Keine leichte Kost. Das ist von einer antiken Tragödie auch nicht zu erwarten. Zumal dieser nicht, der vermutlich bekanntesten. Vielleicht wird man der "Antigone" unter der Regie von Mizgin Bilmen im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters am ehesten gerecht, wenn man sich ihr ex negativo nähert: Nein, Kreon ist hier kein Erdogan oder, Gott behüte, Trump oder gar Hitler, Antigone keine politische Widerstandskämpferin. Der Chor kein räsonierendes Bürgerforum.
Den Chor haben Regisseurin und Dramaturg Olivier Garofalo komplett gestrichen. Eine kluge Entscheidung. Kommentierungen der Handlung, Verweise auf die Mythologie hätten den sowieso schon geforderten Zuschauer, hier wie immer in modernen Inszenierungen Teil eines Dechiffriersyndikats, überfordert oder verwirrt. Dabei wurde die Textgrundlage, Friedrich Hölderlins Übersetzung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, mit Hilfe einer Bamberger Altphilologin überarbeitet und entschlackt.
So entfalten die zweieinhalbtausend Jahre alten Verse ihre archaische Wucht. Die jungen Schauspieler meistern den Text tadellos. Vorangestellt ist ein Auszug aus der "Theogonie" Hesiods, vorgetragen vom androgynen Seher Teiresias (Nicolas Garin) in roter Strumpfhose, als Propädeutikum für die antike Vorstellungswelt. Die geprägt ist von Schicksalsgläubigkeit und hier dem Fluch der Labdakiden. Das muss man immer im Hinterkopf behalten bei allen Versuch(ung)en, im Konflikt zwischen Staatsräson, verkörpert durch den Herrscher Kreon (Pascal Riedel), und Antigones Beharren auf einem natürlichen Moralgesetz eine überzeitliche Konstante zu sehen.
Die Schönheit der Sprache wird hier konterkariert durch Kostüme und Ambiente. Bilmen hat die Studiobühne (Ausstattung Cleo Niemeyer) gedreht; durch die Fensterfront sieht man ins dämmrige Bamberg. Um eine lange Tafel mit blutbesudeltem Dekor und einem prachtvollen Blumengesteck darauf wandeln die Figuren wie Untote, wie Roboter - prädestiniert durch ein unentrinnbares Schicksal. Gekleidet sind sie in Felle, mit Lehm beschmiert, der Mensch des Menschen Wolf. Hat doch auch Antigone zunächst ihren gefallenen Bruder Polyneikes mit Staub bedeckt.
Simple Zuweisungen in Gut nd Böse verbieten sich. Symbolisch verbeißen sich Kreon und seine Nichte in einen Apfel. Zwei Prinzipien prallen aufeinander. Der König macht eine Art Verantwortungsethik für sich geltend - doch das ist schon wieder ein Begriff des 20. Jahrhunderts. Antigone spricht den berühmten Satz: "Zum Hassen nicht, zur Liebe bin ich geboren." Doch sie weicht kein Jota ab von ihrem Entschluss, den Bruder wider das staatliche Gebot zu beerdigen, lässt sich auch nicht von der Schwester Ismene (eindrucksvoll Katharina Rehn) beeinflussen. So wenig wie Kreon von seinem Sohn Haimon (Alexander Tröger). Der sich vor seiner toten Verlobten Antigone umbringt, ebenso wie Kreons Gemahlin Eurydike (Marie Nest). Menschlicher Starrsinn treibt das Personal in den Untergang.
Da nutzt auch die herausgeschriene Reue des zur Katharsis gelangten Kreon nichts mehr. Keine Hoffnung, nirgends. Nebelmaschinen und zuweilen dröhnend laute Musik verstärken noch den Eindruck des Unwirklichen. Ist der Königspalast von Theben in Wahrheit der Hades?
Es ist sicher eine beeindruckende Inszenierung geworden ohne nervende Aktualisierungen und Pop-Anbiederungen. Noch mehr Reduktion ohne Overkill (Musik! Nebelschwaden!) hätte ihr allerdings sehr gut getan.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen
16., 17., 18., 21., 23., 24., 26. Mai; 9., 11., 13., 17. Juni ; weitere Termine in Planung
Karten
Tel. 0951/873030, E-Mail kasse@theater.bamberg.de
Dauer
ca. 70 Minuten