Hinterreute
Großfamilie

"Keine anderen Hobbys?": Was eine Großfamilie aus Bayern mit zehn Kindern aushalten muss

Die Welt braucht keine Kinder, behauptet die Regensburger Lehrerin Verena Brunschweiger. Damit hat sie eine hitzige Debatte ausgelöst. Was aber, wenn man gleich zehn Kinder hat? Über den Alltag einer Großfamilie, abschätzige Sprüche und das, was wirklich zählt.
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Familienbilder sind bei den Leinthalers selten. Dieses stammt aus dem Sommerurlaub 2018 in Italien: Die Eltern Hans-Peter und Andrea mit (untere Reihe von links) Paula,16, Jakob, 24, Therese, 22, Ida, 20, Leni, 18, Anna-Maria (23, Freundin von Jakob). In der oberen Reihe (von links): Fridolin, 4, Thea, 15, Emil, 13, Fritz, 10, Greta, 8, und Enkelkind Augustin (4, Sohn von Jakob und Anna-Maria). Familie Leinthaler
Familienbilder sind bei den Leinthalers selten. Dieses stammt aus dem Sommerurlaub 2018 in Italien: Die Eltern Hans-Peter und Andrea mit (untere Reihe von links) Paula,16, Jakob, 24, Therese, 22, Ida, 20, Leni, 18, Anna-Maria (23, Freundin von Jakob). In der oberen Reihe (von links): Fridolin, 4, Thea, 15, Emil, 13, Fritz, 10, Greta, 8, und Enkelkind Augustin (4, Sohn von Jakob und Anna-Maria). Familie Leinthaler

Das Leben in einer Großfamilie: Die hölzerne Tür des Bauernhauses schwingt auf, der Trubel beginnt. In der Stube der Leinthalers im 1000 Meter hoch gelegenen Weiler Hinterreute im Oberallgäu herrscht an diesem Nachmittag Hochbetrieb. Fridolin, 4, klettert auf den Tisch, Greta, 8, sucht Stifte für ihr Malbuch, Fritz, 10, bläst in seine Trompete, Thea und Paula, 15 und 16 Jahre alt, besprechen ihre Physik-Hausaufgaben. Im Ofen flackert das Feuer, ein Handy klingelt.

Es ist Leni, die sich verzweifelt aus dem benachbarten Jungholz meldet. Dort will die 18-Jährige einen Rad-Anhänger abholen, den die Familie im Internet gekauft hat. Doch jetzt findet sie den Weg dorthin nicht. "Keine Panik. Haben wir gleich", sagt Vater Hans-Peter. Der 51-Jährige kommt gerade von der Arbeit nach Hause und gibt ihr die Telefonnummer durch. Derweil empfiehlt seine Frau Andrea dem musikbegeisterten Fritz, doch eher in einem anderen Zimmer Trompete zu üben. Leiser wird's nur für kurze Zeit. Denn jetzt weint plötzlich Fridolin.

Wie schafft man das Leben in einer Großfamilie?

Irgendwo dazwischen, an der Ecke des Küchentisches, sitzt der Besucher und denkt sich: Wie schafft man es nur - das Leben in einer Großfamilie? Die Leinthalers sind Experten auf diesem Gebiet. Das Ehepaar, beide diplomierte Agrar-Ingenieure, hat zehn Kinder im Alter zwischen vier und 24 Jahren. "Bei uns ist das ganze Jahr Vollgas", sagt Andrea Leinthaler, 51. Anders kann es sich die gebürtige Kemptenerin nicht vorstellen. "Jedes Kind ist ein Wunschkind. Das ist unser Leben. Spannend, turbulent, begeisternd."

So war es von Anfang an. Kennengelernt haben sich der Oberbayer und die Allgäuerin während des Studiums in Weihenstephan. Sie hatten beide den Traum von einer Großfamilie - und ließen ihn Wirklichkeit werden. Jakob, der Älteste, wurde noch während des Studiums geboren. Mit Therese war Andrea Leinthaler schwanger, als sie ihre Diplomarbeit schrieb. 1998 eröffnete sich dem Ehepaar eine einmalige Chance: Es kaufte unterhalb des Grünten bei Wertach einen alten Bauernhof. Mit viel Geschick bauten ihn die beiden aus und füllten ihn buchstäblich mit Leben.

Regensburger Lehrerin bezeichnet Kinder als Klimasünder

Mit ihrem Kinderreichtum fällt die Allgäuer Familie aus der Reihe - erst recht, seit eine Regensburger Lehrerin Kinder als Klimasünde brandmarkte und eine hitzige Diskussion in Gang setzte.Statistisch gesehen bekommt eine Frau in Deutschland 1,57 Kinder. Nur ein Prozent aller Familien hierzulande hat fünf oder mehr Kinder. Nach Einschätzung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung könnte die gesellschaftliche "Stigmatisierung kinderreicher Familien" ein Grund für diese Zurückhaltung sein.

Argwöhnische Blicke und abschätzige Bemerkungen erleben die Leinthalers oft, wenn sie mit großer Kinderschar in der Stadt unterwegs sind. "Wissen die nicht, dass es Verhütung gibt?", tuscheln Passanten dann. Oder: "Haben die keine anderen Hobbys?"

Sprüche wie diese verletzen die Eltern. Sie verspotten, was ihnen unantastbar ist. Wäre Kinderliebe bei vielen Deutschen ein Mäuslein, nähme sie bei den Leinthalers die Größe eines Elefanten an. Genau wie in Italien übrigens, wo die Familie jeden Sommer mit allen Kindern Urlaub auf einem Selbstversorger-Hof macht. Mit dabei sind dann auch die drei ältesten Kinder Jakob, 24, Therese, 22, und Ida, 20, die in verschiedenen Städten studieren.

Befeuert wird die Skepsis aktuell durch Verena Brunschweiger - jene Autorin, die mit ihrem Buch "Kinderfrei statt kinderlos" ein Manifest gegen das Kinderkriegen geschrieben hat. Sie führt ökologische Gründe ins Feld. Demnach könne man jährlich 58,6 Tonnen einsparen, "wenn wir nur ein Kind weniger in die Welt setzen", wie sie in einem Interview erklärte.

 

Leinthalers sind über kinderfeindliche Äußerungen empört

Für die Leinthalers eine empörende Forderung. "Ich frage mich, ob eine Lehrerin, die Kinder nur als Klimakiller betrachtet, den richtigen Beruf ergriffen hat. Dieses Menschenbild halte ich für völlig daneben", sagt Hans-Peter Leinthaler, dem der Umweltschutz am Herzen liegt. Er fliegt nie, würde gerne Bus- und Bahnverkehr noch öfter nutzen, wenn "das Angebot besser wäre", und gewinnt Strom und warmes Wasser dank Photovoltaik- und Solaranlage auf dem Dach.

"Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt uns besonders", sagt Andrea Leinthaler. "Wer zehn Kinder hat, kann sich nicht einfach aus der Verantwortung stehlen und sagen: ,Nach mir die Sintflut.‘" Das fängt für sie im Kleinen an: Zum Wickeln hat Andrea Leinthaler konsequent Stoff- statt Wegwerfwindeln verwendet. Doch die Familie stößt auch an ihre Grenzen. "Natürlich würden wir uns gerne öfter Bio-Produkte leisten, aber das ist finanziell einfach nicht drin." Anders als oftmals unterstellt, reiche das Kindergeld (ab dem vierten Kind 250 Euro pro Kind im Monat) längst nicht aus. Da hilft es auch nicht, dass Sohn Emil, 13, einen reichen Patenonkel hat: den früheren Bundespräsidenten Horst Köhler.

Für das siebte Kind können Eltern in Deutschland die Ehrenpatenschaft des Bundespräsidenten beantragen. Ein symbolischer Akt, aus dem sich keinerlei Ansprüche ableiten. "Schade eigentlich", sagen die Leinthalers, die sich in vielen Punkten einschränken müssen. Sie gehen selten essen, Kaffee trinken oder aus. Doch das nehmen sie mit Humor: "Wenn wir einen Kinoabend haben wollen, dann stelle ich einen Beamer in die Stube und lade alle Kinder ein", sagt Hans-Peter Leinthaler.

Wiederverwertung in jeder Hinsicht

Erfinderisch ist die Großfamilie auch in puncto Wiederverwertung. Das zeigt sich gerade jetzt, in den ersten warmen Tage des Jahres. Dann holen Leinthalers die "Sommerkisten" aus den Regalen. Sie sind gefüllt mit dutzendweise gebrauchten Sandalen, T-Shirts und kurzen Hosen in sämtlichen Größen. Die Kinder reichen sie - so gut es möglich ist - untereinander durch.

Wichtig sind Familienvater Hans-Peter Leinthaler "Leitplanken", wie er es nennt, die er den Kindern mit auf den Weg gibt. Respekt zählt er dazu, Empathie, Offenheit und Neugierde auf Wissen. "Wir definieren unsere Kinder nicht nach erbrachter Leistung. Wir bauen sie auf und ermutigen sie, ihren eigenen Weg zu finden. Vieles kommt von selber." So wie die Liebe zur Musik. Fast jedes Kind spielt ein Instrument: Klarinette, Flügelhorn, Gitarre, Akkordeon und - natürlich, wie Fritz - Trompete.

Oder der Sport. Ein Teil der älteren Geschwister ist als Kletter- und Skilehrer im Einsatz und Vorbild für die jüngeren. Therese, die Erziehungswissenschaften in Augsburg studiert, sagt: "Es gibt nichts Schöneres, als so viele Geschwister zu haben. Ich würde keinen Einzigen in unserer Familie missen wollen." Jedes der Kinder habe früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen - für sich, aber auch für die anderen. "Es funktioniert nur gemeinsam. Jeder hat seine Stärken, und die bringt er." Der Hof der Eltern in Hinterreute ist für sie noch heute wie ein "sicherer Hafen". Auch in schwierigen Zeiten halten dort alle zusammen.

Wie viele Großfamilien es in Deutschland gibt

Geburten: Seit einigen Jahren kommen in Deutschland wieder mehr Kinder zur Welt. Am höchsten war der Wert im Jahr 2016, im Jahr darauf sank er wieder leicht. 2017 wurden in Deutschland etwa 784.884 Babys geboren.

Geburtenziffer: Statistisch gesehen bringt eine Frau hierzulande 1,57 Kinder zur Welt. Am höchsten liegt der Wert in Thüringen mit 1,63, am niedrigsten ist er in B Kinderkriegen als Klimasünde? Das sagt eine Großfamilie mit zehn Kindern zu den Vorwürfen erlin mit 1,48. In Bayern sind es 1,55.

Durchschnittsfamilie: Ein bis zwei Kinder sind in Deutschland nach wie vor die Norm: In 53 Prozent der Familien lebt ein Kind, in 36 Prozent sind es zwei Kinder. Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben allerdings herausgefunden, dass Eltern, die sich für ein drittes Kind entscheiden, mit ihrem Leben zufriedener sind.

Großfamilie: Unter eine "Mehrkindfamilie" fällt, wer drei oder mehr Kinder hat. Das trifft in Deutschland derzeit auf etwa 861.000 Familien zu - oder elf Prozent. Damit liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Genauer gesagt: Acht Prozent aller deutschen Familien haben drei Kinder, zwei Prozent haben vier Kinder. Auf fünf Kinder oder mehr kommt nur ein Prozent aller Familien.

Auswirkungen auf Geburtenzahl: Nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung erklärt der Rückgang der Großfamilien in den vergangenen Jahrzehnten rund 68 Prozent des Geburtenrückgangs in Deutschland. Lediglich 26 Prozent lassen sich auf die gestiegene Kinderlosigkeit zurückführen.

von Tobias Schuhwerk

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