Es wäre fast untergegangen, weil die Berliner Orchesterszene für Nicht-Berliner ein bisschen schwer zu überblicken ist: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin war nach 26 Jahren tatsächlich das erste Mal zu Gast beim Kissinger Sommer. Vielleicht fiel es auch nicht so auf, weil Marek Janowski, der Chefdirigent, schon mehrfach andere Orchester beim Festival geleitet hatte. Und es zeigte sich einmal mehr, wie gut es sehr oft ist, wenn nicht Gastdirigenten, sondern der Chef das Orchester leitet. Denn es war erstaunlich, welche Kraft und Intensität Janowski aus seinen Musikern herausholen konnte.
Das tat der Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 ganz ausgezeichnet, deren heroisches Aroma Janowski geradezu greifbar gestaltete. Und es war ein geschickter Griff, die Dramatik zu Beginn noch unter dem Deckel zu halten, aber mit kleinen Ausbrüchen gleichzeitig zu signalisieren, dass der große Kampf noch kommt. So erzeugte er Spannung durch Warten. Und die einzelne Trompete, die erst im Foyer, dann auf dem Balkon herausgelöst aus dem Trubel, die Ankunft des Ministers Don Fernando ankündigt, wirkte wie eine Befreiung.
Geradezu sensationell geriet das 2. Klavierkonzert von Franz Liszt mit Jean-Yves Thibaudet, dem Kissinger-Sommer-Mann fürs Schwere, für die wuchtigen Konzerte. Da wurde deutlich, dass der Franzose doch noch in einer anderen Liga spielt als beispielsweise Arcadi Volodos. Dem kann vielleicht nichts schwierig genug sein, aber Thibaudet kann auch mit Orchester wirklich leise spielen, ohne unterzugehen.
So konnte Marek Janowski auch eine Orchesterfront gegen das Klavier aufbauen. Da standen plötzlich zwei gegenüber, die sich nichts schenkten. Da wurde das Klavier vom Orchester überrollt, da brachte das Klavier das Orchester mit ganz harten Schlägen zum Schweigen. Die gespenstisch-groteske Auseinander setzung des Klavierbasses mit den tiefen Streichern schwang sich zu einem Ringkampf ein. Aber dann war das Klavier auch wieder allein mit dem Solocello und verbreitete unerwartete Friedlichkeit. Da stand krachendes Pa thos gegen intimes Einverständnis.
Ein solches Konzept wäre natürlich nicht möglich gewesen ohne die Bereitschaft Thibaudets, sich auf den Kampf einzulassen. Aber Janowski konnte sich auch auf sein Orchester und dessen kompromisslosen, hochvirtuosen Einsatz verlassen. Eine 22-minütige Sternstunde.
Als Zugabe spielte Jean-Yves Thibaudet ein kleines Kuriosum: den "Kupelwieser-Walzer". Den hatte Franz Schubert zur Hochzeit seines Freundes, des Malers Leopold Kupelwieser, im Dezember 1826 komponiert. Der Walzer blieb nur in der spielpraktischen Überlieferung erhalten, bis Richard Strauss ihn 1943 hörte und aufschrieb. Seitdem erst gibt es eine gedruckte Fassung.
Beethovens 4. Sinfonie ging Marek Janowski wie die Leonoren-Ouvertüre an: ein krachender Tutti-Akkord und dann Spannungsauflösung durch die Bläser. Auch hier malte er mit kräftigen Farben und starken Kontrasten, musizierte stark kontrastiv und auf rhythmischem Vortrieb, hatte den kämpferischen Grundton des Liszt-Konzerts über die Pause gerettet. Plötzlich bekam die Musik trotz aller Schönheiten eine nervöse Timbrierung, wie man sie bei dieser Sinfonie eigentlich nicht erwartet und wurde dadurch überraschend spannend. Und plötzlich bekam man ein Gespür dafür, was für ein ästhetischer Paukenschlag diese Sinfonie in der Wiener Unterhaltsamkeit von 1803 gewesen sein muss - wenn sie damals im Theater an der Wien auch so fulminant gespielt wurde. Die Zugabe der Berliner: der zweite Satz aus der 8. Sinfonie, Beethovens Hommage an Johann Nepomuk Mälzel, den Erfinder des Metronoms und Konstrukteur einiger Hörrohre für den ertaubenden Komponisten.