Bayreuther Festspiele

Ein Drachentöter mit Pumuckl-Charme

Nicht perfekt, aber natürlich und ungekünstelt: Der Sängerdarsteller Lance Ryan ist ein überzeugender Jung-Siegfried.
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Lance Ryan im 2. Akt "Siegfried" Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Gute Heldentenöre sind Mangelware. Das war schon zu Lebzeiten von Richard Wagner so. In seiner Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" werden mindestens zwei gebraucht: Der schöner Singende darf sich in der Regel als Siegmund in nur zwei "Walküre"-Akten verströmen, der Robustere muss als fast ständig präsenter Siegfried mehr als das dreifache Pensum in "Siegfried" und "Götterdämmerung" bewältigen.

Im aktuellen Bayreuther "Ring" gab es von 2006 bis 2009 keine guten Heldentenöre. Will heißen: Dirigent Christian Thielemann, der gerade zum offiziellen musikalischen Berater der Festspielleitung befördert wurde, hat jahrelang offenbar unbeeindruckt zugehört und zugeschaut, wie sich mehrere bestenfalls zweitklassige Solisten mit unzureichendem Stimmmaterial und unzureichendem darstellerischen Potenzial abmühten.

Ein bravouröses Bayreuth-Debüt


Erst in der letzten Saison der Produktion - und leider nach der CD-Einspielung - hat sich endlich Entscheidendes getan. Der neue Siegmund von Johan Botha ist als Bühnenfigur ein kompletter Ausfall, singt die Partie aber eindrucksvoll. Und der neue Siegfried Lance Ryan hat am Samstag die erste Hälfte seines Bayreuth-Debüts mit Bravour bewältigt. Seine Stimme neigt zwar dazu, sich etwas einzudicken, und den Wechsel von der Brust- in die Kopfstimme bei lyrischen Stellen verblendet er bei weitem nicht so geschickt wie sein Kollege Jonas Kaufmann. Aber Lance Ryan hat bewundernswerte stimmliche Kraftreserven und er ist vor allem ein begnadeter Darsteller.

Wann hat man je einen so natürlichen, ungekünstelt jugendlichen Jung-Siegfried auf der Bühne des Festspielhauses erlebt?

Wie beglückend muss das auch für Tankred Dorst und Ursula Ehler sein, die in einer Seitenloge die letzten Wiederaufnahmepremieren ihrer Inszenierung verfolgen! Endlich ist da ein Siegfried, der selbst in der von Wotan ererbten, übergroßen Göttergroßvater-Heldenbrust aussieht, als sei das das Normalste von der Welt. Mit seinem wilden Pumuckl-Haarschopf wirkt er wie eine Mischung aus Heath Ledger und Johnny Depp. Der Vergleich ist keineswegs zu weit hergeholt, denn seine schauspielerische Präzision und Präsenz ist überwältigend. Er macht diesen bisher so sperrigen Siegfried zu einer Figur, die uns plötzlich ganz nahe ist.

"Ein tatkräftiger Übermut

muss Ihnen

in allen Muskeln prickeln."

Richard Wagner

zu Siegfried Georg Unger

Man kann dieses Besetzungsglück - vor Bayreuth hatten längst andere Bühnen und große Dirigenten Lance Ryan für sich entdeckt - gar nicht hoch genug preisen. Der aus Kanada stammende Tenor ist offensichtlich ein später Bruder von Georg Unger, dem Uraufführungs-Siegfried von 1876, mit dem Richard Wagner bekanntlich intensiver als mit allen anderen Protagonisten gearbeitet hatte. Man möchte Ryan ans Herz legen, was Wagner am 5. August 1876 an Unger schrieb:"Ich bezeuge Ihnen, dass Sie mit den beiden Siegfrieden meine besten Erwartungen erfüllt haben: Seien Sie hierüber ganz klar! Sie haben sich Alles auf das Genaueste angeeignet, was ich Ihnen über den Charakter der Rolle sagte, sind darin sicher und fest und bringen Alles zu einer sehr wohlthuenden Wirkung." Und er bat ihn darum, sich "einzig nur noch (vielleicht nur ein wenig) mit den reinen Stimmübungen" zu beschäftigen, um "sein Organ von der Beimischung der Kehllaute zu befreien."

Woraus unschwer zu folgern ist, dass Richard Wagner die szenische Interpretation über die stimmliche stellte. In "Eine Mitteilung an meine Freunde" schrieb er schon 1851: "Ich verlangte in erster Linie den Darsteller, und den Sänger nur als Helfer des Darstellers; somit auch ein Publikum, welches mit mir dieselbe Forderung stellte." Ja, man kann es nicht oft genug wiederholen: "Ein Publikum, welches zunächst auf Befriedigung seines wohllüstigen Verlangens des Gehörnerves ganz für sich ausgeht und von dem Genusse einer dramatischen Darstellung somit fast ganz absieht", wollte Wagner nicht.

Ein Drachentöter für alle Fälle


So gesehen dürfte der Meister zufrieden sein mit der "Siegfried"-Premiere 2010. Lance Ryan wurde gefeiert, das Gros der Zuschauer spürte, dass dieser wunderbare Jung-Siegfried fast jeden Drachen erlegen kann - sogar das Ungeheuer des an der Rampe mit Stand- und Spielbein verwurzelten Opernschlendrians.

Den Ziehvater Mime bringt er bekanntlich auch um. Zu Recht. Denn der abgehalfterte Heldentenor Wolfgang Schmidt geht als Charaktertenor bei allem interpretatorischen Wohlwollen zu frei mit den Noten um. Seine Stimme klingt fast nur noch gequetscht und gerät zuweilen ganz außer Kontrolle. Dass Albert Dohmen der Wanderer mehr liegt als Wotan, ist nicht zu übersehen und zu überhören. Und auch nicht, dass Linda Watsons ausgeruhte Brünnhilde im zweiten Teil des Schlussakts mit einem jungen und feurigen Siegfried einfach bessere Karten als sonst hat - auch wenn Christian Thielemann dem Festspielorchester im 3. Akt die Bahn frei gibt für dynamische Steigerungen, wie sie zu Wagners Lebzeiten noch gar nicht möglich waren.

Kulissen- und Kostümplunder


Bleibt noch die Feststellung, dass der wunderbare Siegfried-Protagonist Lance Ryan zwar den Abend rettet, aber nicht die Inszenierung. Im Gegenteil: Wie gerne würde man ihm beim Schmieden zusehen und nicht nur bei einer Zaubernummer im Physiksaal, die mit Stichflammen hinter einem Paravent arbeitet. Wie schön geriete jetzt der Drachenkampf, wenn er denn konkret inszeniert wäre und nicht nur halbherzig im Feuerlicht des Höhlenschlunds, der sich unter der Autobahnbrücke aufgetan hat.

Ach, der Kulissen- und Kostümplunder! "Die ungeheure Mühe einer möglichst stilvollen Aufführung meines Nibelungenwerkes hat mich", schrieb Wagner im August 1879 an König Ludwig II., "da sie doch endlich auch nur zur Geburt eines gewöhnlichen Theaterkindes führte, sehr erschöpft; nichts habe ich damit aufgebaut, nichts als ein leerstehendes Gehäuse." Immerhin, es steht noch. Und wird bespielt.