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Dechsendorf
Jazz am See

Jazz am See in Dechsendorf: ein tolles Konzert

Nach einem buchstäblich ins Wasser gefallenen Versuch im vergangenen Jahr war der zweite Anlauf ein voller Erfolg. Torsten Goods, Till Brönner und Nils Landgren ließen die Bühne am Dechsendorfer Weiher vibrieren.
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Das Jazzer-Trio (v. l.) Torsten Goods, Till Brönner und Nils Landgren sorgte für eine gelungene Premiere von "Jazz am See". Fotos: Simon Schweikert
Das Jazzer-Trio (v. l.) Torsten Goods, Till Brönner und Nils Landgren sorgte für eine gelungene Premiere von "Jazz am See". Fotos: Simon Schweikert
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Es ist klar, dass ein Konzert für 2500 Besucher nicht Free Jazz à la Peter Brötzmann oder elektronische Neutöne wie von Koch-Schütz-Studer auf die Freilichtbühne bringen kann. Die Premiere "Jazz am See", das Pendant zum dieses Jahr bereits zum 13. Mal veranstalteten Event "Klassik am See" am Dechsendorfer Weiher, war also nichts für Puristen. Easy listening, jedoch zu großen Teilen das reine Vergnügen. Denn mit Torsten Goods (E-Gitarre), Till Brönner (Trompete und Flügelhorn) sowie Nils Landgren (Posaune) standen Könner, ja zumindest europaweit renommierte Stars auf der Bühne.
Ihre musikalisch kongenialen Begleiter nicht zu vergessen. Christian von Kaphengst stellte seinen dezenten Bass stets in den Dienst der Solisten; Jan Miserre an Flügel und Keyboards lieferte sich packende Dialoge mit eben diesen, und dass David Haynes am Schlagzeug sich nicht nur zurücknehmen kann mit einem sonoren Beat, bewies er mit zwei fulminanten Soli, in denen er alle Möglichkeiten seiner Trommeln ausreizte und sie auch wie Bongos traktierte.

Ausgebuffte Profis

Drei Stars des Jazz - was so selbstverständlich in dem doch arg zur Nischenmusik degradierten Genre nicht ist - also hatte der veranstaltende Verein Klassikkultur gewonnen und mit dem in Erlangen aufgewachsenen Torsten Goods einen musikalischen Leiter mit den richtigen Kontakten an der Seite. Hat der 35-Jährige doch bereits mit Landgren und Brönner musiziert. Die Drei sind ausgebuffte Bühnenprofis und wissen, wie die Dramaturgie eines solchen Auftritts aussehen muss - vom Einfachen zum Komplizierten, vom Solisten zum Trio, vom eher Elegischen zum rhythmisch Mitreißenden.
Also begann Goods, der ebenso wie Landgren und Brönner auch ein fähiger Sänger ist, mit eher verhaltenen Blues-Soul-Pop-Nummern, wobei seine instrumentale Virtuosität jedoch mehr als aufschimmerte. Perlende Läufe, wieselflinke Finger auf dem Griffbrett, müheloses Ineinanderfließen von akkordischem und Solospiel, dabei deutliche Anklänge an Soul-Funk-Helden wie George Benson oder Johnny Guitar Watson - das wies auf die Richtung des ganzen Konzerts. Es war nicht der reine Jazz, eher seine kommerzielleren Varianten Jazzrock (wie er in den 1970ern blühte) oder eben funky angehaucht. Was einen schönen Kontrast gab zu einem Langweiler wie Sinéad O'Connors "Nothing Compares 2 U". Doch das war neben "Broken Wings", einer Pop-Nummer der vergessenen Band "Mr. Mister", der einzige Ausreißer der gut zwei Stunden am See.

Am besten waren Kompositionen Freddie Hubbards


Ausreißer, die mehr als kompensiert wurden durch solche Kracher wie "Gibraltar" von Freddie Hubbard. Der Jazz-Titan zählt zu den Vorbildern des Trompeters Till Brönner. Gerade 44 Jahre alt, erschien er zunächst mit dem Flügelhorn, lief jedoch erst nach der Pause im Verein mit Goods und Landgren zur Höchstform auf. Dieser Landgren, 59 Jahre alt, ist einer der bekanntesten Jazzer Europas, was auch daran liegen mag, dass er wie manche Nase rümpfenden Kollegen nicht vor Pop und Folk zurückschreckt und etwa Abba-Kompositionen bearbeitet hat.
Egal. Kaum jemals hat man eine solche Posaune gehört. Landgren traktiert sein Instrument stakkatohaft, vibratoreich, so wie andere Trompete oder Saxophon (Maceo Parker!) spielen. Im schon genannten "Gibraltar" wechselte er sich ab mit Goods und Brönner; das Konzert nahm richtig Fahrt auf. Zumal auch der Keyboarder und Schlagzeuger warmliefen. Ein freundschaftliches Duell Trompete - Posaune oder die überraschend seidige Stimme Landgrens zeugten von der Klasse des Schweden.
Zaghaft einsetzender Regen - im vergangenen Jahr war die Veranstaltung wegen eines Gewitters kurzfristig abgesagt worden - trübte nicht die Freude im Publikum, als Antoinette Clinton auf die Bühne kam. Die US-Amerikanerin, Beatbox-Performerin, kann allein mit dem Mund ein Techno-Gewitter erzeugen. Kapuzenbewehrte Zuhörer tanzten, die Künstler versprachen ein Wiederkommen im nächsten Jahr, und es war wohl getan. Jazz am See ist eine tolle Sache.
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