Bamberg
Filmkritik

Gustl Mollath im Kino: Psychogramm eines Querkopfs

Zwei junge Filmemacherinnen haben die Geschichte des Gustl Mollath ins Kino gebracht. Es ist das Porträt eines ungewöhnlichen Menschen geworden. Den eigentlichen Skandal des Falls berührt der Streifen aber kaum.
Artikel drucken Artikel einbetten
Gustl Mollath genießt nach über sieben Jahren in der forensischen Psychiatrie seine Freiheit.  Foto: Zorro-Film
Gustl Mollath genießt nach über sieben Jahren in der forensischen Psychiatrie seine Freiheit. Foto: Zorro-Film
Am Anfang sehen wir einen Mann im Raumanzug, der in einer "fremden Welt" herumstakst. Leonie Stade und Annika Blendl, zwei Studentinnen der Hochschule für Film und Fernsehen in München, haben für den Anfang ihrer Dokumentation - "Mollath. Und schon bist du verrückt" - eine Bildmetapher für den Fall gesucht, der einige Zeit die deutsche, insbesondere bayerische Öffentlichkeit erregte.

Das Narrativ war klar: Da verschwindet einer, der Schwarzgeldgeschäfte einer Großbank anprangert, durch ein Komplott aus Gutachtern und Justiz jahrelang in der forensischen Psychiatrie. Die Rolle der bösen Hexe nahm Mollaths Exfrau ein, Anlageberaterin der Bank, deren dubiose Geschäfte Mollath aufdecken wollte.

Urängste geradezu kafkaesker Dimension wurden da angesprochen, zumal der Protagonist durch sein beherrschtes und rhetorisch geschicktes Auftreten alles andere als den Eindruck eines Psychopathen machte. Thrillertauglich war die Geschichte. Denn nur, weil die Presse auf den Fall aufmerksam wurde, kam es zur Entlassung Mollaths aus der geschlossenen Anstalt und schließlich zu einem Wiederaufnahmeverfahren, das mit einem bedingten Freispruch endete.


Der Weg Gustl Mollaths von der Entlassung bis zum Freispruch

Der Film schildert den Weg Gustl Mollaths von der Entlassung bis zum Freispruch. Laut eigenem Bekenntnis wollten die beiden Autorinnen kein investigatives Stück drehen, sondern einen Menschen porträtieren. Das ist ihnen gelungen und doch auch wieder schade. "Mollath" bezieht keine Position, hält zwei Versionen für denkbar. Hat der heute 58-Jährige nun seine Frau geschlagen oder nicht? Sind seine Schwarzgeldvorwürfe einem Wahn entwachsen, oder gründen sie auf einer realen Basis?

Diese Möglichkeiten personifizieren sich in zwei antagonistischen Journalistenpaaren. Da sind zwei Reporter der "Süddeutschen Zeitung", die den Skandal aufdeckten und multimedial verwerteten. Auf der anderen Seite stehen ein Redakteur des "Nordbayerischen Kuriers", dem es als Einzigem gelang, Mollaths Exfrau (im Film nicht zu sehen) zu kontaktieren, und eine Journalistin des "Spiegel", die Mollath bis heute für eine gestörte Persönlichkeit hält.

Es ist denkbar, so die "Spiegel"-Journalistin, dass Mollaths Exgattin unsaubere Geschäfte betrieb und dennoch Opfer häuslicher Gewalt wurde. Ihr Kollege beruft sich aufs journalistische Prinzip, immer auch die andere Seite zu hören - und hat damit recht. Der Fall Mollath ist auch ein Muster, wie Skandalisierung und Emotionalisierung heute nüchterne Recherche ersetzt haben.


Gutachter-Skandal wird ignoriert

Dies aufzuzeigen, ist ein Verdienst des Films. Seine große Schwäche liegt aber darin, sich um den eigentlichen Skandal herumzumogeln: Wie nämlich einer aufgrund dubioser Gutachten und schlampiger Rechtsprechung auf Jahre verschwinden kann. Die Gerichtspsychiatrie gehört auf die Anklagebank! Doch das war Stade und Blendl wohl zu mühselig, so wie der Satz "Das Gericht spricht ihn schuldig" zu Beginn auch falsch ist - Mollath wurde eben für schuldunfähig erklärt und wanderte zur Verhütung weiterer Straftaten in die forensische Psychiatrie.

So beschränkt sich die Dokumentation auf das Porträt eines Menschen, der mit Sicherheit anders strukturiert ist als die Mehrheit. Ein Freund nennt Kompromisslosigkeit und Selbstüberschätzung, der Anwalt Gerhard Strate, mit dem sich Mollath überwarf, "skurrile Eigenheiten". Dazwischen sehen wir Mollath am Grab seiner Eltern, im Gebirge, bei einem Autorennen in England. Die alte Frage formuliert sich wie von selbst: Ist der Mensch "verrückt" oder die Gesellschaft, in der er lebt? Die gut geschneiderte Hosen für einen Spottpreis verkauft, die zielstrebig ihre eigenen Lebensgrundlagen vernichtet? Früher wäre einer wie Mollath vielleicht Gottesnarr geworden. In der verwalteten Gesellschaft wird er psychiatrisiert.

"Mollath: Und plötzlich bist du verrückt" ist zu sehen im Lichtspiel-Kino, Untere Königstraße 34, Bamberg, bis 30. August um 17.20 Uhr