Was muss der Bamberger Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal durchgemacht haben! 81 Tage dauerte seine Leidenszeit, bevor er im Februar 1795 starb. Sein Leibarzt Adalbert Friedrich Marcus hatte ein "Katarrhfieber gallichter Art" - tatsächlich eine akute Blasenentzündung - mit damals üblichen Therapien nach der sogenannten Humoralpathologie behandelt: nämlich durch purgierende Maßnahmen.

Die zielten darauf ab, aus dem Körper des Fürstbischofs vermeintlich schädliche Stoffe durch Ausdünstungen, Schweißausbrüche, vor allem durch Darmentleerungen und Erbrechen herauszubringen. Dementsprechend hat Marcus seinen Patienten unentwegt mit oralen Laxantien, mit Klistierspritzen, mit Brechmitteln geplagt.

Vermutlich wäre der ohnehin stets kränkliche Fürstbischof auch ohne diese Rosskur gestorben. Doch sie wirft ein Licht auf den Stand der Medizin im 18. Jahrhundert, "die zu diesem Zeitpunkt schlecht angesehen war", erklärt Dr. Georg Knoblach, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisverbandes Bamberg. Damals habe Heilung nicht an erster Stelle gestanden, weil Behandlungsmaßnahmen als unerlaubte Eingriffe in Gottes Natur verstanden worden seien.

Gleichwohl gehöre Adalbert Friedrich Marcus zu den bedeutendsten deutschen Medizinern der Neuzeit, so Knoblach. Daher "ist es für die Bamberger Ärzte eine Verpflichtung, das Gedenken an ihren großen Kollegen aufrecht zu halten". Das geschieht nun 2016, in dem sich im April der Todestag von Marcus zum 200. Mal jährt,
mit einer Reihe von Veranstaltungen, in denen der Ärztliche Kreisverband an den schillernden Medicus erinnert.

Und an seine "revolutionäre Bedeutung für die Medizin", wie Georg Knoblach sagt. Zusammen mit dem späteren Arzt Johann Lukas Schönlein (1793-1864) habe Marcus den Ruf Bambergs als Zentrum der Medizin begründet, das von weither besucht worden sei.

Geboren 1753 in Arolsen als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, ergriff Marcus den Arztberuf. Erst arbeitete er im Juliusspital in Würzburg, 1778 ließ er sich als praktischer Arzt in Bamberg nieder. Zwischenzeitlich wie fünf seiner Brüder getauft, avancierte er drei Jahre später zum Leibarzt des Fürstbischofs von Erthal - dem Erbauer des "Allgemeinen Krankenhauses", damals das modernste seiner Art in Europa.

Adalbert Friedrich Marcus wurde Direktor dieses Krankenhauses und zeigte sich in seinen Nebendiensten ausgesprochen sozial: Er behandelte arme Kranke kostenlos. Damit lag er auf der Linie seines Arbeitgebers Erthal, der bei der Einweihung des Krankenhauses 1789 sagte: "Der Fürst ist für das Volk und nicht das Volk für den Fürsten da." Damit stellte sich der geistliche Reichsfürst der beiden Hochstifte Würzburg und Bamberg in die Reihe aufgeklärt-absolutistischer Herrscher wie Friedrich II. von Preußen und Kaiser Joseph II.

Auch nach der Säkularisation gestaltete Marcus als sozial denkender Mediziner das öffentliche Gesundheitswesen der Region maßgeblich mit. Er regelte die Ausbildung der Hebammen und Wundärzte, errichtete eine Entbindungsanstalt und gründete 1803 in der ehemaligen Propstei St. Getreu eine "Irrenanstalt", in der erstmals im deutschsprachigen Raum Menschen mit seelischen Störungen nicht nur weggesperrt, sondern auch therapiert wurden.

Marcus initiierte als Vorläuferin des heutigen Systems die erste Krankenkasse mit Zwangsbeiträgen für Handwerker und Dienstboten, schuf die bayerische "Armenordnung" und sicherte mit den "Landphysikaten" die medizinische Versorgung der ländlichen Bevölkerung durch staatlich besoldete Ärzte und Hebammen. Schon um 1800 hatte er als einer der ersten deutschen Ärzte vor der gesetzlichen Pflicht die Pockenschutzimpfung eingeführt.

Von seinen Zeitgenossen wurde der rührige Mediziner als Diagnostiker und Therapeut gerühmt: "Wer krank im Bette lag, an welches Marcus trat, fühlte Hippokrates." Doch der so Gerühmte war Neuem aufgeschlossen: Er brach mit der antiken Humoralpathologie und nahm die Lehre des Schotten John Brown begeistert auf.

Der Brownianismus führte alle Krankheiten auf Störungen des Gleichgewichts zwischen Umwelt- und Körperreizen zurück. Die heute abenteuerlich anmutende Lehre und die daraus erfolgenden Therapien wie Aderlass und Abführen bei leichten Erkrankungen oder mächtige Essen und die Gabe von Opiaten in schweren Fällen führte Marcus in seinem Krankenhaus ein.

Sogar Goethes Geliebte Caroline Schlegel soll sich zur Behandlung ihrer Depression und eines Nervenfiebers in die Obhut des Bamberger Arztes Marcus mit dessen angewandter Brownscher Lehre begeben haben.

Der Medicus veränderte auch das gesellschaftliche Leben des bürgerlichen Bambergs. Er war 1791 der Mitbegründer der "Gesellschaft Harmonie", unterstützte die Ansiedlung eines professionellen Theaters und sicherte bis zu seinem Tod dessen Erhalt. Mit dem Grafen Julius von Soden rief er die erste "Bamberger Zeitung" ins Leben. Marcus verband über Jahre eine Freundschaft mit E.T.A.-Hoffmann, die im Schaffen des Literaten ihren Niederschlag fand. Auch der Naturphilosoph Friedrich Schelling zählte zu den engen Freunden von Marcus. 1801 erwarb der Arzt die Altenburgruine und sicherte die Bausubstanz in einer Zeit, in der man verfallene Gebäude noch eher als Steinbrüche denn als Denkmalschutzobjekte wahrnahm.

Nach zeitgenössischen Berichten war am 29. April 1816 nahezu die gesamte Stadt auf den Beinen, um dem drei Tage zuvor verstorbenen Adalbert Friedrich Marcus die letzte Ehre zu erweisen. Der feierliche Leichenzug zur Grabesstätte Altenburg wurde vom Glockengeläut aller Bamberger Kirchen begleitet. Freunde hielten Trauerreden auf den "unvergesslichen Marcus" und sangen eigens für diesen Anlass verfasste Trauerlieder.

Die Lokalgeschichtsschreibung zeichnet ein durchweg positives Bild von Adalbert Friedrich Marcus. Zu seinen Eigenschaften habe rastloser Eifer, Hingabe, Selbstlosigkeit, Bescheidenheit, Humanität gehört, schrieben etwa seine Neffen Friedrich und Karl Moritz über ihren verstorbenen Onkel. Die spätere allgemein medizin- und institutionengeschichtliche Literatur kommt dagegen auch zu kritischen Wertungen, beleuchtet etwa Marcus' Neigung zu fragwürdigen medizinischen Theorien.

Erhebliche Kratzer bekommt die Heldengestalt Marcus in der druckfrischen Biografie, die das Bamberger Historikerpaar Mark Häberlein und Michaela Schmölz-Häberlein akribisch verfasst hat. Reichhaltiges Quellenmaterial lag den Autoren zugrunde, das nach der Auswertung zu einer differenzierten Sicht des Arztes Marcus führt.

"Nicht nur bahnbrechende gesundheits- und sozialpolitische Initiativen, bemerkenswerte organisatorische Leistungen und vielfältige kulturelle Aktivitäten kennzeichnen Persönlichkeit und Wirkungsfeld von Adalbert Friedrich Marcus, sondern auch Geltungsdrang, dubiose Geschäfte, die mitunter sehr fragwürdige Vermischung dienstlicher und privater Angelegenheiten sowie ein Umgang mit manchen Kollegen, den man heute als Mobbing bezeichnen würde", heißt es im einleitenden Kapitel der Biografie.

Es gab allerdings schon einen Zeitzeugen von Marcus, der zweite leitende Arzt am Allgemeinen Krankenhaus Andreas Röschlaub, der nach einem Zerwürfnis mit seinem Chef über diesen sagte: "Er schwimmt im Geiste der Zeit und zappelt sich immer oben auf, wie eine Mücke im Weingeist."

Buchtipps:
1. Mark Häberlein - Michaela Schmölz-Häberlein Adalbert Friedrich Marcus (1753-1816) - Ein Bamberger Arzt zwischen aufgeklärten Reformen und romantischer Medizin. 454 Seiten, Farb-Abb. Ergon-Verlag Würzburg 2016, 48 Euro, ISBN 978-3-95650-134-0

2. Gerhard Aumüller/Christoph Schindler A.F.Marcus & J.L. Schönlein - 100 Jahre Bamberger Medizingeschichte. Verlag Friedrich Pustet, erscheint am 1. März 2016. 12,95 Euro. ISBN 978-3-7917-2783-7