Dresden
Mein Wagner-Jahr

Weltenbrand - drunter geht's nicht!

Heute vor 163 Jahren feuerte der sonst nicht so kunstsinnige Anarchist Michail Bakunin den Dresdener Hofkapellmeister Wagner und seine Musiker an, für Beethovens Neunte notfalls das Leben zu lassen.
Michail Bakunin Foto von Nadar/Archiv
Michail Bakunin Foto von Nadar/Archiv
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Es ist Monatsende und Ostern, da kann man es ruhig mal richtig krachen lassen. Wer eignete sich dafür besser als der berühmte russische Anarchist und Revoluzzer Michail Bakunin (1814-1876), der den damals noch nicht ganz so berühmten, bald aber steckbrieflich gesuchten, amtierenden Hofkapellmeister, Handgranatenbesteller, Dichterkomponisten und Kunstrevolutionär Richard Wagner in Dresden anno 1849 durchaus zu befeuern wusste? Zum Beispiel am Palmsonntag, der in diesem bewegten Jahr auf den 31. März fiel.

"Noch einmal", schreibt Wagner später in seiner Autobiografie über Bakunin, den er durch seinen Freund August Röckel kennengelernt hatte, "am Palmsonntage des neuen Jahres 1849 erlebte ich eine schöne Genugtuung. Die Kapelle hatte, um sich einer großen Einnahme zu versichern, nochmals zur Aufführung der Neunten Symphonie Beethovens gegriffen; alles bot seine besten Kräfte auf, diese zu einer der schönsten zu machen; das Publikum nahm sie mit offenbarer Begeisterung auf. Der Generalprobe hatte heimlich und vor der Polizei verborgen Michael Bakunin beigewohnt; er trat ohne Scheu nach der Beendigung derselben zu mir an das Orchester, um mir laut zuzurufen, daß, wenn alle Musik bei dem erwarteten großen Weltenbrande verlorengehen sollte, wir für die Erhaltung dieser Symphonie mit Gefahr unseres Lebens einzustehen uns verbinden wollten."

"Wenige Wochen nach dieser letzten Aufführung", denn damit war die Karriere Richard Wagners in Dresden de facto zu Ende, "schien dieser ‚Weltenbrand‘ von den Straßen Dresdens aus sich wirklich entzünden zu wollen, und Bakunin, mit welchem ich bis dahin in sonderbarer und ungewöhnlicher Weise in näheren Umgang getreten war, schien dabei wirklich das Amt eines Oberfeuerwerkers übernehmen zu sollen." Und er schreibt: "Die Zerstörung aller Zivilisation war das seinem Enthusiasmus vorschwebende Ziel."

Friedrich Dieckmann, einer der wenigen Autoren, die man inhaltlich und sprachlich stets mit Gewinn liest, schreibt dazu in der gerade erschienenen jüngsten Essay-Sammlung Das Liebesverbot und die Revolution (Insel Verlag, 239 S., Abb., 22,95 €): "Der bartumwallte Russe ist das, was man in Sachsen einen Gokler nennt: ein Pyromane historischen Formats. Aber auch Wagner hat sich als Gokler ausgewiesen, schon in seinem ersten Bühnenerfolg: am Ende von Rienzi geht das Geschwisterpaar - ein Liebespaar, das keines sein darf - im Brand des römischen Kapitols zugrunde. Feuerzauber wird auch in Zukunft eine Rolle in seinen Werken spielen, die jeweils elementarisch bezogen sind."

Die Aufführung von Beethovens Neunter am 31. März 1849 ist Wagners letzte musikalische Tat in Dresden, wo ihn laut Dieckmann "die Hoftheaterdirektion in den Monaten davor dazu verurteilt hatte, Flotows Martha und Donizettis Favoritin zu dirigieren, ein unfehlbares Mittel, ihn endgültig in die Arme der Revolution zu treiben. Mit der Anfertigung des Klavierauszugs dieses ‚höchst schwächlichen Werks des italienischen Maestro‘ (Mein Leben) und Arrangements einzelner Piecen daraus hatte sich Wagner einst in Paris über Wasser gehalten."

Apropos: Zu seinen Hungerjahren, welche seine erste Frau Minna mit ihm teilte, passt vortrefflich, wie er später Bakunin beschrieben hat. "Da er das traurige Leben eines ewig Versteckten zu führen hatte, lud ich ihn des Abends manchmal zu mir ein; meine Frau setzte ihm zum Abendbrot zierlich geschnittene Wurst und Fleischstückchen vor, welche er, ohne sie nach sächsischer Weise spärlich auf das Brot zu verteilen, sogleich haufenweise verschlang; da ich Minnas Entsetzen hierüber gewahrte, machte ich mich wirklich der Schwäche schuldig, ihn darauf aufmerksam zu machen, wie man bei uns sich dieser Zubereitung bediene, worauf er mir lächelnd beteuerte, er habe ja genug, man solle es ihm nur gönnen, das Vorgesetzte auf seine Weise zu verzehren."

"In gleicher Weise", so Wagner später mit der seine "Diätfehler" zählenden zweiten Frau Cosima im Nacken, "befremdete mich sein Genuß des Weines in den üblichen kleinen Gläsern; überhaupt war ihm der Wein widerwärtig, welcher das Bedürfnis nach alkoholischer Aufregung in so philisterhaft ausgedehnten und verteilten Dosen zu befriedigen suchte, wogegen ein kräftiger Zug Branntwein mit einemmal und schnell diesen doch immer nur beiläufig zu erzielenden Zweck erreichte. Das Widerwärtigste in allem war ihm das Behagen an der Ausdehnung des Genusses durch berechnete Mäßigung, während einem wahren Menschen doch nur die nötige Stillung des Bedürfnisses hieraus erwachsen dürfe und der einzige Genuß des Lebens menschenwürdig allein in der Liebe bestehen könnte."

Im Jahr darauf, als Bakunin und August Röckel in der Festung Königstein kurz vor ihrer Hinrichtung standen, die dann doch nicht stattfinden sollte, schrieb Wagner, der damals der Kleinschreibung anhing: "Soll Euer ferner bruder Euch noch einen süßen tropfen in den heilig ernsten trank mischen, den Ihr zu trinken im begriffe steht, so gebe ich Euch die nachricht, daß unter der fürsorge der beseligendsten freundschaft und liebe ich frei und heiter der Zukunft entgegen sehe, und so mit verjüngten, stark beschwingten kräften auch für mein theil und nach meiner fähigkeit an dem werke arbeite, für das Ihr helden jetzt Euer leben laßt."

Nicht genug der Helden! Es sei noch kurz Dr. Anton Pusinellis (1815-1878) gedacht, Hausarzt, Förderer und lebenslanger Freund Wagners aus Dresden, der heute vor 135 Jahren starb. Nicht zu vergessen die Geburtstagskinder Johann Sebastian Bach (*1685), welchen ich nach julianischem Kalender vorsichtshalber schon am 21. März abgefeiert habe, Joseph Haydn (*1732) und Henri Marteau (*1874), dessen Internationale Musikbegegnungsstätte Haus Marteau in Lichtenberg nicht nur in Oberfranken einen guten Namen hat.

Zum guten Schluss erlaube ich mir, es auch in eigener Sache krachen zu lassen: Morgen vor vierzig Jahren und einem Monat habe ich als Volontärin in Bayreuth meine journalistische Laufbahn begonnen. Die Zeit ist da, kürzer zu treten. Was auch heißt, dass ich Mein Wagner-Jahr nicht mehr täglich beschreiben werde, sondern ein- bis zweimal die Woche und bei Bedarf, ohne festen Zeitplan. Was mir einerseits, das können Sie mir glauben, schwer fällt - und das ist kein Aprilscherz, schon deshalb, weil morgen Cosima Wagners 173. Todestag ist.

Andererseits - nein, jetzt lasse ich lieber Wagnerfiguren zu Wort kommen, wie Tannhäuser mit seinem "Die Zeit, die ich hier verweil, ich kann sie nicht ermessen! Tage, Monde - gibt's für mich nicht mehr, - denn nicht mehr sehe ich die Sonne, nicht mehr des Himmels freundliche Gestirne; - den Halm seh ich nicht mehr, der frisch ergrünend den neuen Sommer bringt; - die Nachtigall hör ich nicht mehr, die mir den Lenz verkünde! Hör ich sie nie, seh ich sie niemals mehr?" Oder Hans Sachs: "Immer schustern, das ist nun mein Los; des Nachts, des Tags, komm nicht davon los." Und natürlich Kundry: "Nur Ruhe will ich, nur Ruhe - ach! - der Müden. Schlafen! - oh, dass mich keiner wecke! Nein! - nicht schlafen! - Grausen fasst mich!"
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