Bamberg
Interview

Jakub Hrusa spricht über seine Arbeit mit den Bamberger Symphonikern

Der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker spricht über seine Arbeitsweise und Ambitionen.
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Jakub Hrusa bei seiner Arbeit mit den Bamberger Symphonikern in Aix-en-Provence
Jakub Hrusa bei seiner Arbeit mit den Bamberger Symphonikern in Aix-en-Provence
Jakub Hrusa ist seit Oktober 2016 Chefdirigent der Bamberger Symphoniker. Er wird im internationalen Klassik-Betrieb als ein Mann auf dem Weg nach ganz oben gehandelt. Während eines Gastspiels der Bamberger Symphoniker beim Osterfestival in Aix-en-Provence sprach er über seine erste Spielzeit mit dem Orchester, seine Arbeitsweise und -philosophie. Der Dirigent spricht mittlerweile gut Deutsch, zieht es der Präzision des Ausdrucks halber jedoch meist vor, auf Englisch zu antworten. Diese Antworten wurden übersetzt.

Sie haben Ihre erste Spielzeit mit den Bamberger Symphonikern nun fast absolviert. Können Sie schon ein kleines Resümee dieser ersten Saison ziehen?
Hrusa: Die Frage ist, wo ich anfangen soll. Ich bin sehr glücklich mit diesem Orchester und weiß, woran wir arbeiten müssen. Wir haben gute Ergebnisse erzielt mit unseren Plattenaufnahmen und Konzerten, und wir haben viel vor in der nächsten Spielzeit und den Spielzeiten danach. In jeder Woche, in der wir zusammen arbeiten, lernen wir uns besser kennen. Ich glaube, sowohl das Orchester wie auch ich haben realisiert, was für eine fruchtbare Verbindung wir eingegangen sind. Also ist das Resümee: Ich bin definitiv sehr glücklich und schaue zuversichtlich auf das, was noch kommt.

Wenn man mit den Musikern über ihre Erfahrungen mit Ihnen spricht, hört man nur Worte, die von Anerkennung bis Begeisterung reichen. Wie würden Sie Ihren Führungs-, Ihren Dirigierstil definieren?
Das ist nicht ganz einfach - eher eine Aufgabe der Musiker und Kritiker. Ich möchte eine Balance zwischen Führung mit klaren Vorgaben, die nicht immer in allen Details ausgearbeitet sein müssen, aber dafür in der Partitur verankert. Ich schätze es, wenn man den Vorgaben der Partitur mit großem Respekt folgt; die Partitur ist die Basis meiner Vorstellungen über das Werk. Das ist sehr wichtig für mich. Die Musiker sollen nicht in der Luft hängen, sondern darin verwurzelt sein. Gleichzeitig möchte ich in einen musikalischen Dialog mit den Spielern treten. Ich hasse es, alles selbst entscheiden zu müssen, und ich hasse es, alles zeigen zu müssen und das Werk quasi zu meinem zu machen. Der Charme liegt darin, zu spüren, was das Orchester will, wie die Musiker spielen, wie sie in den Proben reagieren, wie sie ihre Ideen und Gefühle in meine Vorstellungen einbringen. Natürlich ist es notwendig, dass ich auch Entscheidungen fälle; das wird auch von mir erwartet. Diese Kombination aus Autorität und Offenheit ist wohl mein Konzept, eine Balance zwischen klarer Führung und Umarmung des Orchesters.

Also ein demokratischer Führungsstil?
Sicher. Ich bin kein Liebhaber der Diktatur. Starke Disziplin hilft, um gute künstlerische Ergebnisse zu erzielen. Und diese Disziplin ist den Bamberger Symphonikern in hohem Maße zu eigen. Sie müssen nicht gezwungen werden, und sie sind aufgeschlossen und entgegenkommend genug, um so einfühlsam wie möglich behandelt zu werden. Aber wieder: Der Dirigent muss auch die Leitlinien vorgeben. Nicht jeder Musiker kann machen, was er will. Das würde nicht funktionieren. Aber die Verantwortung des Dirigenten besteht darin, darauf zu hören, was die Musiker anbieten. Also so nahe wie möglich an die Bedeutung des Worts "demokratisch" heranzukommen.

Vermutlich ist die Zeit der großen Diktatoren am Pult abgelaufen.
Vielleicht. Diesen Typus gibt es noch immer. Es gibt schon noch strenge Dirigenten, aber in der jüngeren Generation kaum noch.

Haben Sie den berühmten böhmischen Klang der Bamberger Symphoniker entdeckt und weiter akzentuiert?
Das steht nicht an erster Stelle meiner Arbeit, aber unbewusst sicher: Ich suche nach dem, womit ich aufgewachsen bin, auch wenn ich es bewusst gar nicht will. Das heißt nicht, dass ich permanent nach dem "böhmischen" Klang suche oder suchen lasse. Das Orchester soll so klingen, wie es klingt: harmonisch, einheitlich in Intention und Ausführung. Natürlich spielen wir Werke tschechischer Komponisten mit tschechischen Eigenheiten, aber ich möchte die Musiker nicht permanent daran erinnern.

Sehen Sie sich als Botschafter tschechischer Musik?
Ich interpretiere gerne tschechische Musik, aber wenn Sie einen Blick in mein Repertoire werfen, werden Sie bemerken, dass das nicht meinen Arbeitsschwerpunkt darstellt. Ich möchte also nicht um die Welt reisen und alle überzeugen, tschechische Musik zu spielen. Dennoch fühle ich mich verantwortlich für diese Musik, weil ich sie liebe.

Haben Sie schon ein Konzept für die weitere Arbeit mit den Bamberger Symphonikern entwickelt?
Wir sehen uns der Tradition dieses Orchesters verpflichtet, um die beste musikalische Qualität erzeugen zu können. Dabei spreche ich nicht nur über meine persönlichen Vorstellungen, sondern über die von allen, die in den Schaffensprozess involviert sind. Das heißt, wir werden Mahler weiter interpretieren oder wenig bekannte Deutsch sprechende böhmische, auch weniger bekannte tschechische Komponisten, aber daneben auch Dvorak, Brahms, Martinu, Suk, Janácek, aber auch Zeitgenössisches. Schwerpunkte sind das eine, aber Abwechslung ist das andere und erstrebenswert. Denn jeder soll in unserem Programm etwas für sich finden können.

Und die Bamberger als berühmtes Mahler-Orchester?
Ja, sicher, aber nicht als primäre Aufgabe. Das ist nur ein Aspekt der Bamberger Symphoniker.

Sie interpretieren heute das Lohengrin-Vorspiel. Schon die geografische Nähe Bambergs zu Bayreuth provoziert die Frage: Wie halten Sie's mit Wagner?
Es ist eine sehr emotionale Haltung. Und ich brenne darauf, mehr Wagner zu spielen. Bisher habe ich ihn mehr gehört als dirigiert, und ich sollte mich ihm mehr widmen. Weil Wagner Opern komponierte, ist er ein eher untypischer Gast in der Konzerthalle. Seine Musik ist unwiderstehlich mächtig. Sicher nicht jedermanns Geschmack, aber wenn man mit offenen Ohren hört, offenbart er eine Schönheit wie kein anderer Komponist. Ein singulärer Beitrag zur Geschichte der Künste. Man spürt ihn körperlich, nicht nur über den Intellekt, wirklich fantastische Musik, eines der stärksten Stücke musikalischer Qualität, das je existierte. Ich habe noch nicht viel Wagner gespielt, aber möchte mehr entdecken. Dasselbe gilt übrigens für Bruckner. Gerade diese beiden Komponisten sind in Tschechien nicht viel gespielt worden und daher nicht automatisch Teil der musikalischen Erziehung dort gewesen. Aber Leute wie ich haben die immer geliebt und können nicht verstehen, dass sie andere gleichgültig lassen.

Vielleicht war Wagner aus politischen Gründen in Tschechien nie populär.
Möglich, aber ich glaube, der Hauptgrund ist ein anderer. Der Hauptgrund ist einfach eine andere Mentalität, eine andere Struktur und Harmonik dieser Musik. Scharfe Kontraste gibt es zwar bei Wagner, aber sie sind eingebettet in eine dichte Struktur. Das Publikum in Tschechien vermisst diese scharfen Kontraste, findet die Musik langatmig, vielleicht langweilig und sehr "deutsch". Das ist aber nicht meine Meinung, denn es ist sehr einfach, den eigenen Mangel an Offenheit und Verständnis so zu kaschieren.

Richten Sie Ihre Ambitionen auch auf die Oper?
Ja, ich dirigiere regelmäßig Opern, aber die Oper ist für mich eher die Ausnahme, nicht die Routine. Das ist für mich eine Horrorvorstellung, in Opernhäusern wie am Fließband arbeiten zu müssen. Oper ist für mich eher Erholung, Abwechslung.

In Aix spielen Sie ein sehr deutsches Programm. Ist das in Frankreich besonders gefragt?
Ich weiß nicht. Es ist eine Mischung von dem, was wir in Bamberg bereits gespielt haben, und was das Festival braucht. Das ist immer Verhandlungssache. Es ist aber ein tolles Programm. Alle drei Kompositionen hätte ich selbst auswählen können (die Auswahl wurde schon vor der Verpflichtung Hrusas getroffen, Anm. von mir, R. G.). Sie sind allerdings sehr unterschiedlich.

Sie lieben auch Jazz?
Definitiv. Ich bin kein Experte, aber ich liebe die Harmonik, das Improvisieren dieser Musik. Aber ich bin meistens nur Hörer.

Welche Musiker dieses Genres mögen Sie?
Verschiedene Sparten. Einmal meiner Vergangenheit als Posaunist geschuldet, moderne Big Bands, weniger den alten schematischen Stil. Außerdem Jazz-Trios, Pianisten usw.

Sie haben in noch jungen Jahren bereits eine steile Karriere hingelegt. Sie sind ständig unterwegs, wollten sich aber nicht hetzen lassen - und jetzt?
Manche mögen mich für sehr geschäftig halten. Manchmal fühle ich mich mehr gefordert, manchmal weniger, ich kann bekannte Stücke mit unbekannten mischen, und das hält sich gut in der Waage. Außerdem habe ich sehr angenehme berufliche Partner, die Bamberger Symphoniker an erster Stelle. Ich reise nicht ständig herum. Ich arbeite viel, aber fühle mich nicht gestresst. Dirigieren ist für mich etwas Natürliches.