Die Bayreuther Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe steckt momentan tatsächlich in der Klemme. In ihrer Doppelfunktion als Geschäftsführerin der Richard-Wagner-Stiftung und als Vertreterin der Stadt Bayreuth, die einer der vier Gesellschafter der Festspiel-GmbH ist, hat sie einen vertrackten Interessenkonflikt. Sie soll nämlich als Gesellschafterin Satzungsänderungen zustimmen, die sie sowohl als Bayreuther Stadtoberhaupt als auch als Geschäftsführerin der Wagner-Stiftung schlichtweg ablehnen muss. Am 23. Oktober wird sich in nicht-öffentlicher Sitzung auch der Bayreuther Stadtrat damit befassen. Der Ältestenrat hat nach seiner Sitzung am Montag bereits mit deutlicher Mehrheitempfohlen, den Satzungsänderungen nicht zuzustimmen.

Letztlich soll Merk-Erbe ausbaden, was ihr andere eingebrockt haben - ihre willfährigen Amtsvorgänger, die stets nur das gemacht haben, was Wagnerenkel Wolfgang Wagner wollte, die genauso willfährigen und untätigen Stiftungsratsmitglieder und Gesellschafter - allen voran Verwaltungsratsvorsitzender Toni Schmid aus dem München, der offenbar seit einigen Monaten klammheimlich versucht, seine jahrelangen Versäumnisse mit dem Brecheisen aus der Wagnerwelt schaffen zu wollen.

Worum geht es? Um die Vertragsverlängerung für mindestens eine der beiden Wolfgang-Töchter als Geschäftsführer der Festspiel-GmbH. Das Dumme dabei ist nur, dass Schmid, der die meiste Zeit an der Spitze beider Festspielgremien stand - als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Richard-Wagner-Stiftung und als Vorsitzender des Verwaltungsrats der Festspiel-GmbH -, es nicht für nötig hielt, die nach der Abdankung Wolfgang Wagners zwangsläufig anstehenden Änderungen in Struktur und Satzung der Festspiel-Gremien zügig und in Abstimmung mit den vorhandenen Partnern anzugehen.

Er wurde - natürlich hinter verschlossenen Türen - erst aktiv, als im Februar 2013 auch aus der Fachtagung von führenden Stiftungsrechtlern in Wiesbaden öffentlich Kritik an der gegebenen Praxis laut wurde. Die zusätzliche Anstellung eines dritten Geschäftsführers, den die mit der Festspielleitung sichtlich überforderten Wagnerschwestern als Voraussetzung gefordert hatten, um überhaupt in die Verlängerung zu gehen, ist dabei der Knackpunkt. Denn schon mit der Berufung von Heinz-Dieter Sense in die Festspielleitung wurden letztlich wahrscheinlich die Satzungen beider Gremien gebrochen. Und zwar wie folgt:

In der Satzung der Bayreuther Festspiele GmbH steht in Paragraf 5 Absatz 1 zum Thema Geschäftsführung, dass die Gesellschaft einen oder mehrere Geschäftsführer hat, die durch Gesellschafterbeschluss bestellt oder abberufen werden können. Im selben Paragrafen steht aber in Absatz 2: "Die Gesellschaft darf nur solche Personen als Geschäftsführer bestellen, welche gemäß Paragraf 8 Absatz 2 und 3 der Satzung der Richard-Wagner-Stiftung die Festspiele leiten dürfen bzw. als Mieter des Festspielhauses in Frage kommen. Jeder Gesellschafter und jedes Mitglied des Stiftungsrats und des Vorstands der Richard-Wagner-Stiftung kann die Einhaltung der Bestimmungen dieses Absatzes verlangen."

Das sollte jetzt geschehen. Denn Toni Schmid - beziehungsweise der vermutlich von ihm initiierte Änderungsvorschlag aus dem bayerischen Finanzministerium - will genau diesen Passus streichen. Mehr noch soll die Stadt Bayreuth in der Festspiel-GmbH künftig kein gewichtiges Wort mehr bei der Bestellung der Festspielleitung haben sollen. Sondern sich von den anderen Gesellschaftern überstimmen lassen können. Wollen wir wetten, dass der Stadtrat das nicht absegnet?

Genau genommen hätte schon vor der Berufung von Herrn Heinz-Dieter Sense, dem dritten Geschäftsführer der Festspiel-GmbH, das im Vermietungsparagrafen 8 beschriebene Verfahren eingeleitet werden müssen. Das bedeutet nicht nur, dass die Geschäftsführer, die aus der Familie Wagner stammen, wiederum mehrheitlich von der Familie Wagner vorgeschlagen werden müssen. Sondern auch, dass die künstlerische und unternehmerische Eignung zweifelsfrei festgestellt sein muss, ausdrücklich auch im Vergleich zu "anderen Bewerbern", ansonsten muss ein Expertengremium aktiv werden.

Eine Vertragsverlängerung ist in keiner der beiden Satzungen vorgesehen. Vielmehr heißt es in der Stiftungssatzung, dass das Nachfolgeverfahren eingeleitet werden muss, "sobald feststeht, dass der Vertrag mit einem Festspielunternehmer beendet ist." Das ist spätestens seit 18. Juli 2013 der Fall, weil an diesem Tag der neue und sehr langfristige Mietvertrag für das Festspielhaus einstimmig beschlossen wurde. Nur unterschrieben ist er noch nicht. Warum wohl?

Natürlich fragt man sich auch, ob in den Gremien der GmbH und der Stiftung je analysiert wurde, was die 2008 bestellten Geschäftsführerinnen bisher geleistet bzw. nicht geleistet und ob sie ihr Konzept eingelöst haben. Mit der kritischen Bestandsaufnahme müsste zwangsläufig und so schnell wie möglich die Suche nach Alternativen einhergehen. Wie kommentierte ein Leser den Bericht über die Wiesbadener Tagung so schön: "Solange die Hauptqualifikation der Festspielleitung im Abstammungsprinzip und nicht in Kompetenz liegt, wird der Hügel nicht zur Ruhe kommen und sich vernünftig für die Zukunft aufstellen können."

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