"Der Mann im Maus-Kostüm bitte an den Eingang kommen", tönt es aus der Sprechanlage der Heinrich-Lades-Halle in Erlangen. Es hätte auch Batman oder ein japanisches Monster sein können. Es ist wieder Comic-Salon. Zum 15. Mal eröffnete am Donnerstag die wichtigste deutsche Messe für Comic und Zeichenkunst. Über 400 Künstler sind zu Gast.

Anna Sailamaa ist aus Finnland angereist. Sie ist Comiczeichnerin. In Hamburg läuft gerade eine Ausstellung mit ihren Grafiken. Mit ihr unterwegs ist ihre Freundin Marlene Krause, ebenfalls Zeichnerin und Herausgeberin eines kleinen Magazines namens "Two Fast Colours". Zwei schnelle Farben. Die 33-jährige Finnin steht in der großen Ausstellung und betrachtet die Bilder. Große, vergilbte Zeitungsblätter mit bunten Comicstrips. Zu sehen sind fantastische Urviecher. Ausschnitte aus Traumwelten eines schlafenden Kindes.
Ein riesiger Vogel, ein grüner Saurier, gezähmt von Menschen, ein treues Mammut mit ausladenden Stoßzähnen. "Ich bin begeistert! Über 100 Jahre sind diese Bilder alt und man sieht, dass der Stil, die Linienführung nie unmodisch wirkt", sagt Anna Sailamaa.

Die Ausstellung, die die beiden Künstlerinnen besuchen, beschäftigt sich mit Winsor McCay, einem der berühmtesten amerikanischen Karikaturisten. Er war um die Jahrhundertwende tätig und starb 1934. Ein Klassiker des Genres, von vielen als ein ideeller Vorreiter angesehen. "Ich bin ein großer Fan von Winsor McCay und habe selbst etliche Bände mit seinen Zeitungsstrips zu Hause. Die hier hängen sind aus der Geschichte ,Little Nemo in Slumberland‘, eine seiner ganz berühmten Reihen. Sie sind aus dem New York Herald, von 1910", staunt die finnische Zeichnerin ehrfürchtig beim Anblick der Seiten.


Kunst, Kommerz, Comics



Die beiden ziehen weiter. Asterix, Spiderman und Co. lassen die beiden links liegen. Ihr Interesse gilt nicht den großen, kommerziellen Verlagen, die mit Neuveröffentlichungen an ihren Ständen werben. Sie dominieren weite Teile der Messe. Gezielt suchen die Zeichnerinnen die kleineren Stände der Kunsthochschulen und Kleinverleger auf. Am Stand der Hochschule für angewandte Wissenschaft aus Hamburg treffen sie Freunde. Dort liegt auch Marlene Krauses kleiner Band mit in schwarz-weiß gehaltenen, kunstvollen Zeichnungen aus. Man merkt, wie vielfältig das Genre Comic sein kann.

Mit dem großen "Crash-Boom-Bang" der Action-Helden hat auch Anna Sailamaa nichts am Hut. "Ich betrachte Comics weniger als Konsumartikel, weniger als eine Story für die Busfahrt, sondern ich sehe mehr das Künstlerische darin." Ihr aktueller Band "Paimen - The Sheperd" ist stilistisch eher mit eine Tusche-Zeichnung oder einem Linolschnitt zu vergleichen.


Comics zum Arabischen Frühling



"Was genau ein Comic ist, das steht nicht genau fest. Das reicht von den knalligen japanischen Mangas, über aufwendige grafische Romane mit ernsteren Themen bis zu den kurzen Zeitungsstrips. Die bewegten Bilder nicht zu vergessen. In meiner Kindheit habe ich auch Asterix oder Lucky Luke gelesen, keine schlechten Geschichten, aber Comic kann auch mehr als Action", erklärt Sailamaa ihre Sicht auf die Kunst der feinen Linien und Sprechblasen. Vor kurzem gewann sie den begehrten Wettbewerb des Schweizer Comic-Festivals "Fumetto". In der Szene so etwas wie eine Institution. Auf dem Comic-Salon in Erlangen ist sie zum ersten Mal. Anfangs sei sie ein bisschen skeptisch gewesen, ob sich die lange Reise lohnt, aber schon beim Anblick der Traumwelten Winsor McCays war sie sofort begeistert. Den Rest der Ausstellungen, Workshops und Podiumsdiskussionen will sie sich nun am Wochenende in Ruhe ansehen. Die Messe läuft noch bis Sonntag.

Ihre Hamburger Kollegin wird sich auch mit den politischen Themen auf dem Comic-Salon aufmerksam auseinandersetzen. So etwa mit der Ausstellung zum "Arabischen Frühling", bei der etliche Zeichner aus Ägypten, Tunesien, Syrien und anderen Ländern der Region zu sehen sind.

Die beiden Zeichnerinnen werden noch bis in die Nacht unterwegs sein. In den Erlanger Kneipen und Clubs wimmelt es schließlich vor interessanten Messegästen, mit denen man schwärmen und fachsimpeln kann. Anna Sailamaa freut sich aber auch schon wieder auf zu Hause: "So hip und cool, wie alle denken, sind die Comicschaffenden im Allgemeinen gar nicht. Die wollen eigentlich immer nur daheim in Ruhe an ihrem Tisch sitzen und zeichnen." Der Trubel rund um den Internationalen Comic-Salon dürfte diese Ruhe für einen Moment unterbrochen haben.

Ein Interview mit dem Comic-Freak und Blogger Andreas Preller lesen Sie hier.