Bamberg
Theatertage

Theatertage: Wie aus einem Hund ein Mensch wird - und umgekehrt

Die Münchner Kammerspiele machen aus Bulgakows "Hundeherz" eine schillernde Groteske - ein Höhepunkt der diesjährigen Leistungsschau.
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"Hund" Bellow wird beobachtet von der Transe Fjodor Schwonder. Foto: Kammerspiele/Julian Baumann
"Hund" Bellow wird beobachtet von der Transe Fjodor Schwonder. Foto: Kammerspiele/Julian Baumann
Die Münchner Kammerspiele, eins der renommiertesten Häuser nicht nur des Freistaats, das ist schon was, dachten sich vermutlich viele der Zuschauer im fast ausverkauften Großen Haus des E.T.A.-Hoffmann-Theaters am Donnerstag.

Und es war was! Temporeich setzte Matthias Günther die Satire von Michail Bulgakow (1891-1940) in Szene, transferierte den Text von 1925 in die Gegenwart, ohne den skeptischen, ideologiekritischen Impetus der erst 1987 in der Sowjetunion veröffentlichten Novelle (Spielfassung vom Regisseur) zu verraten. Der bei Bulgakow an sich sympathische Professor Filipp Filippowitsch wird hier zu einem arroganten Dr. Frankenstein - Zitate aus Mary Shelleys Schauerroman, von Goethe, Aldous Huxley, Kafkas "Bericht für eine Akademie", Marx und Engels waren leicht zu identifizieren -, zu einem Dr. Faust, der im Assistenten Doktor Bormental (in einer Doppelrolle auch als Sinaida ganz großartig Çigdem Teke) seinen Mephisto gefunden und auch Fjodor Schwonder (Jonas Grundner-Culemann) zur Transe umoperiert hat.

Bellow: ein Proll

Es ist eine Tiersatire in nicht nur russischer Tradition, die Bulgakow schrieb, der seine Skepsis gegenüber der vulgärmarxistischen Doktrin, dass sich der Mensch zum Edelwesen wandeln lasse, drastisch ausgedrückt hat. Bello (Merlin Sandmeyer) wird zwar äußerlich zum Menschen, doch die transplantierten Hypophyse und Hoden eines Alkoholikers machen Bellow zu einem unangenehmen Zeitgenossen, großspurig, Frauen belästigend, saufend, exhibitionistisch Disco tanzend, vulgär. Heute würde man sagen: ein richtiger Proll. Und dieser Proll ist auch noch ein opportunistisches Ekel, das sich an die neuen Machthaber anwanzt und dem Professor, der eh schon unter den Nachstellungen des Hauskomitees zu leiden hat, das Leben schwermacht. Konsequenz: Der geniale Chirurg macht Bellow wieder zum Bello.

Vor allem Merlin Sandmeyer brilliert als Hund wie Mensch in allen Facetten, mit bewundernswerter Körperarbeit. Schön schrill auch Çigdem Teke und die beiden anderen Protagonisten. Sina Barbra Gentsch hat eine Häuserfront-Bühne gebaut, über die es blinkt und funkelt wie in Laborszenen alter Frankenstein-Filme. Besonders gagreich auch die Tonregie, die synchron zur Szenerie Sound-Schnipsel einspielt. So überdreht das alles ist, kommt doch Bulgakows Intention nicht zu kurz. Ein mythisches Proletariat wird ebenso entlarvt, wie mit den ausführlich zitierten Goethe'schen Homunkulus-Visionen eine Brücke zur Gegenwart geschlagen wird. So absurd ist der vom Menschen geschaffene Mensch nämlich gar nicht mehr.

Bulgakow überlebte wie durch ein Wunder die Verfolgungen der Stalin-Zeit. Sein "Meister und Margarita" war zu den Theatertagen vor vier Jahren in Bamberg zu sehen, allerdings recht verwirrend. Das kann man von der Produktion der Kammerspiele nicht sagen. Bei allen Unterhaltungselementen gab es so etwas wie eine Botschaft. Doch die stimmt nicht allzu optimistisch.