Richard Wagners "Ring des Nibelungen" in einer Saison neu zu stemmen, das schaffen selbst größte Opernhäuser nicht. Nur die Bayreuther Festspiele produzieren die Tetralogie seit der Uraufführung 1876 stets auf einmal. Die Theater Chemnitz, ein städtisches Vier-Sparten-Haus mittlerer Größe, haben heuer den kompletten "Ring" innerhalb von zehn Monaten herausgebracht und dafür vier Regisseurinnen engagiert - mit sensationellem Ergebnis.

Erst fünf Frauen haben Wagners Opus magnum komplett inszeniert. Im Jahr 2000 gab es erstmals einen "Ring" von vier verschiedenen Szenikern, den von vier Regisseurinnen gibt es erst jetzt und in Chemnitz: Beim "Rheingold" führte Verena Stoiber Regie (preisverdächtig gut), unter Monique Wagemakers folgte die "Walküre" (leider belanglos), "Siegfried" unter Sabine Hartmannshenn (rabiat-bewegend) und jetzt als krönender Abschluss "Götterdämmerung" unter Elisabeth Stöppler.

Die Frauen im Fokus

Insgesamt ist dieser "Ring" auch dank der überwiegend in ihren Rollen debütierenden Solisten ein Meilenstein in der Rezeptionsgeschichte und Chemnitz für mich das Opernhaus des Jahres. Von einem genuin "weiblichen Ring" ist dennoch nur bedingt zu sprechen.

Denn erstens teilten sich zwei Dirigenten die Premieren. Und zweitens war in den weiblichen Regieteams auch ein Bühnenbildner aktiv. Beim "Ring"-Abschluss, der am Samstag Premiere hatte, zeigte sich: Die weibliche Sicht zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie auch in manchen männlichen Figuren ein missbrauchtes Kind entdeckt und sie empathisch einbezieht.

Natürlich legt auch Stöppler ihren Fokus auf die Frauen. Aber indem sie zum Beispiel Siegfried erst als glücklichen Verliebten präsentiert, den die Gibichungen zum erinnerungslosen Drogenabhängigen machen und der die tückische Brautwerbung nicht allein, sondern gemeinsam mit Gunther unternimmt, ist sie letztlich näher bei Wagners Original als die meisten ihrer männlichen Kollegen. Was sich tief bewegend später zeigt - bei Siegfrieds Tod und Brünnhildes Abgesang.

Am Ende wird klar, dass der "Ring" hier als Geschichte der gescheiterten Väter Wotan und Alberich zu lesen ist - und als eine Geschichte von weiblicher Selbstfindung. Wenn die schon im 2. Akt auf aufregende Weise in ihre Walküren-Rolle zurückgekehrte Brünnhilde an Siegfried ihr Todesverkündigungsritual vollzogen hat und sich im Schneegestöber daran macht, das finale Feuer zu legen, es sich aber anders überlegt, emanzipiert sie sich eindrucksvoll nicht nur von ihrem Vater, sondern sogar von Wagner selbst.

Kaum zu toppen

Die in jedem Detail stimmige und präzise Personenregie, die einem die Figuren menschlich extrem und zum Heulen nahe bringt, die neue Perspektiven aufzeigende Inszenierung in ihrer schlüssigen endzeitlichen Eisregion (Bühne: Annika Haller, Kostüme: Gesine Völlm) ist schon für sich genommen ein Theatercoup und braucht den Vergleich mit der legendären "Götterdämmerung" Patrice Chéreaus in Bayreuth nicht zu scheuen.

Doch damit nicht genug: Auch die zwei Hauptsolisten sind ein sängerdarstellerisches Ereignis und kaum zu toppen. Nach seinem spektakulären Debüt in "Siegfried" überzeugt Daniel Kirch als Siegfried auch in der "Götterdämmerung" auf Anhieb und hat in Stéphanie Müthers Brünnhilde jetzt eine Partnerin, die mit ihm auf Augenhöhe agiert und singt.

Beide sind phänomenal und in den kommenden Chemnitzer "Ring"-Zyklen zu erleben. Hohes Staatsopernniveau beim Gros der Solisten, nur Pierre-Yves Pruvot als Gunther ist ein Reinfall, weil er gefühlt bestenfalls jeden fünften Ton richtig trifft.

Die Robert-Schumann-Philharmonie unter Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo, der alle weiteren Vorstellungen dirigieren wird, überzeugt als musikalisches Medium, das eben nicht nur die Sänger auf Händen trägt, sondern zusätzlich etwas zu erzählen weiß.

Das Orchester zelebriert unglaublich zarte Übergänge ebenso souverän wie die großen dramatischen Ausbrüche, die von Stefan Bilz einstudierten Chöre machen die intensive Chemnitzer Wagnerpflege hörbar. Am Ende dieses Opern- und Wagner-Wunders stehende Ovationen.