandidat. "Titanic"-Leser wissen, wen ich meine, Oliver Schmitt, der die "Partei" vertritt. Im Zug las ich einen anderen Lieblingsschüler, der eben über diese Politikerskandale der letzten 20 Jahre geschrieben hat, ein Christian Meurer. Die machen das auf ihre Art mindestens genauso gut, die gehören inzwischen aber auch schon wieder zur Vätergeneration, inzwischen wächst so eine Enkelgeneration nach, das geht ja rasend schnell. Hoffentlich verstehen wir diese jungen Leute dann noch.

Das Gespräch führte Rudolf Görtler.