Bamberg
Filmreif

Wristcutters - ein (selbst)mörderischer Roadtrip

Das Fegefeuer sieht irgendwie aus wie der Mittlere Westen der USA, zumindest in "Wristcutters , A love story", einem genialen Roadtrip voll tragikomischer Momente - gute Musik inklusive.
Zia (Patrick Fugit, links) Eugene (Shea Whigham, Mitte) und Mikal (Shannyn Sossamon , rechts) auf dem Weg ins Ungewisse in ,Wristcutters, A love story'Foto: Lionsgate Home Entertainment
Zia (Patrick Fugit, links) Eugene (Shea Whigham, Mitte) und Mikal (Shannyn Sossamon , rechts) auf dem Weg ins Ungewisse in ,Wristcutters, A love story'Foto: Lionsgate Home Entertainment
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Zia ist unglücklich: Seine Freundin Desiree hat ihn verlassen. Deshalb schneidet er sich die Pulsadern auf. Diese Exposition wäre an sich ein eher unaufregender Startschuss für einen klassischen Liebesfilm, wenn, ja wenn Zia denn überleben würde. Doch dem ist nicht so: Bereits die Vorspannszene - musikalisch untermalt von Tom Waits' "Dead and lovely" - in der sich Zia schließlich umbringt, zeigt, dass "Wristcutters" ganz sicher nicht gewöhnlich wird.

Der Tod ist erst der Anfang
Zias Leiden hat nicht wie erhofft ein Ende - eigentlich geht es erst so richtig los. Zia kommt in einer Art Vorhölle an, in der alle Selbstmörder offenbar für immer ein trostloses Dasein fristen müssen. In einer Kleinstadt mitten im Selbstmord-Fegefeuer, das an den Mittleren Westen der USA erinnert, sucht sich Zia einen Job bei der Kamikaze-Pizzeria und erträgt mehr schlecht als recht seinen aufbrausenden Mitbewohner.



Eine Änderung deutet sich an, als Zia den russischen Sänger Eugene Hütz (grandios: Shea Whigham) kennenlernt, der mit seiner gesamten Familie im Selbstmörder-Fegefeuer wohnt. Diese Figur ist der Quasi-Cameo-Auftritt des ukrainischen Sängers Eugene Hütz, dessen Band "Gogol Bordello" einen Teil des Soundtracks zu "Wristcutters" liefert. Als Zia schließlich erfährt, dass seine Ex-Freundin ebenfalls Selbstmord begangen hat, macht er sich auf die Suche nach ihr, von der Hoffnung beseelt, dass ihre Liebe sich wieder zusammenfügt und sie zumindest im Leben nach dem Tod vereint sein können.

An dieser Stelle nimmt der Film buchstäblich Fahrt auf, Zia und Eugene sind im maroden Wagen des Sängers auf schier endlosen Landstraßen unterwegs und gabeln unterwegs sogar eine Anhalterin auf, Mikal, die felsenfest überzeugt ist, dass ihre Anwesenheit im tristen Leben nach dem Tod ein Irrtum ist. Sie ist auf einer ganz eigenen Suche nach den Verantwortlichen, schließt sich Eugene und Zia aber für eine Weile an.



Ihren Weg kreuzen eine Reihe skurriler Typen, kleine Wunder und mit dabei ist immer das schwarze Loch unter dem Beifahrersitz von Eugenes Wagen, das noch eine entscheidende Rolle spielen wird. Auch ein Sektenführer einer Selbstmordsekte taucht auf und verspricht das Paradies. Zia findet seine Desiree, doch wie diese Begegnung ausgeht, sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Schrott und Wüste
"Wristcutters, A love story" ist genau der richtige Film für einen gepflegten melancholischen Videoabend. Triste Landschaften, die nur aus Schrott und Wüste bestehen, ziehen zu Gypsy-Punk-Klängen vorbei und am Ende siegt die Liebe, doch anders, als gedacht.

Das ist überhaupt der Charme von "Wristcutters": Er schafft den Spagat zwischen Galgenhumor, melancholischer Tristesse und einem guten Gefühl, das ganz ohne süßlichen Beigeschmack auskommt.


Wo geht's bitte zu Gott?
Ich verwende zwar Begriffe wie "Fegefeuer", doch lediglich mangels eines anderen Begriffs. Die Religionsklippe umschifft "Wristcutters" geschickt. Eine Erklärung der genauen Umstände, des Warum und des Wer oder Wo, ist auch nicht notwendig. Die Situation ist nun einmal so. Es gibt die mysteriösen Verantwortlichen zwar, sie tauchen gegen Ende des Films auf, doch letztlich sind sie nur Vertreter einer gesichtslosen Bürokratie. Von Engeln oder gar Gott keine Spur. Und das ist auch gut so. Jegliche Erklärung, egal welcher mythologischen Coleur, würde die Stimmung des Films zerstören.

Gerade das trostlose, zwischen den Stühlen sitzende, ewige Warten macht einen großen Teil des Films aus. Es bringt Zuschauer wie Figuren dazu, die Füße hochzulegen, mit den Schultern zu zucken und sich gelassen treiben zu lassen. Denn manchmal ist die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens einfach ein wortloser Schlag ins Gesicht, aber das macht nichts.

Einen großen Anteil daran hat auch die Musikauswahl - neben Tom Waits und Joy Division ist es vor allem der Gypsy Punk von "Gogol Bordello", der "Wristcutters" zu etwas besonderem macht. An dieser Stelle also nicht nur eine Filmempfehlung, sondern auch ein Musiktipp: "Gogol Bordello" verbindet Elemente russisch/ukrainischer Musik mit den wehmütigen Klängen von Geigen (Eugene Hütz hat Roma-Vorfahren) und westlichem Punk. Anarchisch, laut, aber auch melancholisch und anrührend.

Wer also einen Sinn für augenzwinkernde Melancholie und abgedrehte Charaktere hat, macht mit "Wristcutters" bestimmt nichts verkehrt. Zu haben ist er auf DVD, erschienen bei Lionsgate Home Entertainment.


Fakten am Rande
Der Film von Goran Dukic basiert auf der Kurzgeschichte "Kneller's Happy Campers" von Etgar Keret, außerdem existiert eine Graphic-Novel-Version: "Pizzeria Kamikaze". Premiere feierte "Wristcutters" auf dem Sundance-Film-Festival im Jahr 2006.

Passend zum Selbstmordthema laufen eine ganze Reihe von Liedern, die sich damit beschäftigen. Berühmtestes Beispiel ist wohl "Gloomy Sunday", der Song des ungarischen Komponisten Rezsõ Seress, um den sich zahlreiche urbane Legenden ranken. Aber auch "Love will tear us apart" von Joy Division und "Deathwish" von Christian Death drehen sich um Suizid. Die Sänger beider Bands begingen übrigens Selbstmord.
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