Als glutäugigen Liebhaber in Filmschmonzetten schätzte ihn das Kinopublikum. Der Schauspieler Ferdinand Marian aber wollte mehr. Da kam das ebenso verführerische wie verhängnisvolle Angebot von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels: Marian soll die Titelrolle in dem Nazi-Propagandafilm "Jud Süß" spielen.

Zum ersten Mal erzählt ein Kinofilm die Entstehungsgeschichte von Veit Harlans üblem Machwerk aus dem Jahr 1940.
Dabei will Regisseur Oskar Roehler heute vor allem zeigen, wie viel Einfluss Goebbels auf das Filmprojekt nahm und wie tragisch das Schicksal des Süß- Darstellers Marian war.

Der Österreicher Tobias Moretti spielt Marian, der die Rolle des bewusst niederträchtig dargestellten Jospeh Süß Oppenheimer gegen seinen Willen annimmt. "Er wusste eigentlich von Anfang an, dass das für ihn nicht gut ausgehen kann", sagt Roehler. "Es geht darum, wie das System langsam jeden Widerstand zermürbt", so der Regisseur. "Goebbels zeigt sich als geistiger Vater des Films. Er hat viele Szenen selbst geschrieben und erfunden. Das ist alles überliefert."

Roehler erzählt die dramatische Geschichte allerdings in einer kruden Mischung aus Melodram und leicht satirischen Elementen, die den Zuschauer stark irritieren könnte.
Mit gemischten Gefühlen sieht man Moritz Bleibtreu in einer übertriebenen Kolportage den Nazi- Verbrecher Goebbels eher als Clown denn als Massenmörder spielen. Höhepunkt des schlechten Geschmacks ist dann eine Sex-Szene mit Gudrun Landgrebe als lüsterner Gattin eines SS-Schergen am offenen Fenster einer Nazi-Villa - während Berlin im Bombenhagel versinkt, lässt sie sich vom armen Marian beglücken.

"Wir gehen mit unserem Film ins Innere der Salons der Nazis, wir sind mitten in der Nazi-High-Society", erklärt Roehler seinen Blick auf die deutsche Geschichte.
So will der Regisseur von Filmen wie "Die Unberührbare" und "Elementarteilchen" zeigen, wie die Mechanismen von Macht und Verführung, Erpressung und Unterdrückung funktionierten.

Mit dem als besonders verwerflichen Werk der Filmgeschichte geltenden "Jud Süß" wollten die Nationalsozialisten die Vertreibung der europäischen Juden legitimieren und ihre millionenfache Ermordung vorbereiten. SS-Kommandos wurde der Hetzfilm vor ihren Einsätzen gegen Juden gezeigt. Bei Roehler sind die Nazis aber weniger gemeingefährliche Verführer als lächerliche Chargen.

Der Film zeigt, wie Marians Frau (Martina Gedeck) sich von ihrem Mann abwendet, weil er sich durch die Gesellschaft der Nazi-Größen zunehmend verändert.
Viele Freunde der Marians müssen emigrieren. Zu dieser Zeit versteckt das Paar in seinem Gartenhaus den jüdischen Schauspieler Adolf Wilhelm Deutscher (Heribert Sasse).

Beim von Mussolini ins Leben gerufenen internationalen Filmfestival von Venedig wird "Jud Süß" vom Publikum begeistert gefeiert. Doch Marian wird sich des verbrecherischen Ziels, das die Nazis mit dem Film rechtfertigen wollen, immer deutlicher bewusst. Er ergeht sich in Alkoholexzessen und immer neuen Affären.

Goebbels Liebling ist plötzlich nicht länger eine Vorzeige-Figur. Dann wird Marians Frau deportiert. Nach Kriegsende endet der Prozess gegen Harlan - "des Teufels Regisseur" - mit einem Freispruch. Marian verliert jeden Halt. Der Künstler stirbt 1946 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall.

Ein "Vorbehaltsfilm"

Das Nazi-Propagandawerk "Jud Süß" aus dem Jahr 1940 wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten verboten. Später wurde er als sogenannter Vorbehaltsfilm eingestuft. Dies bedeutet, dass er nur mit Zustimmung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung gezeigt werden darf. Eine Vorführung ist nur im Rahmen von fachkundig eingeleiteten und kommentierten Veranstaltungen erlaubt.

Die Murnau-Stiftung in Wiesbaden kümmert sich um den Erhalt des deutschen Filmerbes. Ihre Verfassung sieht vor, in ideologischer Absicht produzierte Filme der Nazi-Zeit verantwortungsbewusst zu bewahren und keine unangemessenen Aufführungen zuzulassen. "Jud Süß" ist einer von etwa 40 Filmen aus dem Rechtebestand der Stiftung, die unter Vorbehalt stehen. Es sind überwiegend Propagandafilme mit kriegsverherrlichendem, rassistischem oder volksverhetzendem Inhalt.


Joseph Süßkind Oppenheimer - "Jud Süß"

Joseph Süßkind Oppenheimer (1698-1738), genannt "Jud Süß", war Finanzberater des Herzogs Karl Alexander von Württemberg. Mit einer rigiden Steuerpolitik ermöglichte er dessen prunkvolle Hofhaltung. Nach dem Tod des Herrschers wurde er in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Lion Feuchtwanger (1884-1958) hat den historischen Fall zuerst in einem Theaterstück, danach in dem Roman "Jud Süß" aufgearbeitet. Das Buch schildert das Leben deutscher Juden zur Zeit der Aufklärung und wurde 1925 bis 1933 in Deutschland 300.000 mal verkauft. Der jüdische Autor Feuchtwanger musste 1940 vor den Nationalsozialisten ins Exil in die USA fliehen.

Im Auftrag von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels drehte Veit Harlan 1939 den NS-Hetzfilm "Jud Süß", in dem historische Tatsachen antisemitisch verfälscht wurden. Den als Unterhaltungsfilm konzipierten Streifen sahen von 1940 bis 1945 in Deutschland rund 20 Millionen Zuschauer, im besetzten Ausland weitere 20 Millionen.

Das Hamburger Schwurgericht sprach im April 1949 Regisseur Harlan vom Vorwurf der Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei.