Sich in einer zweieinhalbstündigen Inszenierung keine Sekunde gelangweilt zu haben, das ist doch schon was, das ist sogar sehr viel. Wenn auch die Vaudeville-Komödie "Das Sparschwein" Eugène Labiches, uraufgeführt 1864, von vornherein einiges Amüsement versprach. Aber die Geschichte von Provinzlern in der Großstadt Paris, der "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" (Walter Benjamin), hat natürlich trotzdem einiges Moos angesetzt, das zu entfernen Regie (Ronny Jakubaschk), Dramaturgie, Ausstattung und Schauspielern des E.T.A.-Hoffmann-Theaters oblag.


Der Grund von allem: Geld

Und man kann sagen, dass ihnen das vortrefflich gelungen ist, ohne zwanghaft zu modernisieren oder intertextuell zu montieren. Das liegt zum großen Teil daran, dass das "Sparschwein" keine Tür-auf-Tür-zu-Komik birgt, die vielleicht lustig ist, doch an der Oberfläche bleibt. Nein, das Stück in der hier verwendeten Übersetzung Botho Strauß' legt sehr schön das Movens der bürgerlichen Gesellschaft bloß, wie es einige Jahrzehnte vor Labiche die Romane Honoré de Balzacs getan haben und etwa zeitgleich mit Labiche die Émile Zolas: Es ist Geld, Geld und nochmals das Geld. Sagt doch eine Figur nach fortgeschrittener Handlung in ehrlicher Selbsterkenntnis: "Das Geld hat uns zu Boden gestreckt."


Geld-Fetisch

Schon das titelgebende Tier weist auf den Fetisch des Hochkapitalismus, der auch die menschlichen Beziehungen beherrscht: Als Félix (auch in anderen Rollen Daniel Seniuk) bei Champbourcy (Florian Walter) um die Hand von dessen Tochter Blanche (Anna Döing) anhält, bezeichnenderweise, als der Geld zählt, ist das entscheidende Kriterium das Vermögen des Freiers. Die Fahrt der Provinzler - Champbourcy, Blanche, Tante Léonida, der "selbstständige Landwirt" Colladan (Eckhart Neuberg), der Apotheker Cordenbois (Bertram Maxim Gärtner) - nach Paris, wo sie den Inhalt des vom Kartenspiel gespeisten Sparschweins auf den Kopf hauen wollen, gerät zur Katastrophe. Es ist ein Gang vor die Hunde. Im Restaurant geneppt, von der Polizei schikaniert, landen sie ganz unten, bis ein Deus ex machina auftaucht und sie rettet. Womit? Natürlich mit Geld. Darin verwoben sind geheime Leidenschaften und kleine Gaunereien, sind sich die Kleinstädter doch auch im normalen Leben alles andere als grün.

Ausstatterin Annegret Riediger hat mit geschminkten Gesichtern das (Charakter-)Maskenhafte der Figuren noch betont. Die Kostüme, etwa das Derb-Bäurische des Colladan oder das Altjüngferliche der Léonida, karikieren die Rollen. Das eher spartanische Bühnenbild kommt mit wenigen Elementen aus und stilisiert klug die Schauplätze. Ganz vortrefflich wieder die Schauspieler. Florian Walter darf hier als pompös posierender Provinzler sein komisches Talent voll ausspielen, Eckhart Neuberg und wieder einmal Katharina Brenner stehen ihm in nichts nach. Besonders zu loben sind jedoch die jungen Mitglieder des Ensembles, das sich mittlerweile richtig eingespielt hat. Die kleine Anna Döing als lispelnde, verhalten lüsterne Blanche sieht man besonders gern. Spitzenleistungen in Mehrfachrollen liefern Daniel Seniuk, Pascal Riedel (u. a. als Bauernsohn mit Kunstambitionen Sylvain) und Nicolas Garin.


Parodie ihrer selbst

Nicht ganz mithalten können die Gesänge. Denn zu einer richtigen Vaudeville-Komödie gehört die Musik. Christoph Iacono hat fröhlich hüpfende Rhythmen auf der Basis bekannter Chansons komponiert, mit einem Musette-Akkordeon und viel Pfiff. Also trällern unsere Heldinnen und Helden "Je veux" von Zaz, "Padam Padam" von Edith Piaf, Charles Trenets "Boum", "Parole Parole" von Alain Delon und Dalida und viele andere. Schauspieler können halt nicht auch noch begnadete Chansonniers sein, doch sie ziehen sich achtbar aus der Affäre. Ach ja, mehr als einmal stimmen die provinziellen Spießer das Revolutionslied "Ça ira" an, eine Selbstparodie, etwa so, wie wenn die Rolling Stones sich heute als Rebellen gerieren würden.

"Das Sparschwein" ist eine Schmunzelkomödie ohne krachenden Humor und mit nur gelegentlich aufschimmerndem Wortwitz - den herrlichen Einfall mit dem grammatisch originell radebrechenden Polizisten einmal ausgenommen. Doch eignet ihr zumal in dieser gelungenen Inszenierung durchaus tiefere Bedeutung.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
10./11., 15./16., 29., 30./31. 12., 13./14. 1. Dauer ca. 2,5 Std., eine Pause Karten Tel. 0951/873030, E-Mail kasse@theater.bamberg.de