Wunsiedel
Premiere

Der Dschungel ist kein Ponyhof

Allzu lustig ist das Familienmusical allerdings nicht.
Artikel drucken Artikel einbetten
Mogli (Helge Lodder) und Baghira, der Panther (Dominique Aref)   Fotos: Florian Miedl
Mogli (Helge Lodder) und Baghira, der Panther (Dominique Aref) Fotos: Florian Miedl
+3 Bilder

Welcher Spielfilm zog die meisten Zuschauer in bundesdeutsche Kinos? Es war "Das Dschungelbuch" von 1967, Walt Disneys Zeichentrick-Klassiker mit unsterblichen Songs ("Probier's doch mal mit Gemütlichkeit") und einer für Disney typischen Harmlosig- und Süßlichkeit.
Mit der literarischen Vorlage, Rudyard Kiplings "Dschungelbüchern" von 1894/95, hatte das nicht mehr allzu viel zu tun.

Das wollte Birgit Simmler ganz anders machen. Freilich ist auch ihre Fassung des "Dschungelbuchs", mit dem die Luisenburg-Festspiele die diesjährige Spielzeit eröffneten, für die ganze Familie konzipiert.


44 000 verkaufte Tickets

Jedoch hielt sie sich in der gestrigen Uraufführung viel enger ans englische Original, folgt die Handlung recht konsequent Kiplings Vorlage. Die wiederum nicht unproblematisch ist.
Der Autor gilt vielen als Propagandist des britischen Imperialismus - Kampf und Tod, Ehre, Gesetz spielen in seinen Erzählungen um den von Wölfen großgezogenen Mogli keine geringe Rolle.
Das wissen die Myriaden Kinderchen naturgemäß nicht, die am Premierentag die Luisenburg bevölkerten. Der Disney-Mythos zieht eben immer noch, wie auch der Vorverkaufsrekord von 44 000 Karten fürs Familienstück beweist.

Ob sie der Handlung, der Bildungsgeschichte Moglis von einem Baby über die Schule beim Bären Balu, dem Konflikt mit den Affen bis zu einem selbstbewussten jungen Menschen, immer folgen konnten? Der Sitznachbarin, einem etwa neunjährigen Mädchen, jedenfalls hat's gefallen. Sagte das Mädchen. Sehenswert ist das knapp eineinhalbstündige Stück auf jeden Fall auch für Erwachsene. Und doch bleiben einige Irritationen. Da ist zunächst die Technik. Die Musik stammt vom Routinier Paul Graham Brown, der zusammen mit dem Keyboarder Thomas Kölbl im Hintergrund der Bühne sitzt.

Brown bedient allerhand Perkussion und spielt Computersamples ein. Dass die Schauspieler auf der Riesenbühne Headsets tragen, ist selbstverständlich.


Zum Mitsingen ungeeignet

Dass eine elaborierte Tontechnik deren Abmischung so beherrscht, dass man mehrstimmige Gesänge auch versteht, sollte eigentlich ebenso selbstverständlich sein. Dem war aber bei der Premiere nicht so. Daran muss das Team noch dringend arbeiten.

Den recht anspruchsvollen Songs geht der Ohrwurmcharakter ab. Versuche, das junge Publikum einzubeziehen, klappten nicht so recht, zu kompliziert vermutlich. Überhaupt war das Ganze wenig lustig. Wer Disney erwartete, bekam halt Kipling. Und der war kein Spaßvogel.


Originelle Kostüme

Doch jetzt das Positive. Die Ohren kamen in dieser Vorstellung zu kurz, siehe oben. Dafür durften die Augen schwelgen. Die Kostümbildnerinnen Marrit van der Burg und Karen de Meijer haben sich ausgetobt.

Da springen und tanzen im Bühnenbild Jörg Brombachers die Wölfe, der Panther Baghira (Dominique Aref) in hautengem schwarzem Dress, der dicke Balu (Karsten Kenzel), Affen mit farbenprächtigem Haarkranz, der tückische Tiger Schir Khan (Jürgen Strohschein) und besonders schön der Geier Tschil (Gerrit Hericks) - für die Schlange Kaa (Inez Timmer) fanden die Kostüm-Kreativen eine besonders originelle Lösung. Kaa zählt hier übrigens zu den Guten, die Affen sind die Bösen und landen im Bauch des Pythons.

Das Ensemble tanzt (Choreographie und Regie Simon Eichenberger) und singt so beherzt wie versiert, Helge Lodder als Mogli federt wie ein Springteufel auf der Bühne wie im Publikum und bringt zum Schluss richtig Stimmung in die Reihen.

Mit Spannung war das Debüt der neuen Intendantin nach dem von unschönen Tönen begleiteten Abgang von Michael Lerchenfeld erwartet worden. Die Kinder übten sich im "Zugabe"-Rufen. Doch, das kann schon noch was werden.

Termine Vorstellungen finden vom 10. Juni bis 12. August statt. Den Terminplan gibt es auf www.luisenburg-aktuell.de, Karten gibt es bei der Tourist-Information unter Tel. 09232/602-162,



Verwandte Artikel