Bamberg
Slam-Symphonie

Bamberger Slam-Symphonie lockt viel junges Publikum

Die zweite Ausgabe der Mischung aus Dichtkunst und klassischer Musik war wieder ein Bamberger Bombenerfolg. Drei junge Poeten improvisierten zu Hector Berlioz' "Symphonie fantastique". Der designierte Chefdirigent Jakub Hrusa dirigierte.
Artikel drucken Artikel einbetten
Sieger Dalibor Markovic (r.) genießt den Applaus seiner Dichterkollegen Bumillo (li.) und Max Kennel Fotos: Barbara Herbst
Sieger Dalibor Markovic (r.) genießt den Applaus seiner Dichterkollegen Bumillo (li.) und Max Kennel Fotos: Barbara Herbst
+14 Bilder
Was braucht es, das oft beklagte Desinteresse der jungen Generation an der klassischen Musik zu konterkarieren? Es braucht einen Teaser, einen Anreiz - oder mehrere -, es braucht einen Hammer von Symphonie und es braucht, nicht zuletzt, günstige Eintrittspreise.
All dies war von den Bamberger Symphonikern aufgeboten worden für ihre zweite Slam-Symphonie am Samstagabend, nebenbei das erste Konzert Jakub Hru  Grad šas in Bamberg, seit er als neuer Chefdirigent des Orchesters designiert worden ist. Nach dem großen Erfolg des ersten Mischwesens aus Musik und Dichtung im vergangenen Jahr lief das Programm heuer ab wie am Schnürchen. Was bedeutet, dass wieder drei junge Dichter gefordert waren, in Wortkaskaden von einigen Minuten Dauer zu wetteifern. Siegen sollte, wer den intensivsten Applaus beim vorwiegend jungen Publikum zu provozieren vermochte - der Joseph-Keilberth-Saal war nicht ausverkauft, doch gut gefüllt.
Für die Musik sorgten die Symphoniker unter dem designierten Chefdirigenten. Auf dem Plan stand Hector Berlioz' "Symphonie fantastique", ideal geeignet für den Anlass. Diese frühe Programmmusik, 1830 uraufgeführt, thematisiert Liebesleid, -schmerz und -wahnsinn. Welchen jungen Menschen trieben diese Themen nicht um? Die Regularien der Slam-Symphonie, von Götz Frittrang wie im Vorjahr launig moderiert, sehen vor, dass jeder Kombattant über dem Thema eines Satzes improvisiert. Das Orchester spielt dieses kurz an, der Dichter stellt sich an die Rampe und legt los.
So geschah es, und der Vorjahressieger Max Kennel (24) machte den Anfang mit dichterischen Meditationen über "Ein Ball". Schon nach den ersten Worten war klar, dass da ein Profi auf der Bühne stand, seinen Text frei vortrug, in Intonation und Gestik die zum Teil jambisch rhythmisierten, zum Teil gereimten Verse vortrug. Was villonesk begann - "die Haut zerknittertem Papier gleicht" -, wurde zu der tragikomischen Schilderung einer nicht immer rauschenden Ballnacht. Typisch Slam war die dichterische Fallhöhe, die von "Wem Schönheit noch ein Rätsel ist" bis zum "feuchten Traum Karl Lagerfelds" reichte. Dennoch verzichteten alle drei Dichter auf vordergründiges Lacher-Erheischen, was viele Slam-Wettbewerbe mittlerweile verdirbt.
Auf trat der Nächste mit dem Künstlernamen Bumillo, vulgo Dr. Christian Bumeder (34), auch er ein erfahrener Wortkünstler, einst Mitglied eines Ensembles mit dem schönen Namen "PauL - Poesie aus Leidenschaft". Und gebürtiger Oberbayer. Was er in seine Performance listig einbaute, die mit dem onomatopoetischen Wörtchen "Mäh" und Dialekt begann und als thematische Grundierung Berlioz' "Szene auf dem Lande" nahm. Bumillo war vielleicht der originellste der Drei, ironisierte in seinem ebenfalls gestisch abgefeimten Vortrag die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Dichten, reimte "toll sei" auf "voll high", "Schlager" auf "ähnlich blödes englisches Gelaber", was aber niemals in Peinlichkeit ausuferte. Der oder das Kerkeling'sche "Hurz" tauchte ebenso auf wie schließlich ein "Mäh-del".
Bumillo hätte es wahrlich verdient gehabt, aus dem Dichterwettstreit als Sieger hervorzugehen, doch dies gelang Dalibor Markovic (40), der sich den "Hexensabbat", den orgiastischen Fünften Satz der fantastischen Symphonie, als Motiv seines Auftritts erwählt hatte. Die Totenglocken mutierten bei ihm zu zwei Tönen, auf die das dichterische Ich sehnsüchtig wartet - Handytöne, die das Interesse einer Angebeteten signalisieren. Der ehemalige Rapper und Beat-Boxer spielte seine Fähigkeiten virtuos aus, sprach im typischen Hip-Hop-Duktus oder auch melodisch - der musikalischste Vortrag des Abends. Die Handy-Liebelei Markovics nutzte Binnenreime und Assonanzen und war wohl so, wie Moderator Frittrang den Dichter und seine Heimatstadt Frankfurt a. M. charakterisiert hatte: "ein bisschen abgefuckt, aber cool". Der Applaus verteilte sich recht gleichartig, und nach eingehender Beratung kürten Frittrang und sein Kojuror Gerhard Ritter, ebenfalls Slammer, den Sieger, der ein Besen-Set (Hexen!) erhielt. Kennel ging mit einer Fliege für den nächsten Ball von dannen, Bumillo mit einem Buch über Franken.
Folgte die Symphonie im Ganzen, von Hrusa besonders effektvoll dirigiert. Wer sich nach diesem Konzert nicht für klassische Musik begeistert, dem ist nicht zu helfen, der ist verloren. Vielleicht für die Dichtkunst gewonnen, wenigstens.
Verwandte Artikel