"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" ist der Titel eines der erfolgreichsten Sachbücher der vergangenen Jahre, über eine Million Mal in 32 Sprachen verkauft. Es ist eines von derzeit 504 lieferbaren Büchern, die "Wer bin ich?" im Titel tragen, eine Frage also, die die Menschen umtreibt.
Diese Zahl nannte Christian Illies am Dienstagabend in der Aula der Universität, als er die 28. Bamberger Hegelwoche eröffnete. Diesmal hatte der Spiritus Rector der Veranstaltung, Philosophie-Professor an der Bamberger Universität, für die von der Hochschule, der Stadt Bamberg und der Mediengruppe Oberfranken veranstaltete Vortragsreihe das Thema "Wer wir sind. Philosophische Tauchgänge in unsere Identität" ausgesucht.
Das "Ringen um die eigene Identität" identifizierte der Philosoph als etwas zutiefst und genuin Menschliches, als Nachdenken über das eigene Ich, wie die Buchtitel beweisen, die diesen nach Hans Jonas "Drahtseilakt zwischen Sein und Nichtsein" thematisieren. Die Frage nach der Identität des Einzelnen, der durchaus in Identitätskrisen gestürzt werden könne, erweiterte Illies nach der zu kollektiven Identitäten. Der hoch aktuellen nach einer deutschen Identität - "Leitkultur" - und darüber hinaus einer genauso brisanten: Was heißt es, Europäer zu sein?
Doch zunächst umriss Norbert Bischof in seinem die dreitägige Veranstaltungsreihe einleitenden Vortrag "Identität" als eine anthropologische Konstante. Der 87-jährige Psychologe, Systemtheoretiker und Verhaltensforscher hat u. a. bei Konrad Lorenz gelernt und sich im Laufe seines wissenschaftlichen Lebens durch interdisziplinäre Forschung enormes Renommee erworben. Bekannt wurde er insbesondere durch ein "Zürcher Modell der sozialen Motivation". In seinem anspruchsvollen Vortrag, der nach der Selbsteinschätzung des Redners voll gepackt war mit der Arbeit eines ganzen Lebens, umriss er sein Thema ex ovo, steigerte die Komplexität, bis er aus der wissenschaftlichen Abstraktion zu nicht unbrisanten politischen Implikationen der entwickelten psychologischen Theorie kam.
Bischof begann mit antiker und mittelalterlicher Philosophie, die zwischen Substanz ("Identitätskern", "Wesen") und Akzidenzien, einer Aura von Attributen ohne eigene Identität, unterscheidet. Entscheidend für eine Begriffsbestimmung menschlicher Identität ist die Abgrenzung zu den Tieren, will heißen, zunächst den Menschenaffen, eine Stufe darunter zu den sog. Tieraffen. Als verhaltensforschender Psychologe berücksichtigt Bischof stets die Biologie bzw. die Evolution, also die Balance zwischen Vernunft und Instinkt, den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Im Zuge der Menschwerdung gewinne der Coping-Apparat immer größere Bedeutung. Diese innerpsychische Instanz finde Lösungen für Situationen, in denen Handlungsantriebe aufgrund von Barrieren nicht ausagiert werden können.
Zuvor hatte der Referent eine entwicklungspsychologische Kette zwischen diachroner und synchroner Identität geknüpft und sie als evolutionäre Entwicklung definiert. Die frühe
diachrone Identität verbindet zeitlich Auseinanderliegendes; die synchrone Identität befähigt ein Individuum, zeitliche und räumliche Distanz zu überwinden - Bischof zeigte diesbezügliche Experimente der Verhaltensforscher, etwa auch zur Empathiebefähigung von Kleinkindern oder der Gebärdensprache bei Schimpansen. Die Entwicklung führt also vom Instinkt über die Fantasie (als "Wirklichkeitssimulator") zur Sprache. Und hier, im Wechselspiel von Frage und Antwort, in der Reflexion, liege der Unterschied vom Menschenaffen zum Menschen. Der erstaunlich detaillierten Zeichensprache von Schimpansen mangele es an einem entscheidenden Konstituens: der Grammatik. Identität sei, in der Terminologie der Gestaltpsychologen ausgedrückt, auch Schicksalsgemeinschaft. Nur der Mensch mache sich bewusst, wie Bezugssysteme die Wahrnehmungswelt konstituierten. Zum Menschsein gehöre auch das Zeitgefühl, die permanente Identität, "bei Tieren gibt es keine Rache". Seine ethologischen Wurzeln legte Bischof offen, als er über die politischen Implikationen seiner Theorien sprach. Für ihn ist immer noch ein "uraltes tierisches Erbe" im Menschen am Walten, etwa im "antisozialen Dreieck" Mörder - Krieger - Henker. Extremismus sei eine Konsequenz von Ich-Schwäche, als Unfähigkeit, Verschmelzung und Distanzierung mit und von etwa dem Fremden adäquat auszubalancieren.

Termin

Heute hält der Germanist Nicholas Boyle von der Universität Cambridge um 19.15 Uhr in der Aula der Universiät Bamberg, Dominikanerstr. 2a, den Abschlussvortrag der diesjährigen Hegelwoche zum Thema "Wir Europäer oder Identität und Geschichte". Anschließend Podiumsdiskussion, moderiert von Christian Illies.