Bamberg
Hegelwoche

Susan Nieman spricht über Deutschland

Die renommierte Philosophin Susan Neiman sucht in Bamberg nach den Quellen der deutschen Identität.
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Ein Flüchtling, der kurz zuvor mit einem Zug angekommen ist, hält am 5. September 2015 auf dem Hauptbahnhof in München ein Foto von Angela Merkel in den Händen. Foto: Sven Hoppe, dpa
Ein Flüchtling, der kurz zuvor mit einem Zug angekommen ist, hält am 5. September 2015 auf dem Hauptbahnhof in München ein Foto von Angela Merkel in den Händen. Foto: Sven Hoppe, dpa
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Die Eiche und die Kartoffel, die Polizei und auch die Lärmschutzverordnung: Das alles schoss Angela Merkel durch den Kopf, als sie unlängst in der "Bild"-Zeitung das Abc der deutschen Identität buchstabieren sollte. Nur einen einzigen Begriff glaubte dagegen Susan Neiman am Mittwoch für dieselbe Aufgabe zu benötigen.
Dieser eine Begriff lautete "Vergangenheitsbewältigung". "Die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit ist für die Deutschen eine große Quelle: aber nicht der Scham, sondern des Stolzes", sagte Neiman in Bamberg. Dort referierte die anerkannte Philosophin und Direktorin des Berliner Einstein-Forums unter dem Dach der Bamberger Hegelwoche über die Frage "Was ist deutsch?".


Akzent auf die Menschenwürde

Neimans Antwort auf diese "große, dunkle Frage" würdigt die spezifische Weise, in der die Deutschen das von ihren Vorfahren ins Werk gesetzte Menschheitsverbrechen - den Zweiten Weltkrieg, vor allem aber den millionenfachen Mord an den europäischen Juden - aufgearbeitet oder wahlweise auch bewältigt haben.
"Aufarbeiten" und "bewältigen" sind unbehauene Wortungetüme, die im Ungefähren lassen, wo sie Prägnanz und Klarheit schaffen müssten. Bis zum Schluss ihres Vortrages ließ Neiman ihr Publikum so im Unklaren, was genau sie unter Vergangenheitsbewältigung konkret versteht: Um welche Normen, Einstellungen und realpolitischen Leitplanken ging es ihr? Meinte sie das Grundgesetz mit seinem Akzent auf der Menschenwürde? Meinte sie die Erinnerungskultur? Die selbst verordnete Zurückhaltung in Fragen des Militärischen?
Allenfalls die Empathie, mit der viele Deutsche jüngst Flüchtlinge empfangen, versorgt und auf ihren ersten Schritten begleitet haben, hob Neiman ausdrücklich hervor. Man hätte von ihr aber gern erfahren, wie genau die deutsche Vergangenheit und ihre Aufarbeitung die sogenannte Willkommenskultur beeinflusst haben könnten. Leider beließ es Neiman bei dem schmeichelnden Hinweis auf die Bewunderung, die alle Welt den Deutschen für ihre Flüchtlingspolitik entgegenbringe.
Unterbelichtet blieb damit auch, dass vor allem die osteuropäischen Nachbarn in der deutschen Willkommenskultur zeitweise Anflüge eines moralischen Imperialismus zu erkennen glaubten. Dieses Versäumnis Neimans ist umso unverständlicher, als jener unterstellte moralische Imperialismus ja gerade als Ergebnis deutscher Vergangenheitsbewältigung interpretiert worden ist. Es mangelte Neimans Vortrag nicht nur hier an argumentativer Strenge und Systematik. Stattdessen hangelte sich die Philosophin von Anekdote zu Anekdote. Heiter und sympathisch erzählte sie von ihrer Zeit im Berlin der 1980er Jahre.


Man traute seinen Ohren kaum

Diese frühen Erfahrungen sind die historische Referenz, an dem sie das gegenwärtige Deutschland vermisst.
Früher, so Neimann, hätten sich Ausländer noch geduckt und angepasst durch Deutschland bewegt. Vor ein paar Jahren dagegen habe sie einen Dunkelhäutigen in Berlin dabei beobachtet, wie er einem offensichtlich Deutschen selbstbewusst über den Mund gefahren sei. Dieses Erlebnis, man traute seinen Ohren kaum, adelte Neiman kurzerhand zum Beweis für die weltoffene Liberalität des heutigen Deutschlands.
Allerdings erfüllen Neimans Urteile über Deutschland beinahe schon den Tatbestand der intellektuellen Anmaßung: Nicht nur einmal betonte die gebürtige Amerikanerin, von Deutschland im Grunde lediglich Berlin zu kennen. Dieses Geständnis verstärkte nur den Eindruck von einer weltläufigen Intellektuellen, die in einer Blase der Wohlanständigkeit lebt und ihre dort gemachten Erfahrungen auf unzulässige Weise verallgemeinert. Vielleicht auch deshalb reagierte Neiman geradezu hilflos auf einen Einwand von Christian Illies. Den Bamberger Philosophie-Professor und Organisator der Hegelwoche treibt die Sorge um, dass sich viele Muslime an den Konsens der Vergangenheitsbewältigung nicht gebunden fühlen könnten. Erst jüngst zum Beispiel zogen muslimische Demonstranten - im Verein mit deutschen Rechts- und Linksextremisten - beim jährlichen Al-Quds-Marsch durch Berlin und forderten dabei die Vernichtung Israels.
Vielleicht finden sich Antworten auf die Gefährdungen der deutschen Identität in Neimans neuem Buch. Im kommenden Jahr soll es erscheinen und "Von den Deutschen lernen" heißen. Diese Hoffnung zumindest blieb dem Publikum nach einem zwar unterhaltsamen, inhaltlich aber unergiebigen Abend.