Was hätte das für ein packender Theaterabend sein können! Nach der Neu-Lektüre von Georg Büchners Lustspiel fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Das ist keine verstaubte Liebeskomödie aus dem verzopften Spätabsolutismus. Da hat ein junger Wilder 1836 den mentalen Niedergang einer Klasse erfasst und in geniale Sprachbilder gefasst, nebenbei romantische Klischees collagiert und karikiert und auch für uns Heutige lohnende Erkenntnisse parat gehalten: Dies alles verschwimmt in Constanze Kreuschs Inszenierung am Markgrafentheater. Stattdessen verzettelt sich die Regie darin, eine angebliche Koinzidenz der jung gestorbenen Genies Büchner und David Foster Wallace zu finden, und in Mätzchen und Moden aus dem Baukasten.
Dass der Text munter neu gruppiert wurde, ist so verwerflich nicht. Ist doch die Büchner-Philologie ein vertracktes und weites Feld und eine sichere Fassung kaum zu rekonstruieren. Die Fabel dürfte sich einem unbedarften und unvorbereiteten Zuschauer - solche soll es auch noch geben - erst zum Schluss erschlossen haben, als sich Leonce und Lena aus den Pappkameraden William und Kate herausschälen, wie das "Volk" überhaupt leblos figuriert. Ein lustiger Einfall Petra Wilkes, deren Bühnenbild meist überzeugt - Papp-Bäume als stilisierter Park, scherzhafte Papp-Möpse als dekadente Adels-Köter mit Diadem hingegen erschließen ihre tiefere Bedeutung erst nach einigem Rätselraten.
Die erste Szene mit Seifen blasender aristokratischer Dekadenz, deren Ennui sich geradezu materialisierte, ließ noch auf Stringentes hoffen. Verkündet die Regisseurin doch auch im Programmheft, dass sie Büchner auch in "Leonce und Lena" als Sozialrevolutionär sieht - völlig zu Recht. Eine Klasse, ein Herrschaftssystem haben abgewirtschaftet, das Neue ist noch nicht in Sicht. Die Folgen in der Psyche der Herrschenden schildert Büchner, der als 23-Jähriger das Stück schrieb: Langeweile, Zynismus - in etwa das, was die russischen Realisten als das Befinden "überflüssiger Menschen" erkannten. Heute balanciert der Kapitalismus am Abgrund entlang - und woran laborieren seine Protagonisten?
Das hätte ein spannendes Thema sein können. Kreusch zieht jedoch Parallelen zwischen den Wunderkindern Büchner und Wallace. Valerio (Steffen Riekers) sieht dem amerikanischen Autor, der sich 2008 umbrachte, ähnlich und rezitiert ganze Passagen aus Wallace' letztem Werk, "The Pale King", das auf Deutsch noch nicht vorliegt. Ergo sind gute Englischkenntnisse von Nöten, will man "Leonce und Lena" in Erlangen genießen. Langeweile soll das Thema des unvollendeten "Pale King" sein, und an Langeweile leiden ja auch Prinz Leonce, König Peter und alle ihre Hofschranzen.
Wenn auch Zitate aus dem "Hessischen Landboten", der geradezu klassischen agitatorischen Flugschrift, aus dem Off hereindröhnen - die bittere Satire des Stücks, der sozialrevolutionäre Subtext gehen unter in diesem Journal des Luxus und der Moden. Die Schauspieler greifen mal zur E-Klampfe, mal brüllen sie mit brachialer Rock-Lautstärke von der Bühne herunter. Slapstick wie das Gesicht in der Torte oder die Makkaroni in der Hose wirkt aufgesetzt und ist unnötig. Warum eigentlich vertrauen Regisseure heute nicht mehr auf die Kraft des Wortes und müssen das Publikum zudröhnen? Mit Balgereien, einer Vergewaltigungsszene natürlich, mit einem völlig misslungenen hysterischen Anfall der auch sonst nicht überzeugenden Linda Foerster als Lena.
Freilich ist die Rede des Staatsrats (Winfried Wittkopp und Christian Wincierz) mit Politiker-Phrasen der Gegenwart ("fördern und fordern") hübsch geraten, spielt Hermann Große-Berg den König Peter in seiner lächerlichen Grandezza grandios unterkühlt und läuft auch Riekers zu großer Form auf. Doch passabel schauspielern können heute alle. Diese Inszenierung ist nur Durchschnittskost, die das Publikum allerdings mit freundlichem Beifall belohnte. Ein Publikum, das auch fröhlich kichert, wenn einer in die Torte fällt. "O die Welt ist abscheulich!" (2. Akt, 2. Szene)
Termine und Karten