Bamberg
Studentenkonzert

Bamberger Studentenkonzert: eine grandiose Veranstaltung

Eigens für junge Leute konzipiert ist die Reihe der Bamberger Symphoniker. Diesmal mit der Jungen Deutschen Philharmonie und einem tollen Programm.
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Jörg Widmann spielte mit der Jungen Deutschen Philharmonie Mozarts Klarinettenkonzert  Foto: Ronald Rinklef
Jörg Widmann spielte mit der Jungen Deutschen Philharmonie Mozarts Klarinettenkonzert Foto: Ronald Rinklef
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Die Erwartungen waren hoch: "Die Junge Deutsche Philharmonie versammelt die besten Studierenden deutschsprachiger Musikhochschulen zu einem Klangkörper mit höchsten musikalischen Ansprüchen" hieß es im Programm. Aber man musste nicht bis zum Ende des Konzerts warten, um festzustellen, dass das alles andere als übertrieben war. Und man spürt und sieht sofort, dass da junge Leute am Werk sind, die für ihr Künstlertum brennen. Von der Perfektion und dem Engagement, mit dem das Orchester musiziert, wurde man regelrecht überfahren.
Es passte aber auch alles perfekt zusammen an diesem Abend. Da gab es den Klarinettisten Jörg Widmann ("Composer in Residence"), der in dreifacher Funktion auftrat: als Solist, als Dirigent und als Komponist, der nicht nur das Programm mit den Musikern erarbeitet, sondern der auch zwei Werke beigesteuert hatte. Da gab es ein höchst intelligentes Programm, dessen vier Teile von Mozart über Widmann zu Mendelssohn Bartholdy raffiniert ineinander griffen.
Und da gab es eine kleine, aber für den Abend enorm wichtige Überraschung: den Moderator Malte Arkona. Das Prädikat "Bekannt aus Funk und Fernsehen" ist ja nicht zwangsläufig eine Empfehlung. Aber Arkona erwies sich als ein höchst geistreicher Entertainer, der sich mit viel Empathie und guter ironischer Distanz den Musikern näherte, Einzelne von ihnen humorvoll vorstellte ("Darf ein Veganer auf die Pauke hauen? Die ist doch mit Kalbsfell bespannt"), der auch mehrmals mit Jörg Widmann über seine Arbeit sprach und so einen wissensfundierten Kontakt zwischen Podium und Publikum herstellte. Vor allem aber gelang es ihm mit pointierten Sätzen das Publikum auf die Musik neugierig zu machen, insbesondere auf die im Allgemeinen nicht sehr beliebte Musik der Gegenwart.
Aber der Einstieg wurde den Zuhörern auch leicht gemacht mit Mozarts berühmtem Klarinettenkonzert A-Dur KV 622. Da erwies sich Widmann einmal mehr als ein Holzbläser, der einen wunderbar schwerelosen Ansatz hat, der enorm leise und weich spielen kann, ohne substanziell zu verlieren, der fantastische Übergänge gestalten kann. Vor allem aber spielte er außerordentlich persönlich, weil er auch als Komponist an die Musik heranging, dessen Interesse im Erzählen liegt, gestaltete er agogisch stark und mit vielen Rubati. Das konnte er machen, weil das Orchester ihm da in voller Übereinstimmung folge, auf jede Schwankung sensibel reagierte und immer die Klangbalance wahrte. Der Höhepunkt war natürlich das singende Adagio: langsam bis kurz vor dem Stillstand, aber trotzdem höchst spannend und gnadenlos poetisch.


Klänge statt Melodien

Mozarts Leichtigkeit in das 21. Jahrhundert zu holen, war Widmanns Absicht, als er 2006 "Armonica für Orchester" komponierte. Und das ist ihm gelungen, obwohl er ihn überhaupt nicht zitiert. Es geht ja in diesem Werk auch nicht um Melodien, sondern um Klänge. Und es war verblüffend, welche Vorstellungskraft Widmann umsetzen konnte - natürlich durch die Instrumente: ein Glasharmonium, Akkordeon, Celesta und reichlich Schlagwerk neben der traditionellen sinfonischen Besetzung. Da war man als Zuhörer höchst gefordert, weil man immer bestrebt war, völlig überraschende Klänge und Kombinationen zu entschlüsseln, aber oft scheiterte man schon an der Lokalisierung. Vor allem die leisen Passagen waren schwer zu orten. Spannender kann Musik eigentlich nicht sein, zumal wenn sie so messerscharf genau gespielt wird wie von den Jungen Philharmonikern.
Die Dubairischen Tänze für Ensemble zeigten Widmann als gewaltigen Schalk. Die entstanden 2009, als er am Persischen Golf war und, unter einem großen Ventilator sitzend, auf Inspirationen wartete. Das Einzige, was ihm einfiel, war die Musik aus aus seiner bayerischen Heimat. Das Werk ist kein Versuch, sozusagen Jodler und Muezzinrufe unter einen Hut zu bringen. Was er da machte, war, die musikalischen Erinnerungen und auch Heimwehklänge mit der trotzigen Unzufriedenheit seiner Situation zu konfrontieren. Über die Ergebnisse durfte auch immer wieder laut gelacht werden. Zwiefacher, Valse mécanique (eine durchgeknallte Spielorgel), Schlaflied (ein Erfrischungstraum, in dem zwei Musiker rhythmisch in wassergefüllten Zinkbadewannen planschen), Landler oder Vier Strophen vom Heimweh heißen einige der neun Sätze: gemein erkennbare, aber zertrümmerte, groteske, hinters Licht führende Musik. Und beim letzten Satz, dem Marsch, dachte man an Maurizio Kagels "Zehn Märsche, um den Sieg zu verhindern" und war vergnügt. Unglaublich schwer zu spielen, aber für alle ein Riesenspaß.
Nach diesen Sätzen würde man auch die Disharmonien in Mendelssohns 3. Sinfonie wesentlich bewusster hören, meinte Widmann. Mendelssohn ist zweimal übel mitgespielt worden: durch Aufführungsverbote im Dritten Reich und durch die pathetischen Wiedergutmachungsversuche nach dem Krieg. Bei Widmann und seinem Orchester klang diese Sinfonie modern, angekommen in der Klangwelt der Gegenwart. Das heißt, das Orchester zielte genau auf disharmonische Pointen, auf rhythmische Schärfungen, auf starke Dynamik, auf große Spannungsbögen. Und plötzlich bekam man ein Gefühl dafür, wie viel diese Musik nicht nur mit der schottischen Natur, sondern vor allem mit dem Meer zu tun hat. Da war so viel faszinierende Bewegung drin, so viel Sturm und Drang, dass sich ein völlig neuer Höreindruck ergab. Die Stretta des Schlusschorals geriet zum überwältigenden Finale. Ein wunderbares Konzert eines großartigen Orchesters. Der Beifall war Beweis.