Auch auf die Gefahr hin, dass dem einen oder der anderen die Guttenbergisierung in unserer (Medien-)Gesellschaft auf die Nerven geht: Wenn Nachwuchswissenschaftler sich gerade damit auseinandergesetzt haben, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Vergessen und dem Falsch-in-Erinnerung-Halten, hilft auch der Große Zapfenstreich nichts. Darüber muss berichtet werden.

Zumal es erstens fast zwanzig junge Doktoranden und Postdoktoranden waren, die mit ihren Vorträgen wesentlich bei der 4. Internationalen Nachwuchstagung des Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungs-Gesellschaft (DFG) "Generationenbewusstsein und Generationenkonflikte in Antike und Mittelalter" der Otto-Friedrich-Universität Bamberg mitwirkten. Und weil zweitens das Thema "Erfahren, Erzählen, Erinnern: Narrative Konstruktionen von Gedächtnis und Generation in Antike und Mittelalter" selbst Journalisten anspricht, die mit Wissenschaft und Forschung sonst nicht viel am Hut haben.

Dass das Erfahren, Erzählen und Erinnern sich früher anders abgespielt hat als heute, liegt auf der Hand. "Die medialen Formen von Erinnerung und Gedächtnisspeicherung", sagt Dr. Maurice Sprague, Postdoktorand des Graduiertenkollegs, Habilitand und einer der beiden Organisatoren der Tagung, "sind natürlich anders als in der Antike und im Mittelalter. Die narrativen Verfahren, die früher geläufig waren, wurden zunehmend von der Schriftlichkeit und anderen medialen Formen wie Internet, Fernsehen, Kino usw. ersetzt. Es geht also um einen Prozess, der jeweils abhängt von der Zeit und dem gegebenen Sozialkontext."

Erinnern und Vergessen
Während über Jahrtausende hinweg Erfahrungen, Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle konstant geblieben sind, hat sich die Art, wie wir darüber sprechen, verändert. Als zweiter Hauptreferent sollte Professor William Franke aus dem US-amerikanischen Nashville am Beispiel von Dantes "Göttlicher Komödie" darüber sprechen, dass Gedächtnis und Erinnerung nicht nur ein zentraler Prozess des menschlichen Lebens sind. Sondern auch, dass das Erinnern unvermeidlich mit dem Vergessen verbunden ist.

Womit er, wie Benjamin Pohl, Stipendiat und Doktorand am Graduiertenkolleg sowie Mitorganisator der Tagung, erläutert, in einer guten Forschungstradition steht. "Es besteht seit einigen Jahren Konsens darüber, dass Vergessen und Erinnern nicht ein Gegensatzpaar sind, sondern vielmehr ein dynamisches Duo, bei dem das eine ohne das andere nicht funktionieren kann. Um bestimmte Dinge erinnern zu können, muss ich gleichzeitig andere vergessen. Und das ist entweder ein bewusster oder ungewusster, aber auf jeden Fall ein systematischer Prozess."

Wahrheit ist auch ein Mythos
In seinem Schlüsselvortrag machte Prof. William Franke deutlich, dass erst im Vergessen das Unendliche gegenwärtig wird. "Wahrheit", sagte er anschließend im Gespräch, "ist eine Vorstellung. Und insofern ist sie auch immer unwahr. Das Vergessen gibt uns eine Möglichkeit, aus dieser Polarität auszusteigen." Wahrheit ist laut Franke auch ein Mythos: "Schon Dante hatte ein Gefühl dafür, dass er seine Vorstellung von Wahrheit aufgeben musste, damit er in Berührung mit etwas Größerem kommen konnte, das er nicht begreifen konnte. Die Literatur will so eine Erfahrung vermitteln."

Bleibt noch der sprachliche Aspekt. "Wahrheit und Unwahrheit sind von der Sprache bestimmt und definiert", so Prof. Franke. "Wenn Dante, andere Mystiker und Dichter das Schweigen bevorzugen, geschieht das deshalb, weil sie etwas Höheres als Wahrheit und Unwahrheit erreichen können. Eine Wahrheit ist immer ausschließlich. Sie sagt etwas - und nicht das andere. Und das kann nicht die völlige Wahrheit sein."

Was das konkret für unser Leben und den interkulturellen Dialog bedeutet? "Am Ende hängt es davon ab, dass wir unsere Diskurse und unser Selbstverständnis relativieren und hinter uns lassen, dass wir schweigen und auf den anderen zugehen. Gerade die ‚Göttliche Komödie' zeigt uns das."