Beethovens "Fidelio" zu Beginn einer neuen Ära am Theater Hof - das ist ein Statement. Denn schon allein die Solistenbesetzung hat es in sich. Reinhardt Friese, der neue Intendant, engagierte zwar etliche vielversprechende Sänger neu, aber ganz ohne Gäste ging es natürlich nicht. Mit dem Bariton Michael Kupfer als Don Pizarro hat er allerdings ein As im Ärmel, das schon allein die Fahrt nach Hof wert ist.

Michael Kupfer ist ein Sängerdarsteller von Rang, der beides mitbringt: darstellerische Genauigkeit, Glaubhaftigkeit und Größe sowie eine sängerische Ausstrahlungskraft, die schon bei diesem seinem Rollendebüt über die bloße Bewältigung einer Partie hinausgeht und musikalisch souverän und schillernd in Tiefenschichten der Figur vordringt.
Sein Pizarro ist genau deshalb ein fesselnder Bösewicht, weil er nicht nur eingleisig festgelegt ist, sondern auch andere Seiten zeigt, hören lässt und nacherlebbar macht.

Hochkarätige Gastsolisten

Kupfers Niveau erreichten die zwei weiteren Gastsolisten in den Hauptrollen bei der Premiere am Freitag nicht ganz. Dennoch wurde auch Sabine Paßow als Leonore am Ende zu Recht nicht nur als schauspielerisch prägnante Retterin ihres Bühnengatten Florestan bejubelt. Die Sopranistin hatte ihre im hochdramatischen Fach gestählte Stimme bis auf einige Spitzentöne gut im Griff und sang bemerkenswert wortverständlich.

Als dritter Gastsolist stellte sich Daniel Kirch vor. Dass der jugendlich-dramatische Tenor, der schon an vielen großen Häusern auftrat und als nächstes Rollendebüt den Stolzing in Leipzig singen wird, seinen ersten Florestan in Hof absolviert, hat unter anderem damit zu tun, dass er Arn Goerke, den Hofer Chefdirigenten, schon lange kennt. Kirchs Stimme ist ausdauernd, kraftvoll, sauber und schön. Mit zunehmender praktischer Rollenerfahrung wird er auch die schattigen, fahlen, schmerzlichen Nuancen mehr entfalten.

Auch die Choristen überzeugen

Die hauseigenen neuen Kräfte im "Fidelio" lassen für künftige Musiktheaterabende Positives erwarten. Jens Waldig als wendiger Rocco, Birger Radde als stimmgewaltiger Don Fernando und Mathias Frey als geschmeidiger Jaquino sangen auf Anhieb in einer Klasse, wie sie in Hof in den letzten Jahren eher die Ausnahme war. Inga Lisa Lehrs Marzelline befand sich - mit Abstrichen in der Wortverständlichkeit - fast auf Augenhöhe mit ihren neuen Ensemblekollegen.

Auch der Chor präsentierte sich frischer, flexibler und genauer als sonst - was wohl Cornelius Volke zu danken ist, den das Programmheft neben Michel Roberge als Verantwortlichen nennt. Die Hofer Symphoniker unter Arn Goerke werfen sich mit Verve in die 3. "Fidelio"-Fassung, die nur in den buffonesken Szenen mozartisch leicht klingt, sonst aber vorausweist auf romantische und musikdramatische Verdichtung.

Die Regie bleibt unentschieden

Die Inszenierung von Christian Tombeil bleibt unentschieden auf halber Strecke stehen. Wenn schon bei der Ouvertüre über den Zuschauerraum die heutig gekleideten Chordamen zum eisernen Vorhang pilgern, die Vermissten- und Suchplakate studieren und Blumen ablegen, ist das selbstredend auch ein politischer Akt. Im Programmheft hingegen betont der Regisseur, dass "Fidelio" viel eher mit weiblicher Emanzipation zu tun habe.

Es ist zwar ein schöner Gedanke, dass Leonore nicht die einzige Frau ist, die verzweifelt nach ihrem verschollenen Mann fahndet. Aber das Stück darauf reduzieren zu wollen, dass hier lauter einsame Menschen aufeinander treffen, die ihre individuelle Freiheit suchen, ist unbefriedigend. Auch der Schluss, der zeigen will, dass Florestan und Leonore sich "vom System Fernando okkupieren lassen", ist szenisch schlecht vorbereitet.

Als wär's ein Stück von Kafka

Die fast schon kafkaeske Ausstattung von Gabriele Wasmuth - im 1. Akt dominieren Regale voller Aktenkisten und Leitern, die ins Nichts führen, im 2. Akt ist der Boden mit der Kleidung von vermutlich toten Gefangenen übersäht - und die mit wohldosierter Intensität geführten Solisten und Choristen sorgen allerdings dafür, dass man trotz der gegebenen Irritationen gerne gebannt dem Geschehen folgt. Am Ende wurde nicht nur die Gattenliebe bejubelt, sondern auch eine Produktion, die erahnen lässt, wohin in Hof die Opernreisen künftig gehen.

Termine und Karten


Weitere Vorstellungen in Hof (jeweils um 19.30 Uhr):
29. und 30. 9., 9., 10. und 12. 10., 24. 11., 1., 15. und 25.12; Karten-Tel. 09281/7070290
In Bayreuth (Stadthalle, Großes Haus, jeweils um 19 Uhr): 6. und 7.10., Karten-Tel. 0921/69001
In Selb (Rosenthaltheater, 20 Uhr): 18.10.; Karten-Tel. 09287/79301