Bamberg
Filmreif

Wie ein toter Fisch den Abschied erleichtert

Wettbewerb 1 der 23. Bamberger Kurzfilmtage trägt den Titel "Auf (Lebens-)Wegen". Neben trickreichen Experimentalfilmen und Animationen mit Tiefgang stechen drei Beiträge besonders aus der Masse. Alle beschäftigen sich mit melancholischen Themen, ohne den Zuschauer traurig zurückzulassen.
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Im Kurzfilm 'Karlstod' lernen Helene und Johann, wie man mit dem nahenden Tod umgeht. Foto: PR
Im Kurzfilm 'Karlstod' lernen Helene und Johann, wie man mit dem nahenden Tod umgeht. Foto: PR
Das Rauschen des Windes bildet den Soundtrack: Helene und Johann sitzen in ihrem knallroten Mercedes Oldtimer. Das Dach des Cabrios klemmt, die Lüftung ist kaputt, es ist heiß - aber der Wagen läuft. Im Inneren herrscht Schweigen. Die Blicke des Ehepaars wirken nicht mehr vertraut, sondern traurig. Ach, was wäre dieser Ausflug in die Berge schön, könnte es nicht der letzte gemeinsame sein. Helene hat Brustkrebs.

In diese bedrückende Szene wirft uns die einfühlsame Filmemacherin Mariko Minoguchi. Das schwermütige Werk "Karlstod" ist gespickt mit langen, ruhigen Einstellungen und wirkt inhaltlich ebenso tragisch wie komisch. Tragisch, weil Helene über die 14 Minuten Film zusehends schwächer wird. Zugleich komisch, weil eigentlich "Karl" die Hauptrolle spielt. Karl ist der tote Fisch, der eingeschweißt in Plastikfolie auf dem Armaturenbrett liegt. Eigentlich war er fürs Abendessen am Lagerfeuer gedacht, doch mit der Zeit bauen sowohl Helene als auch Johann eine emotionale Bindung zu dem Tier auf.



Die Skurrilität erreicht ihren Höhepunkt, als Helene und Johann beschließen, dem toten Karl ein würdiges Begräbnis am Flussufer auszurichten. Und während Johann sowohl mit der Brustkrebserkrankung seiner Frau als auch mit dieser Situation komplett überfordert ist, schafft Helene den emotionalen Absprung und akzeptiert ihr Schicksal. Letztlich ist es nur Karl zu verdanken, dass die Protagonistin im wohl schlimmsten Moment ihres nur noch kurzen Lebens die Stärke besitzt, ihre eigene Grabrede zu halten. Ihr Mann liegt dabei weinend in ihren Armen. Sie sagt: "Wenn du mal tot bist, werde ich auch um dich weinen." Das Ende bleibt offen.


Der Tanz wird zur Flucht
"Auf (Lebens-)Wegen" hat es wahrlich in sich. Während der Opener "Hurdy Gurdy" mit Tilt-Shift-Kameratechniken spielt und dem Zuschauer mal die Realität im Zeitraffer, mal Modellbau-Szenerien aus Plastik vorsetzt, geht das deutsche Werk "Conformis" einen ebenso beeindruckend künstlerischen Weg.

Die Story ist, wie sollte es bei einem Kurzfilm von nur sechs Minuten anders sein, schnell erzählt: Ein freigeistiger Hauptdarsteller bricht aus dem starren Korsett der vorherrschenden Gleichheit aus und tanzt sich durchs Geschehen. Jedoch wird aus dem mutigen Aufmarsch eine verzweifelte Flucht, als die Masse im Gleichschritt samt Panzerunterstützung den aufkeimenden Individualismus im Keim ersticken will.

Was den Film so besonders macht: Die Geschichte wird ausschließlich durch die reine Darstellung von Fuß- und Schuhabdrücken erzählt. Das Fehlen von Emotionen tut der Spannung keinen Abbruch.


"Wenn er schon nicht weiß, was er ist... was bin dann ich?"
Mit "Qe skem a‘malla harza - Ich bin manchmal einsam" (Bigfoot im Porträt) und dem wohl kürzesten Film des Festivals ("Kaffeefahrt") wird es zum Ende hin nochmal lustig. Zuvor überrascht "Wer ich glücklich bin" jedoch mit einer interessanten Grenzthematik.

Die 15-jährige, frühreife Alicia wohnt in einem Heim. Ihre Freizeit verbringt sie hauptsächlich damit, eine körperliche Affäre mit einem wesentlich älteren "Manager" zu pflegen, der sie "groß rausbringen möchte". Soweit, so klischeehaft. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als ein gleichaltriger Junge in die Hausgemeinschaft einzieht. Aus einem anfänglichen, harmlosen Flirt entwickeln sich Gefühle, die Alicia zunehmend verunsichern. Der neue Bewohner im Heim ist nämlich gleichzeitig "Er" und "Sie".

Verständlich, dass der offenbarte Hermaphroditismus Alicia aus der Bahn wirft, doch bleibt die Anziehungskraft bestehen. Die Liebelei zwischen den beiden Figuren entwickelt sich sogar soweit, dass sie schließlich die Nacht zusammen verbringen. Vollends verwirrt bricht Alicia die Beziehung zunächst ab. Zunächst.

Ob es doch noch ein Happy End für die beiden jungen Menschen gibt? Wer neugierig geworden ist, hat am Freitag, 25.01., um 22.30 Uhr im Lichtspiel nochmals die Chance, "Wer ich glücklich bin" im Rahmen von Wettbewerb 1 zu erleben.

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