Kronach
Premiere

Ein gelungener "Besuch der alten Dame" in Kronach

Heidemarie Wellmann inszeniert Dürrenmatts "Alte Dame" für die Kronacher Rosenberg-Festspiele eher versöhnlich. Trotzdem ist es eine sehenswerte Aufführung.
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Alfred Ill (Wolfgang Scheiner) und die alte Dame Claire Zachanassian (Daniela Ilian) Fotos: Matthias Hoch
Alfred Ill (Wolfgang Scheiner) und die alte Dame Claire Zachanassian (Daniela Ilian) Fotos: Matthias Hoch
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Das Stück wurde 1956 uraufgeführt, avancierte zum Klassiker auch des Deutsch-Unterrichts und bleibt trotz aller vermutlichen Schülerverfluchungen doch aktuell. Denn solange es menschliche Gier und Niedertracht gibt - und die wird es wohl immer geben -, hat uns Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" etwas zu sagen: "Man kann alles kaufen."
Grund genug also für die künstlerische Leiterin der Rosenberg-Festspiele, Heidemarie Wellmann, das viel gespielte Drama auf den Spielplan der ersten von ihr verantworteten Spielzeit zu setzen. Was sich schon bei "Der Widerspenstigen Zähmung" andeutete, hat sich hier noch besser fortgesetzt: In einer schlackenlosen Inszenierung und einer verglichen mit dem Original etwas softeren Version schuf Wellmann eine einem breiten Publikum zugängliche Geschichte um die zeitlosen Themen Treue und Verrat, Liebe und Hass, Schuld und Sühne.
Dabei spart Wellmann, vielleicht auch aus Gründen der ihr zu Gebote stehenden Ressourcen, in ihrer Textbearbeitung etliche Personen des Dürrenmatt'schen Stücks ein, mit dem der Schweizer Dramatiker einst seinen Weltruhm begründete. Es fehlen insbesondere die Ehemänner der Claire Zachanassian, es fehlen die geblendeten Eunuchen Koby und Loby, es fehlen Presseleute. Dafür sind die lakonischen, mitunter stakkatohaften Dialoge der Vorlage geglättet, die Statisten werden sinnvoll und ökonomisch eingesetzt; auf die unsäglichen Musikeinspielungen vergangener Jahre verzichtet Wellmann ganz.
Dies alles erhellt, worauf es der Regisseurin ankam. Auch Freilichttheater auch in einer kleinen Stadt kann eindringlich sein, zu mehr taugen als Spektakel und Klamauk. Die vermeidet diese "Alte Dame" gänzlich. Es wäre ja so leicht gewesen, das "Güllen" im Drama mit allerlei Anspielungen zu einem extraterritorialen Kronach zu machen - nur die Arbeiter parlieren frankenwäldisch. Auch das Groteske fehlt: die beiden Diener der alten Dame, die keine Prothesen zur Schau stellt. Nur ab und an schimmert Zeitgenössisches durch, wenn der "Wutbürger" oder die Dialogzeilen "Ich und ehrlich? Ich bin doch Politiker!" auftauchen.


Stigmatisierung gibt es immer

Und auch in Kostümen (Elke Daum-Heinisch, Otto Heinisch) und den ganz wenigen Requisiten wie einem Krämerladen bleibt die Kronacher "Dame" den Fünfzigern verbunden; abgesehen davon, dass eine ungewollte Schwangerschaft heute kein Grund der sozialen Ächtung mehr wäre. Doch das ist ganz gleich; Gründe für den Ausschluss Einzelner finden sich immer. So bleibt das Paradox eines Kammerspiels unter freiem Himmel, ganz den Fähigkeiten der Schauspieler vertrauend (den Gag eines Heckflossen-Mercedes einmal beiseite lassend).
Und die leisten Solides bis Vortreffliches. Allen voran naturgemäß Daniela Ilian als Claire Zachanassian mit gezügelter Boshaftigkeit und Wolfgang Scheiner als Alfred Ill. Die beiden "Alten" - heute würde man Mittsechziger nicht unbedingt mehr als "alt" bezeichnen - spielen eher zurückhaltend, dafür umso eindringlicher. Sie müssen aufpassen, dass der Bürgermeister (großartig Hardy Kistner) mit seinen bräsigen Phrasen ihnen nicht die Schau stiehlt. Der Lehrer (Andreas Gräbe) in verschwurbelter Humanitas, der Polizist (Sebastian Smulders) mit unterdrückter Brutalität, schließlich der opportunistische Pfarrer (Gerald Fischer) komplettieren das Honoratioren-Quartett, das wiederum Luise (Ida Engelhardt) und die Tochter Ills (Wellmann herself) konterkarieren. Einzelne Frauen als kleine Hoffnung. Doch ihre Geschlechtsgenossinnen gesellen sich zum Mob, der von Biedermännern ("lieber arm als blutbefleckt") zu Bestien mutiert, Motiv unzähliger Horrorfilme. Immerhin gönnt Wellmann den hörbar beeindruckten Zuschauern einen abgemilderten Schluss der Tragikomödie - bei ihr ist es weitgehend eine Tragödie. Muss Alfred Ill seine Sünde bei Dürrenmatt noch mit dem Tod büßen, darf er in ihrer Fassung weiterleben, denn die alte Dame erkennt: "Ich bin nur ein Mensch - so wie ihr alle." Und der Mensch ist nicht gut.

Termine und Karten

Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" auf der Festung Rosenberg in Kronach ist zu sehen am 15., 16. und 23. Juli sowie 6., 7. und 12. August Karten Tel. 09261/97236 und im Netz unter rosenberg-festival.com Dauer ca. 110 Minuten, keine Pause