Wenn man bei einer Premiere nachgrübelt, was es gekostet haben mag, für das Gros der Solisten und den Chor handgestrickte Ponchos anzufertigen, ist garantiert etwas schief gegangen. Zwar kann, was die Kostümkosten zu "Guillaume Tell" betrifft, Entwarnung gegeben werden. Aber die Inszenierung von Elisabeth Stöppler ist insgesamt so grob gestrickt, dass einem Hören und Sehen vergeht. Erbitterte Buhrufe gellten am Schluss der Regisseurin entgegen.

Der Abend, der live auf BR Klassik übertragen wurde, stand ohnehin unter keinem guten Stern: Gleich beide alternierenden Solistinnen für die Rolle von Wilhelm Tells Sohn Jemmy waren indisponiert. Michaela Maria Mayer spielte immerhin, aus dem Graben heraus sang Einspringerin Claudia Braun, die aber auch nicht alle Arien der in fast jeder Produktion anders gekürzten Belcanto-Oper kannte, so dass im Schlussakt auch Heidi Elisabeth Meiers Stimme als Aufzeichnung von einer Hauptprobe zu hören war.


Ausgerechnet Frauenpower?



Klingt kompliziert, war es auch. Zumal die Regisseurin von vornherein eins draufgesetzt hatte, indem sie den Sohn Jemmy in eine Tochter verwandelte. Warum das so sein sollte, teilte sich allerdings dem Publikum nicht einleuchtend mit. Frauenpower ausgerechnet bei einem Stück, in dem die weiblichen Figuren nicht viel zu sagen haben?

Immerhin beleuchtet dieser Nebenaspekt auch schon das Hauptproblem der Inszenierung: Im Vorfeld hat Elisabeth Stöppler zwar viel über den Freiheitsbegriff und Freiheitsideale geredet, die auch in Gioacchino Rossinis Version des Schillerschen Schweizerdramas mit dem berühmten Apfelschuss im Zentrum stehen. Konkret scheint sie sich jedoch in erster Linie an dem Tyrannen Geßler orientiert zu haben: Regiewillkür wohin man schaut.


Blinder Aktionismus und andere Regieuntugenden



Kein Zuschauer hat die Chance zu begreifen, worum es in dem Stück geht. Auch der nicht, der sich vorher in Opernführern schlau gemacht hat. Denn die Regisseurin weiß mit der Geschichte nichts anzufangen, außer sie mit einschlägigen Regietheateruntugenden zu garnieren - als da sind blinder Aktionismus, Verrätselung und Verkleidung, Dekonstruktion und Umwertung von Handlung und Figuren sowie sonstige, offenbar unvermeidliche Provokationen.

Beispielhaft dafür ist, was hier mit der Leiche des alten Melchthal passiert, die im durchaus plausiblen und gut wandelbaren Einheitsraum von Hermann Feuchter zunächst in einem Schrank landet, später von Sohn Arnold in ein Kellerloch geschleppt, dann aufgebahrt und entkleidet wird. Zumindest gegen letzteres Ritual wäre nichts zu sagen, doch geschieht das alles viel zu dilettantisch, als dass es beim Publikum irgendetwas auslösen könnte.


Es fehlt schon am Handwerklichen



Schlimmer noch der Regieeinfall, Ruodi-Sänger Tilman Lichdi aus nicht nachvollziehbaren Gründen wie einen Hund auf allen Vieren durch die Szene zu jagen. Wenn der mit einem Fell und einem Steinbock-Geweih bestückte Protagonist schließlich ermordet wird, bleibt er vor dem schwarz fallenden Vorhang zum Aktschluss erstmal vorne liegen - und stiehlt sich dann irgendwie weg, was ein untrügliches Zeichen für mangelndes Regiehandwerk ist.

Tells Apfelschuss endet übrigens fatal, denn er trifft seine Tochter im Hals, die fortan gelähmt ist und vom Rollstuhl aus immer wieder vergeblich versucht, auf die Beine bzw. an ihre Armbrust zu kommen. Wer den Geßler-Schuss abgegeben hat, habe ich im finalen Kuddelmuddel verpasst, in dem unter anderem Arnold die heiß geliebte, aber schon vom Kostüm her klassenfeindliche Mathilde erwürgt. Ob irgendetwas davon in den Vorlagen steht, die das Staatstheater Nürnberg laut Programmheft dem Palazetto Bru Zane in Venedig dankt?


Striche auch beim Paradestück



Die Aufführung dauert mit Pause mehr als dreieinhalb schrecklich lange Stunden, das heißt, Dirigent Guido Johannes Rumstadt und die Regisseurin haben immerhin noch 75 Minuten gestrichen, darunter leider auch in der Ouvertüre das Rossinische Paradestück, das erst im 3. Akt glänzen darf, in der wohl einzigen Szene, die auch regielich halbwegs gelungen ist.

Der von Tarmo Vaask einstudierte Chor zeigt, was er kann, unter den Solisten holte sich am Samstag verdientermaßen Gasttenor Uwe Stickert den größten Beifall, auch wenn er kürzungsbedingt nicht ganz das leistete, was James Joyce zur Arnold-Partie errechnet hat: "456 mal das G, 93 mal das As, 54 mal das B, 15 mal das H, 19mals das C und zweimal das Cis."


Termine und Karten
Weitere Vorstellungen (mit alternierenden Besetzungen) am 10., 12., 18. und 24.4., 3. und 15.4., 6. und 31.5. sowie 26.6.; Ticket-Hotline unter 0180-5231600.