Bamberg
Premiere

"Der Westen" pfeift im ETA-Hoffmann-Theater aus dem letzten Loch

Das Bamberger ETA-Hoffmann-Theater läutet dem Westen das Totenglöckchen.
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Die  popkulturellen Wappentiere  des Westens  waren  auch schon mal besser   in Form. Martin Kaufhold
Die popkulturellen Wappentiere des Westens waren auch schon mal besser in Form. Martin Kaufhold
Vielleicht lässt sich die Geschichte des Westens tatsächlich mit jenem Apfel erzählen, den Christopher Kolumbus (Daniel Seniuk) am Freitag auf der Studiobühne des ETA-Hoffmann-Theaters in seinen Händen wog. Mit Kassengestell, Jeans und Rollkragenpulli erinnerte Kolumbus an Steve Jobs, den Gründer des Technologiekonzerns Apple.
Apple heißt Apfel, und so stand der Apfel auf der Bamberger Bühne symbolisch für freies Unternehmertum und Pioniergeist, für Ingenieurskunst und kühne Ästhetik. Einerseits. In der christlichen Bildsprache steht andererseits der Apfel für Schuld und Sünde.

Der Westen also triumphiert, weil er sich schuldig macht. So war es und so ist es. Wo es Kolumbus bei der Entdeckung Amerikas um neue Handelsrouten und die Versklavung von Eingeborenen ging, hat der Erfolg von Apple die Ausbeutung zur Voraussetzung. Die kultisch verehrten iPhones schließlich schrauben schlecht bezahlte und chronisch überarbeitete Arbeiter in China zusammen.
Es sind schmutzige Betriebsgeheimnisse wie dieses, die den Westen in eine Legitimations-, vielleicht auch schon in eine Existenzkrise stürzten.

An diesem Punkt stehen wir heute, hier lud das Bamberger Theater am Freitag ein weiteres Mal dazu ein, über die Verheißungen und Sollbruchstellen des westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells nachzudenken. Geschrieben hat "Der Westen" der Frankfurter Dramaturg Konstantin Küspert. Es ist nach "Rechtes Denken" und "Europa verteidigen" sein drittes Gastspiel in Bamberg. Ihre Uraufführung feierte die Inszenierung in der vergangenen Woche bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen. Die Kritiken waren durchwachsen, was sich nach der Bamberger Premiere so nicht zwingend erschloss.

Dafür waren die von vielen Rollenwechseln geforderten Schauspieler zu gut, dafür waren die Videoinstallationen von Manuela Hartel zu anregend, dafür war auch die Zahl der gelungenen Regieeinfälle von Sibylle Broll-Pape und Dramaturg Remsi Al Khalisi zu hoch.


Nicht schon wieder Trump!

Nur wäre man gerne - nur so als Beispiel - von Donald Trump und Angela Merkel zumindest einen Abend lang verschont geblieben.

Denn mehr als eine havarierte Frisur und missvergnügt nach unten hängende Mundwinkel fiel den Bambergern zu Trump und Merkel nicht ein. So blieben deren Auftritte zeitgeistige Effekthascherei. Raffiniert dagegen die Entscheidung, mit Lucky Luke, Superman und Dagobert Duck kulturelle Symbolfiguren der westlichen Welt auf die Bühne zu schicken.
Schließlich rührt die Attraktivität des Westens nicht nur von seiner überlegenen Wirtschaftskraft, sondern auch von seinen kulturellen Erzählungen.


Depressive Verstimmtheit

Dies erlaubte den Bambergern den demaskierenden Effekt, die für Selbstbestimmung, Fortschrittsglaube und Freiheit einstehenden Figuren im Zustand von Erschöpfung und Überdruss vorzuführen. Eindrücklicher hätte sich die depressive Verstimmung des Westens kaum ins Bild setzen lassen.

Lucky Luke (Paul Maximilian Pira) haben seine bis an die Zähne bewaffneten Landsleute die archaische Lust am Schießen ausgetrieben, den aus dem gleichnamigen Videospiel-Klassiker entstiegenen Super Mario (Anna Döing) hat die manisch zur Schau gestellte gute Laune in einen schwermütigen Mann verwandelt.


Geschichten von der Maus

Vollends bemitleidenswert die Freiheitsstatute (Bertram Maxim Gärtner), deren einst stolze Flamme allenfalls noch schüchtern glimmt. Schuld hat die Renaissance der Mauern und militarisierten Grenzschutzregime.

Und das Versprechen, es mit harter Arbeit zu Wohlstand bringen zu können? Von entfesselten Finanzkapitalismus geschreddert! Das vor Augen führte den Zuschauern Dagobert Duck (Stefan Hartmann), das Wappentier des westlichen Aufstiegsversprechens: "Die einzige Möglichkeit, sehr, sehr reich zu werden, ist schon reich zu sein."
Nach knapp zwei Stunden der fröhlichen Desillusionierung zitierte "Der Westen" die Geschichte von der Maus Fredrick, die im Herbst unter den vorwurfsvollen Blicken ihrer Artgenossen keine Nüsse sammelt, sondern Farben.

Und wie sich die Mäuse bei Kälte und Dunkelheit an den Farben, so sollten die Bewohner des Westens sich an den Erinnerungen an hellere Tage laben: "Denn es wird ein langer, harter Winter."


Wie bei "Game of Thrones"

Von einem langen, harten Winter die Rede ist auch im größten Heldenepos unserer Tage. In "Game of Thrones" stehen zerstrittene Königsreiche vor der Frage, ob sie im Angesicht existenzieller Gefahr nicht doch ihre Kräfte bündeln sollten.

Ob der von sozialer Spaltung, Migration und Klimawandel herausgeforderte Westen also in einem neuen Weltbürgertum aufgehen müsste, verrieten Küspert und Broll-Pape nicht. Sie gaben diese Denksportaufgabe den Zuschauern stattdessen auf den Heimweg mit.