Wer Leonidas Kavakos längere Zeit nicht mehr gesehen hatte, musste schon zweimal hinschauen, als der griechische Geiger das Podium des Großen Saals betrat: schulterlanges offenes Haar, schwarze Frackhose und schwarzer Kittel, bei dem die strengen Streifen der Hose in schwarze Ton-in-Ton-Flecken aufgelöst waren. Das waren Designerhippieklamotten vom Feinsten. In irgendeiner Sozialboutique kann er die nicht gefunden haben. Jean-Yves Thibaudet lässt seine Konzertanzüge bekanntlich von Vivienne Westwood entwickeln. An seinen Augen erkannte man Leonidas Kavakos allerdings sofort. Aber man dachte sich auch: David Garrett in Schwarz.
Dabei hätte er diese Stilkopie nun überhaupt nicht nötig, denn Kavakos ist eindeutig der bessere Geiger. Aber vielleicht sind die langen Haare nicht nur ein Zeichen der äußeren, sondern auch der inneren Veränderung, ein Schritt auf dem Weg zur Selbstfindung. Denn mit Kavakos war seit seinem letzten Konzert etwas geschehen. Plötzlich hatte er nicht mehr diesen engen, etwas verdrucksten, mitunter matten Ton, der seine bisherigen Auftritte immer zumindest diskussionswürdig gemacht hatte, bei denen er durchaus auch von seiner Aura des Geheimnisvollen profitiert hatte. Plötzlich, beim Violinkonzert von Johannes Brahms hatte er einen weit offenen, gehaltvollen, leuchtenden Ton, den man wirklich genießen konnte.
Und so konnte sich, wie schon am Freitagabend, ein faszinierender Dialog auf Augenhöhe zwischen dem Solisten und dem BBC Symphony Orchestra entwickeln, in dem Kavakos seine Freiräume zwar grandios nutzte und, vom Orchester unbedrängt, den Weg ins spannende Leise suchte, in dem Jiri Belohlavek aber auch immer wieder die Zügel anzog und den Solisten ins Orchester zurückholte. Und so wurde, fast schon erwartungsgemäß, in dem ganzen Spiel der Kräfte der langsame zweite Satz zum Traumverlorenen Höhepunkt des Konzerts.
Die Zugabe war absolut köstlich und überraschend: eine bogentechnisch abartig schwierige Transkription der "Recuerdos de la Alhambra", die der Geiger Ruggiero Ricci aus dem Gitarrenstück von Francisco Tárrega gefertigt hat.
Keinen leichten Stand hatte vor Kavakos die Londoner Sopranistin Kate Royal. Und das lag nicht an ihr, sondern am Programm. So etwas wie eine durchgehende Dramaturgie war ohnehin nicht zu erkennen: im ersten Teil ein paar Stücke aus der Welt der Oper und der Operetten, nach der Pause der Granitblock des Brahmsschen Violinkonzerts. Es wurde nicht deutlich, was mit dieser Folge vermittelt werden sollte. Und außerdem: Um die Opernfreunde und "Royalisten" anzulocken, war's zu wenig Oper. Die meisten Besucher waren wegen Kavakos gekommen. Und mit drei Arien kann niemand ein desinteressiertes Publikum in Feierstimmung und auf seine Seite bringen.
Das war schade. Denn Kate Royal ist eine wunderbare Sopranistin, vielleicht ein bisschen gebärdenschwach, aber mit einer ganz warm timbrierten Stimme auch in der Höhe, obwohl ihre überraschende Stärke die präsente, sonore Tiefe ist, die sie ohne Registerbrüche erreicht. Und sie ist eine tolle Gestalterin, die im "Rosenlied" von Richard Strauss, in Rusalkas "Lied an den Mond" von Antonin Dvorák und in "Dove sono i bei momenti" aus Mozarts "Don Giovanni" sehr genau wusste, was sie sang. Besonders eindrucksvoll war die Gräfin Almaviva, die Kate Royal geschickt auf dem schmalen Grat zwischen selbstmitleidsvoller Frustration und trotzigem Aufbegehren balancieren ließ. Natürlich gab es Bravorufe. Aber der Große Saal hat bei derartigen Leistungen auch schon mehr getobt. (Den Blumenstrauß bekommt Kate Royal hoffentlich mit Fleurop nachgeliefert.)
Was es sonst noch gab? Aus dem Stand heraus einen fantastischen "Don Juan" von Richard Strauss, in dem das Orchester mit solistischem Zugriff ein wahrhaftes Klangfarbenfeuerwerk abbrannte. Und vor der Pause Johann Strauß' Ouvertüre zur "Fledermaus". Naja, sie war hurtig und akurat musiziert, aber der "Weana Schmäh" und die Morbidität der untergehenden k. u. k. Monarchie wollten sich nicht so recht einstellen.