Bayreuth
Bayreuther Festspiele

"Götterdämmerung": Erlebnisse eines Novizen

Wie man in Bayreuth das Fürchten lernt. Eine nicht ganz ernst gemeinte Opernkritik.
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Brünnhilde (Catherine Foster, li.) und Waltraude (Marina Prudenskaya) in einer Szene der "Götterdämmerung"  Foto: Bayreuther Festsp./E. Newrath
Brünnhilde (Catherine Foster, li.) und Waltraude (Marina Prudenskaya) in einer Szene der "Götterdämmerung" Foto: Bayreuther Festsp./E. Newrath
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Den Kopf voll mit Wagneriana, ist der Bayreuth-Novize - zum ersten Mal Festspiele, zum ersten Mal eine Wagner-Oper, zum ersten Mal naturgemäß dann die "Götterdämmerung" - geneigt, die Bangigkeit mit etwas Alkohol zu sedieren. Allein, die Preise an den Ständen, die das Festspielhaus umringen wie Devotionalienhändler eine Wallfahrtsstätte, sind so gestaltet, dass eins schon erfolgreich nach dem Rheingold getaucht haben müsste.
Verwickelte redaktionstechnische Erwägungen trieben den Autor, der sonst nur über Sprechtheater schreibt und Wagner und "Bayreuth" gegenüber ein gesundes Misstrauen hegt - Antisemitismus! Chamberlain! Winifred Wagner! Wolf Hitler! Die ganze Nazichose eben! - zum Festspielhaus, vor dem sich possierliche Gestalten tummeln. Doch dazu später. Frank Castorfs "Ring", Premiere vor drei Jahren, lädt ja den Neuling ein, einmal ins Wagner-Universum einzutauchen mit gleich der vollen Dröhnung: viereinhalb Stunden "Götterdämmerung". Castorf, Berliner Berserker, steht so recht für das, was einen wortgewaltigen Wagnerianer wie Eckhard Henscheid zur Weißglut treibt: Er hat sich die "Abstauberbagage" der Regisseure zum Lieblingsfeind erkoren, die Hans Neuenfels, die beiden Christophs Marthaler und Schlingensief, Katharina Wagner ganz gewiss nicht zu vergessen mit ihrer aller "Opernregie-Unholdereien". Nun gilt dies alles mutatis mutandis auch fürs Sprechtheater. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man akzeptiert das vom Kritikerpapst Gerhard Stadelmaier so genannte Regisseurstheater. Oder man bleibt zu Hause. Tertium non datur, sagt der Bildungsbürger, eine aussterbende Spezies. Der eh schon immer eine Bürger*in war o.s.ä.

Also wird der Ring bei Castorf zu Öl. Bzw. auch wieder nicht so einfach. Einer hat die Macht und das Personal, auf die Bühne zu stemmen, was ihm an Assoziationsgewittern so durch den Kopf rauscht. Eine beneidenswerte Position eigentlich. Da geht es dann vom "Rheingold"-Baku in einen nordamerikanischen Wohnwagen vor einem transparenten Treppenhaus, mit einem wunderschönen alten Mercedes-Cabrio, einer Isetta, deren allegorische Bedeutung zu dechiffrieren beim besten Willen nicht gelang, und der New York Stock Exchange (sollen wir uns den Kalauer Walhall - Wall Street erlauben? Sei's drum). Dies alles drapiert auf eine Drehbühne, konzipiert von Aleksandar Denic. Eine Voodoo-Höhle, von oben kaum zu sehen, kommt hinzu, eine riesige Fassade "Plaste und Elaste aus Schkopau", DDR-Tristesse mit einer Döner-Bude (?) und einem vergammelten Stand für Obst und Gemüse. Aha, der Hinterhof ist die Gibichungenhalle. Dazu kommen etliche Videoeinspielungen, wie es große Mode ist zurzeit. Hagen treibt den Rhein hinab, der große Weltenbrand bleibt aus, obwohl kräftig Öl auf die Bühnenbretter plätschert.

Die Interpretationsmaschine darf anlaufen. Es gibt ja seit G. B. Shaw selig eine Lesart, den revolutionär gestimmten Wagner von 1848/49 in den Blick zu nehmen: "Der ,Ring‘ ... ist ein Drama der Gegenwart und nicht eines aus ferner und sagenhafter Vorzeit." Das geht auch schön hegelianisch mit Untergang des Alten, das den Keim des Neuen in sich trägt. Der Ring als Symbol der kapitalistischen Neuzeit. Nur leider entwickelte sich Wagner im Laufe der jahrzehntelangen "Ring"-Entstehungsgeschichte zu einem ziemlich devoten Speichellecker, des Geldes wegen. Das soll öfter vorkommen bei einstigen Revolutionären. So ganz klappt diese Interpretation also nicht. Dennoch soll hier Castorf nicht verdammt werden, Henscheid halten zu Gnaden. Die Vorstellung von Akteuren mit Ritterrüstung lässt einen noch mehr gruseln. Dabei hat das doch ein anderer zu lernen. Aber das geschieht im dritten Teil der Tetralogie, in "Siegfried".

Noch kurz das eigentlich Wichtigste: Die Sänger brillierten und wurden gefeiert. Die Regie buhten etliche aus - schön, das einmal wieder zu hören! Marek Janowskis Orchester und der Chor hauten rein. Auch dem Laien wurde klar, wie sehr eine Quadrillion Filmkomponisten von Wagner abgekupfert hat bis hin zum offenen Plagiat. Braucht sich keiner zu wundern, wie man vom Pathos dieser Musik fasziniert sein kann, so wie der junge Hitler. Wagner, der Pop des 19. Jahrhunderts. Ein Faszinosum ist auch das Wagner-Publikum: Wie da die internationale Bourgeoisie Brecht'sche Verfremdungen goutiert, ist schon wieder lustig. Wehe, wehe!