Ist das die neue Arbeitsteilung am E.T.A.-Hoffmann-Theater? Hie die jungen Wilden, die sich am "Prinzen von Homburg" austoben dürfen und die "Elixiere des Teufels" zum knallebunten Comicstrip machen, andererseits hoch seriöse, "klassische" Inszenierungen der Intendantin Sibylle Broll-Pape wie im Falle von Hebbels "Nibelungen" und jetzt Thomas Manns "Buddenbrooks"?
Man wird sehen. Ihr Verfall einer Familie in der John von Düffel'schen Dramatisierung von 2005 ist ein solider Dreistünder, der vor allem eine klassische Theatertugend pflegt: die Konzentration auf die Schauspieler. Düffels Buddenbrooks-Version ist aber auch wirklich klug gemacht und den Bühnenmöglichkeiten angepasst. Der Schriftsteller und Dramaturg dampfte das Personenkaleidoskop der 800-seitigen Romanvorlage von 1901 auf einige wenige Kernfiguren ein, will heißen die Familie Buddenbrook in dritter Generation, noch präziser: Die Handlung konzentriert sich auf die Brüder Thomas (Daniel Seniuk) und Christian (Pascal Riedel) sowie ihre Schwester Antonie, "Tony" (Katharina Rehn).
Was nicht heißt, dass deren Eltern, der Konsul (Volker Ringe) und dessen Gattin (Iris Hochberger) in all ihrer gravitätischen Bürgerlichkeit nicht aufträten. Wie überhaupt in Sprache, Gebaren und Kostümen (Trixy Royeck) diese Inszenierung sich ultrarealistisch an die Vorgaben Manns - "Bügelfaltenprosa" spottete einst Alfred Döblin - bzw. Düffels hält. Sogar Grünlich (Bertram Maxim Gärtner) ist in Anzugfarbe und all seiner falben Backenbartigkeit vorlagengetreu gestaltet. Es ist eine - scheinbar - heute untergegangene Welt, die da auf der treppenförmig leicht ansteigenden Bühne entsteht mit einer uns Heutigen fremden und befremdlichen Contenance, die es auch noch angesichts von Lebenskatastrophen einzuhalten gilt.


Deutsche Ideologie

Das könnte also ein Historienspiel mit aufwendig gearbeiteten Kostümen sein, schön anzusehen, aber belanglos. Doch Düffel hat das Movens dieser bürgerlichen Gesellschaft, das, was diese Welt im Innersten zusammenhält, schön herausgearbeitet. Es ist das Geld. Was schon die Vermögensbilanz des Konsuls gleich zu Beginn erhellt. Dem Geld hat sich alles unterzuordnen: persönliches Glück, Lebensentwürfe, Familie. Thomas Mann vermutete Décadence, während der von Marx (Karl, nicht Friedhelm) überaus geschätzte Balzac in seiner "Menschlichen Komödie" 70 Jahre zuvor diese brutale Wahrheit klar herausgearbeitet hatte. Aber die Deutschen - diese Spielzeit steht ja unter dem Banner deutschen Wesens - waren schon immer ideologisch verschwurbelter als die Franzosen.
Trixy Royeck zeichnet auch für das sparsame Bühnenbild verantwortlich, das mit Postkarten-Ansichten von Travemünde oder London im Hintergrund leichte Ortswechsel ermöglicht. Sparsam auch die Musik-Einspielungen, Mahler-Zitate aus Viscontis "Tod in Venedig". Einziger Bühnen-Gag ist ein auch im Roman vorkommendes Puppentheater, dessen Pappkameraden per Video auf den Bühnenhintergrund projiziert werden.
Es staubt gewaltig zu Beginn; man befürchtet schon eine ebenso verstaubte Geschichte. Aber dann zieht einen eben diese trotz der sehr traditionellen Inszenierung doch in ihren Bann. Dafür sorgen die hervorragenden Schauspieler, die nicht herumrennen und sich die Gesichter beschmieren, sondern sich in großen Dialogen verbal duellieren. In gewisser Weise die Hauptrolle spielt Tony. Katharina Rehn zeigt schön, wie gefangen diese Figur trotz allen Freiheitsdrangs im Korsett der Konventionen bleibt. Sie hat es nur halb aufgeschnürt. Als ihr Bruder Thomas seine Frau Gerda (schön unnahbar von Ronja Losert gespielt) heimführt und 300 000 Mitgift, kommentiert sie: "Tom, das hast du gut gemacht!" Während Christian, das schwarze Schaf der Familie, sich als Einziger aus diesem Korsett befreit. Pascal Riedel spielt den Unglücksmenschen mit all seinen Hypochondrien immer leicht zur Seite geneigt, explosiv auch, ungläubig, als ihm sein Bruder eine monatliche Apanage aussetzen will.


Zynischer Bankier

Diesen Thomas mit eiserner Beherrschung gibt Daniel Seniuk mit jeder Faser konzentriert, wie mit einem Stock im Rücken, schließlich mit resignierter Selbsterkenntnis. Ganz besondere Anerkennung gebührt Bertram Maxim Gärtner, der in einer Mehrfachrolle als Grünlich, Permaneder (der war allerdings zu komödienstadelhaft angelegt), Leutnant und Morten, Tonys einziger Liebe, brillierte. Aber auch Florian Walters Bankier Kesselmeyer überzeugte durch schnippischen Zynismus. Vor allem im zweiten Teil faszinierten die Dialog-Duelle: zwischen den Brüdern, zwischen Thomas und der frömmelnden Mutter, zwischen ihm und der Schwester. Freudiger, langer Applaus belohnte diese Leistungen. Aber man sollte wissen: "Geschäfte zum Verzweifeln, eine Familie zum Verzweifeln" brauchen eine gewisse epische Breite. Drei Stunden sind lang.
Termine und Karten
Weitere Vorstellungen
18., 20., 21., 22. Mai; 10., 11., 12., 15., 16. Juni Karten Telefon 0951/873030, E-Mail kasse@theater.bamberg.de, Internet www.theater.bamberg.de
Dauer
ca. drei Std., eine Pause