Er kann es nicht lassen. "Zwei neue Knie", das Sprunggelenk kaputt; man darf annehmen, dass es auch an anderer Stelle des nun 80-jährigen Künstler-Körpers knirscht, das Schleppen der schweren Steine und Skulpturen hat Spuren hinterlassen, "die Sünden begeht man dann, wenn's noch nicht weh tut". Doch Reinhard Klesse gibt nicht auf, vielleicht kann er gar nicht anders, er formt immer noch mit Hammer und Meißel (mechanische Hilfen schätzt er nicht) seine (Kalk-)Steinfiguren, im Sitzen, wenn's irgend geht, Zeichnungen und Gemälde fordern weniger Körpereinsatz.
Aktuelle Werke sind zu sehen in der Campingplatz-Galerie Peter Hoffmanns in Bug. Ein ideales Ambiente auch für Klesses Figuren. Das muss nicht unbedingt die Undine sein, die der Regnitz entstiegen scheint. Kräftige Formen, derbe Gesichter, immer mit einem Hauch Schalk. "Die Tanzenden" erinnern durchaus an Gestalten des Bauern-Brueghel mit ihren ungeschlachten Gliedmaßen, ihren täppischen Schritten. Liebevoll sieht Klesse das, der böse Blick ist seiner nicht, wenn er auch beileibe kein Beschöniger ist, ein Kitschier oder Biedermeier gar. Man könnte sagen: ein poetischer Realist.
Kennt der in Thüringen Geborene und Ende der Fünfziger in den Westen übergesiedelte gelernte Steinmetz doch seine Schäfchen viel zu gut, um sie zu idealisieren. Seinen Status als eine Art Kreis-Künstler hat sich der seit 1960 in Viereth lebende Familienvater mit sechs Kindern hart erarbeiten müssen. Was für ihn niemals Schande war: "Für intellektuelle Kunst bin ich zu dumm", kokettiert er, und benennt seine Ahnen. Die deutschen Realisten und Expressionisten sind's, die Berliner Secession, Käthe Kollwitz, Otto Dix ohne deren erbarmungslosen Blick auf die Conditio humana. Als Handwerker sah und sieht er sich, was beileibe keine Schande ist: Was waren Lucas Cranach etwa und Albrecht Dürer? Ohne Auftragskunst zu leben ist für ihn ein "Hirngespinst".
Volkstümlich im besten Sinn sind auch seine Zeichnungen. Der Zyklus zur "Oberhaader Wallfahrt" etwa. Hat er doch bereits das Oberhaider Bürgerhaus mit Sujets aus Hans Morpers Dichtung geschmückt. Ein bisschen Goya, ein bisschen Busch, immer versöhnlich, komisch, karikaturenhaft. Eine fast schon vergessene Welt taucht in den Zeichnungen Klesses auf. Die "Schreigoschn", Scherenschleifer, Schafkopfer im Wirtshaus, zwei Männer an der Zugsäge. Eine verlorene Welt, weiß der 80-Jährige selber. In Öl malt er ironiefrei, porträtiert handwerklich ausgefuchst ein altes Haus in Viereth in der Manier von Paul Cézannes "Haus des Gehängten". Ungewöhnlich düster für die Frohnatur Klesse: "Das Herz ist mir wichtiger als das Hirn."

Reinhard Klesse - Skulpturen, Zeichnungen, Gemälde ist zu sehen in der Hoffmannsklause, Bamberg-Bug (Campingplatz), täglich von 8 bis 18 Uhr.