Bayreuther Festspiele

Der impulsive Haudrauf trägt Frack

Auch in der "Götterdämmerung" überzeugte der spielfreudige Tenor Lance Ryan auf Anhieb. Das Premierenpublikum bejubelte vor allem Dirigent Christian Thielemann, der sich leider nicht mit dem Orchester zeigte.
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Siegfried im Frack, das kann nicht gut gehen: Lance Ryan (vorne), dahinter Gunther (Ralf Lukas) und Gutrune (Edith Haller) im dekadenten Look des 2. Akts der "Götterdämmerung" von Richard Wagner. Fotos: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath
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"Wow", sagt Siegfried, wenn Hagen ihm erklärt, was es mit dem Nibelungenhort auf sich hat. Gehört habe ich das zwar nicht, aber genau gesehen, durch mein Fernglas. Am Sonntag, im 1. Akt der "Götterdämmerung" in Bayreuth. Es ist bezeichnend für die Spielfreude des kanadischen Tenors Lance Ryan, der sich so sehr in die Siegfried-Rolle hineinversetzt, dass ihm schon mal ein im Libretto nicht vorgesehener Ausruf herausrutschen kann.
Ein Ritter vom hohen C

Noch einmal sei dieser Sängerdarsteller bejubelt, der sicher nicht mit der schönsten Siegfried-Stimme der letzten Jahrzehnte gesegnet ist (die hatte eindeutig Siegfried Jerusalem, 1988). Aber dafür gibt er der Figur ein unverwechselbares Profil, das dem überraschend nahekommt, was Richard Wagner wohl vorschwebte. Und das gefürchtete hohe C, wenn Siegfried zu Beginn der 2. Szene im 3. Akt auf das "Hoiho!" der Mannen antwortet, schmettert er mit einer Urgewalt und so lang anhaltend heraus, wie es dieses Haus vielleicht noch nie erlebt hat.
Dieser Siegfried ist ein Haudrauf, einer der alles zerreißt, zerschlägt und zerstört und sich mit genauso viel Naivität in seine zwei einzigen Liebesabenteuer stürzt, die für ihn verhängnisvoller sind als die vorangegangenen Morde an Fafner und Mime. Ist das der "neue Mensch", für den keine Gesetze mehr gelten sollen? Schon Wagner selbst hat im Laufe der langen Entstehungsgeschichte der "Ring"-Tetralogie einiges am Konzept dieser Figur relativiert, die bekanntlich später nicht nur von Adolf Hitler und der NS-Ideologie missverstanden wurde.

Siegfrieds Tod geht zu Herzen

Lance Ryans Siegfried ist kein Held. Aber er hat, was bei einem Schlagetot nicht unbedingt zu erwarten ist, viel natürlichen Charme. Immer wieder schafft er es, dass man den ahnungslos-impulsiven Jungspund sympathisch findet. So sehr, dass einem seine eher zurückhaltend, aber intensiv gestaltete Sterbeszene wehtut. Natürlich ist das Theater, aber es geht zu Herzen.
Bedenken und Zweifel stellen sich erst während der Trauermusik ein: Ist die Staatsbegräbnismusik, wie Christian Thielemann sie dirigiert, nicht doch ein bisschen zu groß? Hat Richard Wagner sich da nicht geirrt? Aber vielleicht trägt er schon hier nicht nur den gescheiterten Helden zu Grabe, sondern vor allem die Utopie einer Welt, in der es anstelle von Macht und Geld darum gehen soll, zu leben, zu lieben und leben zu lassen.
Berückende Klangwogen

Das Festspielorchester läuft, nachdem der "Ring" orchestral eher lau und unkonzentriert begonnen hatte, fast zur Höchstform auf. Die Bläser sind solistisch bestechend und mutig schräg, die Streicher produzieren in großen Bogen an- und abschwellende Klangwogen, die man nirgendwo sonst auf der Welt so hören kann wie im Festspielhaus. Leider scheint der Dirigent zuweilen zu vergessen, dass Sänger auf der Bühne stehen, deren kleine Stimmbänder es mit dynamisch gewaltigen Orchesterfluten aufnehmen müssen.

Nicht alle schaffen es an diesem Abend. Eric Halvarson ist ein Opfer der Lautstärke. Der Hagen-Debütant in dieser Inszenierung, dessen ausdrucksstarke, kernige Bassstimme im 1. Akt noch aufhorchen ließ, musste leider ab seinen großen Szenen des 2. Akts sängerisch die Waffen strecken. Dass es am Ende auch Buhs für ihn gab, spricht nicht unbedingt für Sachkenntnis im Publikum. Eine plötzliche Indisposition buht man nicht.

Auch die deutlich kräftigeren Buhrufe gegen Tankred Dorst, Ursula Ehler und ihren Dramaturgen Norbert Abels sind ebenso unhöflich wie unnötig. Obwohl das angestrebte Konzept mit fremden mythischen Figuren in einer heutigen Welt nicht aufgegangen ist. Aber wer wollte ernstlich - da muss man sich als Kritiker auch an die eigene Nase fassen - einen inzwischen 84-jährigen Dramatiker dafür in die Pfanne hauen, dass er mit viel Verantwortungs- und Pflichtgefühl etwas auf sich genommen hat, für das die damalige Festspielleitung offenbar keinen ausgewiesenen Opernregie-Fachmann mehr finden konnte?
Kompromisse am laufenden Band

Für eine "Ring"-Neuinszenierung hatten Tankred Dorst und seine Ausstatter Frank Philipp Schlößmann (Bühne) und Bernd Ernst Skodzig (Kostüme) entschieden zu wenig Zeit. Viel zu viele Kompromisse wurden gemacht, die sich auch beim Nacharbeiten in der "Werkstatt Bayreuth" nicht mehr in Wohlgefallen auflösen konnten.
Die verschiedenen Mäntel, in die sich Brünnhilde Linda Watson seit 2006 hüllte, habe ich nicht mitgezählt, aber auch heuer trägt sie wieder einen neuen: diesmal für den Schlussgesang, ganz in Rot. Und wie immer bei ihr und mir stellte sich nicht etwa der Eindruck ein, dass das dramaturgisch sinnvoll ist, sondern eher, dass diese nur sehr begrenzt spielbegabte Brünnhilde die Pausen gerne nutzt, um zu shoppen und zum Friseur zu gehen. Gesanglich hält sie durch - und wird vielleicht deshalb von Thielemann so geschätzt. Aber ihre Stimme klingt nur im Piano schön und warm, im Dauerforte und -tremolo bleibt sie erschreckend einfarbig.

Vergebliche Versuche im Chaos
"Walhall zerbirst, die Steine fliegen auseinander. Slow motion (kein starres Bild!). Im Chaos des Untergangs mischen sich Motive und Bilder aus der Mythologie mit modernen Untergangsszenerien. Flucht mit Koffern - was nehmen wir mit, wenn wir flüchten müssen? Vergebliche Versuche, das Chaos zu ordnen. Der Fenriswolf, der mit riesigem Maul die Sonne frisst. Noch einmal und verwirrend mischt sich mythische Zeit mit heutiger Zeit. " So beschreibt Tankred Dorst in "Die Fußspur der Götter" den Schluss. Vielleicht wollte er uns in all den Jahren auch zeigen, dass der Autor immer Recht hat - selbst wenn er sich irrt. Und das betrifft nicht nur Richard Wagner.
Von letzterem wüsste man gerne, wie er über den zweifachen Traditionsbruch dächte, den seine Urenkelinnen 2010 zumindest zugelassen haben: Erstens wird der "Ring des Nibelungen", das zentrale Werk der Bayreuther Festspiele, nicht mehr in geschlossenen Zyklen aufgeführt. Und zweitens kam nach der "Götterdämmerung" am Sonntag das "Ring"-Orchester nicht auf die Bühne. Warum? Verdiente es nicht auch, gefeiert zu werden? Fragen über Fragen.