Im März 2021 feiern die Bamberger Symphoniker ihren 75. Geburtstag. Die neue Saison war deshalb geplant als eine der stolzen Rückschau und des Feierns. Corona und die damit zusammenhängenden Maßnahmen durchkreuzen die Pläne.

Ins Bockshorn jagen lässt sich Marcus Rudolf Axt davon nicht: "Wir versuchen, das Gesamterlebnis ,Konzert vor Corona' so gut wie möglich zu reproduzieren", sagt der Intendant. Die neue Saison läuten die Bamberger Symphoniker mit Webers Stück "Aufforderung zum Tanz" ein. Ist das ein ironischer Kommentar auf die gegenwärtigen freundlosen Umstände?

Marcus Rudolf Axt: Nein, überhaupt nicht. Wir wagen im übertragenen Sinne ja auch ein kleines Tänzchen. Davon lassen wir uns auch von Corona nicht abbringen. Das Wichtigste ist, dass die neue Saison endlich losgeht. Sie wird anders werden, als wir das ursprünglich geplant hatten. Damit die Saison gelingen kann, braucht es sehr viel Flexibilität, Geduld und Kompromissbereitschaft: von Management, Orchestern und auch unserem Publikum.

Können Sie sich auf dieses Entgegenkommen verlassen?

Die einen wollen endlich wieder spielen und die anderen endlich wieder zuhören. Das ist die Grundbotschaft, die ich den vielen Gesprächen, E-Mails und Anrufen entnommen habe.

Die Bamberger Symphoniker feiern im Frühjahr ihren 75. Geburtstag. Die neue Saison war geplant als eine Saison des ausgelassenen Feierns. Wie tief ist der Schatten, den Corona auf die Feststimmung wirft?

Na ja, wir beginnen die Saison wie gesagt mit Webers "Aufforderung zum Tanz". Wir hätten uns im Frühjahr auch noch für den "Totentanz" von Liszt entscheiden können. Das haben wir aber nicht getan. Im Ernst: Es gab sicherlich Phasen, wo wir alle leicht depressiv waren. Wir durften damals weder proben noch Konzerte geben. Das alles hat sich inzwischen entscheidend verbessert. Ich sehe den kommenden Monaten sehr zuversichtlich entgegen.

Welchen Anspruch verbinden Sie mit der neuen Saison?

Wir wollen von unseren ursprünglich geplanten Programmen so viel wie nur möglich umsetzen. Wir haben uns deshalb auch gegen kürzere Konzerte ohne Pause mit nur kleineren Besetzungen entschieden. Stattdessen halten wir an den großen Symphonien fest. Allerdings mit dem Unterscheid, dass wir aus Platzgründen auf einige Streicher verzichten müssen.

Warum?

Weil die Musiker auf der Bühne jeweils einen Abstand von eineinhalb Meter zueinander benötigen. Das ist Vorschrift. Bläser benötigen sogar zwei Meter in Blasrichtung. Wir bekommen auf diese Weise maximal 60, 65 Musiker auf die Bühne. Das alles geht zwar etwas auf Kosten unserer klanglichen Balance. Im Gegenzug ermöglicht uns dieser Verzicht, unserer Programmidee treu zu bleiben. Wir versuchen, das Gesamterlebnis "Konzert vor Corona" so gut wie möglich zu reproduzieren.

Gehört dazu auch das Glas Wein in der Pause?

Auch das wollen wir unseren Besuchern ermöglichen.

Wie viele Besucher werden Einlass finden in die Konzerthalle?

Nach heutigem Stand sind es 200 Besucher. Damit könnten wir jeden siebten Platz besetzen. Diese Regelung gilt vorerst bis Ende September.

Die Staatsoper in München darf bereits 500 Besucher pro Aufführung begrüßen.

Richtig, dabei handelt es sich allerdings auch um ein Pilotprojekt. Ich bin zuversichtlich, dass auch die Bamberger Symphoniker ab Oktober die Besucherzahl erhöhen dürfen.

Der vorgeschriebene Mindestabstand beträgt 1,50 Meter. Wie viele Zuschauer finden unter dieser Maßgabe Platz im Joseph-Keilberth-Saal?

Zwischen 350 und 400.

Bei den Salzburger Festspielen waren bis zu 1000 Zuschauer pro Aufführung erlaubt. Beneiden Sie Ihre österreichischen Kollegen?

Neid hilft da nicht weiter.

Sind die Österreicher fahrlässiger oder nur wagemutiger?

Ich glaube, die Österreicher und speziell die Salzburger haben eines erkannt: Kultur ist ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor.

Entnehme ich Ihren Sätzen Kritik an der bayerischen Staatsregierung?

Nein. Wir sind im Gespräch mit dem Kunstministerium und auch mit dem Ministerpräsidenten. Wir fühlen uns gehört und verstanden. Bayern ist einfach vorsichtiger, auch in vielen anderen Bereichen. Die Staatsregierung will vielleicht auch vermeiden, sogenannte Hochkultur gegen Pop- und Rockkonzerte auszuspielen. Dort sind die Abstandsgebote nicht so einfach einzuhalten wie bei klassischen Konzerten. Ich habe dafür Respekt.

Bereiten Ihnen die drohenden Ausnahmeausfälle schlaflose Nächte?

Uns wird Geld fehlen, keine Frage. Allerdings genießen wir als Staatsphilharmonie die finanzielle Unterstützung des Freistaats. Das empfinde ich als ein großes Privileg. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir finanziell mit einem blauen Auge aus der Saison kommen werden.

Die Zahl ihrer Abonnenten übersteigt die derzeit zulässige Zuschauerzahl bei weitem. Wie gehen Sie damit um?

In der Tat haben etwa 90 Prozent unserer Abonnenten ihr Abo verlängert. Ohne im Übrigen zu wissen, wie die neue Saison aussehen wird. Wir haben auch jetzt wieder über 5000 Abos verkauft. Für diese Treue und Unterstützung bin ich ungeheuer dankbar.

Das ist ein großer Vertrauensvorschuss.

Dem wir gerecht werden wollen. Wir stehen vor der Herausforderung, möglichst viele Abonnenten möglichst glücklich zu machen.

Wie?

Wir haben uns entschieden, die Abonnements in diesem Jahr bis auf Weiteres auf Eis zu legen. Was heißt das? Jeder Abonnement hat die Möglichkeit, seine erworbenen Anrechte für den Besuch bestimmter Konzerte einzulösen. Allerdings muss er zuvor dem Kartenservice BVD telefonisch mitteilen, welches Konzert er genau besuchen möchte.

Das klingt umständlich.

Das bestreite ich gar nicht. Allerdings sehen wir keine andere Möglichkeit, Abonnentenzahl und maximale Zuschauerzahl miteinander in die Balance zu bringen.

Werden die Symphoniker mehr Konzerte als geplant anbieten?

Ja. Schon die Zahl der Eröffnungskonzerte werden wir von zwei auf vier verdoppeln. Wir werden auch im Oktober zusätzliche Konzerte anbieten. Ich bin zuversichtlich, dass jeder Abonnent etwa zwei Drittel seines ihm zustehenden Konzertvolumens einlösen kann. Über mögliche entsprechende finanzielle Erstattungen für nicht eingelöste Anrechte sprechen wir dann am Ende der Saison.

Wie viel Hoffnung können Sie Musikenthusiasten ohne abgeschlossenes Abo machen?

Sie haben im Moment leider keine Chance, unsere Konzerte zu besuchen. Und ich fürchte, dass sich daran zumindest bis Ende des Jahres nichts ändern wird. Allerdings kommt auch in diesem Jahr das Silvesterkonzert in den freien Verkauf.

Wie ist die Stimmung im Orchester?

Inzwischen wieder gut.

Wie schlecht war die Stimmung im Frühjahr?

Corona traf unsere Musiker in ihrer Existenz. Es gab de facto ein Berufsverbot, auch wenn ich diesen Begriff nicht mag. Aber unsere Musiker konnten das nicht ausüben, was für sie nicht nur Beruf, sondern Lebensinhalt ist. Intendanz und Orchestervorstand waren deshalb auch als Psychologen gefragt. Wir mussten informieren, aufrichten, Mut zusprechen. Aber das ist Vergangenheit. Jetzt richten wir den Blick gemeinsam nach vorne.

Das Gespräch führte Christoph Hägele