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Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Der liebenswerte Fußballproll

Im Hallstadter Kulturboden liest Mario Basler keine einzige Zeile - und verzückt gerade deshalb sein Publikum. Seiner bereits auf dem Fußballplatz kultivierten Rolle bleibt der 51-Jährige treu.
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Mario Basler (r.) ging auf Tuchfühlung mit dem Publikum im Kulturboden.  Fotos: Barbara Herbst
Mario Basler (r.) ging auf Tuchfühlung mit dem Publikum im Kulturboden. Fotos: Barbara Herbst
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Es ist schon auch ein bissl hart, wenn Klaus Stieringer zur Begrüßung die Highlights des Bamberger Literaturfests aufzählt: Franz Müntefering, Dunja Hayali, Raul Krauthausen, Luisa Neubauer, und, äh, Dirk Nowitzki. Literaten im eigentlichen Sinne sind da jetzt keine dabei, Prominente halt. Und so passt es entsprechend ins Bild, dass die sicherlich unterhaltsamste Veranstaltung, die man sich als findiger Kulturreporter rauspickt, die mit Mario Basler ist. Und aus einem Buch gelesen wird da keine Zeile.

Basler, den man gern als "Type" oder "Original" betitelt, hat längst den Status des Ex-Fußballers oder Experten hinter sich gelassen, fügt sich in keine Rolle mehr wie die des Trainers, sondern ist endgültig nur noch er selbst, der volksnahe Mario, der mal so richtig auspackt. Warum Literaturfest? Weil dieser Tage bereits die zweite Basler-Biografie erschienen ist.

Der Autor ist freilich nicht Basler selbst, sondern der Sportjournalist Alex Raack, an diesem Donnerstagabend auf dem Literaturfest nicht anwesend.

Rüpelhafter Charme

Basler sitzt mit Radio-Bamberg-Moderator Jörg Wagner auf der Bühne, der ab und an mal stichwortgebend ins Buch reinblättert. Für den Mann des Abends ist das ein leichter Job, der 51-Jährige hat für jedes Stichwort einen Schwank aus dem Leben dabei.

Und die erwarteten Gags ohnehin, ad 1: "Der Schmidt hat überall geraucht, warum darf ich des ned?" Ad 2: "Können wir das Publikum heller machen? Ich such' ne Frau." Der Meister, Pokalsieger, Torschützenkönig, Barbesitzer auf Mallorca und Drittplatzierter beim Promi-Big-Brother 2016 ist zwei Mal geschieden und geschult in rüpelhaftem Charme: "hübsches Ding."

Es sind, das verwundert jetzt auch nicht zwingend, eh vor allem Männer da, Männer, die früher seine Fans waren, vor allem als Basler für die Bayern kickte, und die sich jetzt danach zurücksehnen, wofür er heute steht: Fußballromantik, ein Hauch Kreisklasse auch unter den Profis, die scheinbar genauso viel rauchten, soffen und vögelten wie die, die ihnen in Tütschengereuth und Breitengüßbach Sonntag für Sonntag nacheiferten.

"Verstehst du den?"

Nur einmal habe Bremen-Trainer Otto Rehhagel ihn mit einer Dame auf dem Zimmer erwischt. "Am nächsten Tag haben wir gegen Bochum gespielt. Ich hab drei Tore geschossen." Sagt es und grinst. Und zum Glück funkelt da immer eine gewisse Selbstironie durch, ohne die er kein Sympathieträger wäre, sondern ein Ekel.

Dass die Fans heute kaum noch Zugang zu den Spielern hätten, nervt ihn. "Das hat mit Fußball nix mehr zu tun." Er muss damit leben, dass das Publikum ihn entsprechend bei jeder Gelegenheit ankumpelt. Und das Publikum damit, dass er gern zurückkeult, sich nicht einschleimen mag: "Verstehst du den?", fragt Basler Wagner nach einem arg fränkischen Zwischenruf. "Gibt's hier auch normales Deutsch?"

So kommt fast ein bisschen Stammtisch-Atmosphäre auf, die gedachte Wand, die nie da war, fällt, die Distanz ist aufgehoben. Und Jörg Wagner kann einfach ganz direkt und ohne Umschweife nachfragen: Klinsmann? "Ein egoistisches Arschloch, Vollkatastrophe, mag ich ned."

Kahn? "Damals schon wie heute: Geht zum Lachen in den Keller. Der ist damals direkt als erster ins Bett gegangen." So ist das, der Basler nimmt kein Blatt vor den Mund, ihm doch scheißegal.

Damals, das meint natürlich das Trauma, das nicht fehlen darf, wenn man diese besondere Karriere rekapituliert: Champions League Finale 1999 gegen Manchester United. Basler trinkt am Vorabend bis nachts um drei allein in der Hotelbar. Trainer Hitzfeld habe ihm nachts noch gesagt, er könne ihn so nicht aufstellen. "Am Abend stand ich dann doch auf der Liste. Ich hab gedacht: ui. Aber ich war überragend, bester Mann."

Tatsächlich trifft Basler per direktem Freistoß und wird ausgewechselt, bevor die beiden Gegentreffer in der Nachspielzeit fallen.

Und jetzt wird es interessant, weil Basler sich eigentlich wehrt gegen vieles, was mit der von ihm befeuerten Romantik einhergeht: Er verachtet die Sentimentalität. Die Siegerehrung habe er geschwänzt, stattdessen eine halbe Schachtel Kippen geraucht. Danach habe er mit Markus Babbel gefeiert, als hätten die Bayern den Titel gewonnen. "Wir haben drei Tische kaputt gemacht beim Tanzen. Ich war voll wie ne Handbremse."

Wider die Romantik

Er habe nie verstehen können, warum seine Kollegen eine solche Niederlage drei, vier Wochen mit sich herumschleppten. Hört sich lustig an, ist ihm aber ernst: "Mir doch scheißegal, das Spiel war vorbei, fertig. Wenn ich so etwas mitbekomme wie Hanau: Solche Dinge müssen uns berühren, aber doch nicht so ein Drecksfußballspiel."

Mario Basler war fast 20 Jahre Fußballprofi. Immer einer, der polarisierte. Die einen vergöttern ihn, die anderen können ihn nicht ab, die Torhüter fürchteten seinen rechten Fuß, die Trainer verzweifelten. Seine Trophäen, die Trikots und Erinnerungen - er hat das alles weggeschmissen und verschenkt, sagt er und macht damit ein kleines Fenster auf, dorthin, wo vielleicht der echte Mario Basler lebt, für den das alles doch nicht so einfach ist.

Ob all das stimmt, die Eskapaden, die zertanzten Tische, ist nicht entscheidend. Mario Basler, der mittlerweile auch als Comedian auftritt, hat zu sich selbst gefunden und damit zur vollendeten Kunstfigur: die letzte echte Type, das einzige Original, der liebenswerte Fußballproll. Ob er am Ende für seine Freistöße oder die Sprüche im Gedächtnis bleibt - ihm wird's wurscht sein.