Bamberg
Premiere

Bamberger "Nibelungen" - vier Stunden voller Gewalt, Gier und Rache

Friedrich Hebbels "Nibelungen" werden am E.T.A.-Hoffmann-Theater zu einem feinen Kammerspiel ohne aufdringliche Aktualisierungen. Es war eine gelungene, zeitgemäße Klassiker-Inszenierung.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ronja Losert (Brunhild) klagt ihr Leid der Welt und ihrer Amme Frigga (Katharina Brenner, li.) Fotos: Martin Kaufhold
Ronja Losert (Brunhild) klagt ihr Leid der Welt und ihrer Amme Frigga (Katharina Brenner, li.) Fotos: Martin Kaufhold
+6 Bilder
Wer sich zur Vorbereitung auf das Theatermarathon zur Spielzeiteröffnung durch die knapp fünfeinhalbtausend Blankverse von Hebbels "Nibelungen" gekämpft, ja gequält hatte - dem Inhalt durchaus angemessen -, mochte am Samstagabend mit bangen Erwartungen sich in den nicht allzu komfortablen Sessel sinken lassen.

Doch es kam ganz anders, in mancher Hinsicht. Der neuen Intendantin Sibylle Broll-Pape und ihrem Dramaturgen Remsi Al Khalisi ist es in ihrem Bamberger Regiedebüt gelungen, aus dem Hebbel'schen Sprachsteinbruch eine naturgemäß textlich plausibel gekürzte, konsumierbare Version herauszumeißeln, die auch denjenigen zugänglich ist, die mit dem urdeutschen Mythos nicht vertraut sind. Denn es sollten diese vier Stunden - weitere Vorstellungen sind aufgeteilt auf zwei Abende - ja ins Thema der Spielzeit einführen: deutsche Befindlichkeiten und Traumata. Und dazu bietet die im 19. Jahrhundert zum Nationalepos aufgewertete "deutsche Ilias" Stoff genug. Sei es die Wagner'sche Version, sei es die völkisch-nationalistische oder gleich nationalsozialistische Ausschlachtung zu Propagandazwecken ("Nibelungentreue").

Es hätte also ein langer Abend voll mit Aktualisierungen sein können, voll mit zeitgenössischer Gewalt, Geschlechterkampf, Textmontagen. Broll-Pape entschied sich ganz anders. Ihre "Nibelungen" sind über weite Strecken ein Kammerspiel, immer ganz nah am Text, der von oft statischen Schauspielern nahezu deklamatorisch verkündet wird. Auch die Szenenfolge hält sich an die Vorgaben des 1861 uraufgeführten Dramas. Die Nüchternheit wird betont durch die moderne Kleidung der Burgunden, von denen freilich zwei Röcke tragen. Umgürtet sind sie jedoch schon mit Wehrgehängen. Rainer Sinell hat die Kostüme ausgesucht und schuf ein berückendes Bühnenbild mit einem nach hinten sich perspektivisch verjüngenden Saal, der Wormser Dom wie Schlachtfeld an Etzels Hof gleichermaßen sein kann. Allzu blutige Effekte und Schocks fehlen, Provokationen auch. Es ist eine Inszenierung gleichsam mit angezogener Handbremse.

Was kein Schaden sein muss. Faszinierend waren auch die Projektionen der Videokünstler Peer Engelbracht und Stephan Komitsch. Mal war ein Adler zu sehen als visualisierter Traum der Kriemhild, mal ein Lindenblatt, mal psychedelisches Wabern, mal ein Kreuz, aus dem sich eine Rune kristallisierte als Symbol der Reibung zwischen archaischer und christlicher Religion. In diesem Kontext wurde die Tragödie ja lange gesehen. Auch die musikalischen Marginalien setzte die Regisseurin dezent und wirkungsvoll ein, ebenso wie eine an diesem Haus kaum je gesehene Lichtregie Stimmungen evozierte.


Runde Ensemble-Leistung

Am meisten gespannt war man natürlich auf das großenteils neue Ensemble, das die Intendantin mitgebracht hatte. Die meist jungen Schauspieler boten eine runde Leistung, spielten mit Elan und jugendlich unbekümmert wie etwa Pascal Riedel seinen Siegfried oder Bertram Maxim Gärtner den Gunther. Zwei stachen dennoch heraus: Katharina Brenner als Frigga und König Etzel zog mit ihrer glasklaren, eiskalten Diktion und Bühnenpräsenz sofort in den Bann, und Katharina Rehn als Spielmann Volker, der auch mit den ersten Versen des mittelalterlichen Epos das grausige Geschehen einleitete, war die überzeugendste Nebenfigur.

Gerenot (Alexander Tröger) und Giselher (Benedikt Flörsch) mussten naturgemäß im Hintergrund bleiben, während Ronja Loserts Brunhild zwischen Verzweiflung und katatonischer Starre oszillierte. Iris Hochberger als Dietrich von Bern und Ute, Eckhart Neubergs Markgraf Rüdeger: gewohnte Qualität. Bleiben die wichtigsten Figuren: Volker J. Ringe spielte den Hagen mit verhaltener Dämonie, und Pina Kühr schaffte es, ihre Kriemhild von der jugendlichen Naiven zur getriebenen Rächerin zu wandeln.

Als dann das Gemetzel an Etzels Hof so richtig anhob, als Gunther und Hagen im Feuer keuchten, als schließlich Hagen und Kriemhild tot übereinander lagen, war man doch etwas ermüdet. Beruhigt kann man konstatieren, dass die dramatische Kunst in Bamberg nicht neu erfunden worden ist. Wie auch? Langer Applaus belohnte dennoch zu Recht Schauspieler, Regie, Videokünstler und Ausstatter. Denn es war eine gelungene, intelligente, zeitgemäße Klassiker-Inszenierung. So viel birgt der Stoff: die anthropologisch verankerte Anfälligkeit für Gewalt, Gier und Rache etwa. Geschlechterkampf. (Deutsche?) Untergangssehnsucht. Das muss jeder Zuschauer aus diesem Dramenmonstrum selbst herausdestillieren. Warum die "Nibelungen" 2015 unbedingt auf die Bühne sollen, beantwortet diese Inszenierung jedoch nicht.

Weitere Vorstellungen im Großen Haus des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg: Teil 1 u. 2 am So., 1. 11. "Die Nibelungen 1. Siegfried" 23., 28., 31. 10., 5., 15. 11. "Die Nibelungen 2. Kriemhilds Rache" 24. 10., 14. 11. Dauer Teil 1 ca. 2 Std. 25 Min., eine Pause, Teil 2 ca. 1 Std., 35 Min., keine Pause Karten Tel. 0951/873030, E-Mail kasse@theater.bamberg.de, bvd, Tel. 0951/98082-20, u. a.
Verwandte Artikel