Bayreuther Festspiele

Die Fußspur der Götter bleibt fast leer

Mit dem "Rheingold" startete am Dienstag die Wiederaufnahme der "Ring"-Tetralogie in der Inszenierung von Tankred Dorst. Nur Mihoko Fujimura als Fricka überzeugte restlos.
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"Das Rheingold", 4. Szene mit (von links) Mihoko Fujimura (Fricka), Edith Haller (Freia) und Arnold Bezuyen (Loge) Fotos: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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Festspielkritiker haben ein Privileg, das nicht zu verachten ist: Sie können nicht nur über die jeweilige Neuinszenierung berichten, sondern auch über die Wiederaufnahmepremieren. Anders als die Mehrheit des Publikums sehen sie eine Produktion nicht nur einmal, sondern, wenn das gewünscht ist, jede Saison erneut, so lange sie auf dem Programm steht. Das hat Vorteile und einen großen Nachteil: Beim mehrfachen Wiedersehen, wenn nichts mehr neu und überraschend ist, kann das Verfallsdatum einer Interpretation drastisch offenbar werden.

Dass das nichts zu tun hat mit jener Flüchtigkeit, die einem Theaterabend per se zu eigen ist, ist beispielhaft an der momentan ältesten Festspielinszenierung abzulesen. Als 2006 Richard Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen" in der Inszenierung des Dramatikers Tankred Dorst und seiner aus Bamberg stammenden Frau Ursula Ehler herauskam, konnten trotz der mangelhaften Personenregie noch viele dieser Lesart etwas abgewinnen. Zumal jedem klar war, dass die gegebenen Defizite in erster Linie der damaligen Festspielleitung, also Gudrun und Wolfgang Wagner, zuzuschreiben waren: Wer einen Regie-Amateur ausgerechnet für den wohl schwierigsten Brocken der Opernliteratur engagiert, noch dazu unter Zeitdruck, der riskiert wissentlich, dass das nicht gut geht.

Bilder, die an der Oberfläche bleiben

Früher, als das Wünschen noch geholfen hat, gab es eine "Werkstatt Bayreuth", in der wirkungsmächtige Regisseure wie Patrice Chéreau und Harry Kupfer intensiv weitergearbeitet haben. Auch das aktuelle "Ring"-Team nutzte jedes Jahr seine Chancen, verbesserte und feilte. Aber an einem wesentlichen Manko - den zumeist nur oberflächlich funktionierenden Bildfindungen, wie sie Frank Philipp Schlößmann (Bühne) und Bernd Ernst Skodzig (Kostüme) umgesetzt haben - hat sich nichts geändert.

Also schaut man nach wie vor in die mit riesigen Kieseln bedeckte Tiefe des Rheins, wo die Rheintöchter auf ihrem Korallenriff so festsitzen, dass sie nur mit den Armen wedeln und sonst nicht agieren können. Und auf das heutige Hochhausdach-Areal und den industriellen Heizungskeller, wo zwar auch Leute von heute hereinschneien, aber damit nicht, wie es beabsichtigt war, unterschiedliche Zeit- und Wahrnehmungsebenen aufreißen. Das, was Tankred Dorst zum "Ring" eingefallen ist, lässt sich beeindruckend in dem Buch "Fußspur der Götter" nachlesen. Auf der Bühne, in der theatralischen Realität, findet das durchaus reizvolle und bedenkenswerte Konzept leider bestenfalls in Ansätzen statt.

Auf der Rollen-Verschiebebahnhof

Was auch damit zu tun hat, dass das Team seit Jahren vor allem damit beschäftigt ist, die unverhältnismäßig vielen Umbesetzungen zu bewältigen - und zwar nicht nur bei ein paar Nebenrollen. Ein neuer Göttervater Wotan ist kein Pappenstiel, ein neuer Nibelungenzwerg Mime auch nicht. Allein die diesjährigen Besetzungsänderungen dürften viel Probenzeit und Energie gekostet haben: Neu einstudiert werden mussten unter anderem Fricka, Fafner, Siegmund, Sieglinde, Siegfried und Hagen. Die Zeiten, in denen eine "Ring"-Besetzung über fünf Jahre hinweg fast konstant blieb, sind längst vorbei. Bayreuth ist für viele Sänger nur noch eine Station unter vielen, die sich in der Biographie aber immer noch gut macht.

Was "Das Rheingold" betrifft, den Vorabend der Tetralogie, kann man die Umbesetzungen nur begrüßen. Der junge Bassist Diógenes Randes als Fafner, vor allem aber die sängerdarstellerisch überragende Mihoko Fujumura als Fricka sind ein Gewinn. Die japanische Mezzosopranistin, die in diesem "Ring" auch schon als Erda und Waltraute zu erleben war, ist endlich wieder eine Göttergattin von großem Format. Sängerisch delikat und ausdrucksstark gibt sie der Figur genau jene dezent hoheitsvolle Statur, die sie zur souveränen Hüterin von Ehe und Eid macht - auch wenn das beim eigenen Mann wenig hilft.

Sängerisches Stadttheaterniveau

Aber das steht auf einem anderen Blatt. Albert Dohmen, seit 2007 Wotan und Wanderer in Bayreuth, wirkt wie schon in den Vorjahren im "Rheingold" merkwürdig blass. Auch stimmlich dreht er erst kurz vor Schluss so auf, dass man zumindest erahnen kann, welches Gewicht diese Figur eigentlich hat. Seit 2006 stiehlt regelmäßig Arnold Bezuyens Loge Wotan die Schau, schon einfach deshalb, weil der Halbgott sich weniger statuarisch bewegt. Und sogar mitdenkt, denn bei Alberichs Fluch schreibt er vorsichtshalber mit. Immerhin ist er sängerisch prägnant, wenn auch nicht überragend.

Finsterer sieht es bei Andrew Shores Alberich aus. Er ist stimmlich einfach schon zu ausgelaugt, um jenes machtvolle Profil zu haben, das der Figur zusteht. Und sein Kostüm gibt diesem tierischen Nibelungenfürsten sowieso den Rest. Nicht einmal zweitklassig ist Wolfgang Schmidt als Mime, mehr als solides Stadttheaterniveau bringen mit Ausnahme von Fasolt Kwangchul Youn auch die anderen Solisten diesmal nicht auf. Was eigentlich dem wie immer umjubelten Dirigenten Christian Thielemann auffallen müsste. Davon mehr an dieser Stelle, nach der "Walküre".