Biebrich
Mein Wagner-Jahr

Wagners Wohnorte (I)

In Biebrich versuchten Minna und Richard Wagner ein letztes Mal in ihrer Ehe, miteinander auszukommen - und scheiterten kläglich. Was eher an ihm lag.
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In dieser neuerbauten Villa in Biebrich begann Richard Wagner 1862 mit der Komposition seiner Oper "Die Meistersinger von Nürnberg". Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
In dieser neuerbauten Villa in Biebrich begann Richard Wagner 1862 mit der Komposition seiner Oper "Die Meistersinger von Nürnberg". Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Biebrich war die Residenz der Herzöge von Nassau und ist ein heutiger Ortsteil von Wiesbaden, Biebrich war für fast ein Jahr auch der Wohnort Richard Wagners. Am 8. Februar 1862 kam er nach seiner Rückkehr aus Paris, wo er im Januar die Ur- und Reinschrift der "Meistersinger"-Dichtung vollendet hatte, nach einer Lesung aus derselben im Verlagshaus Schott in Mainz, dort an. Er logierte zunächst im Hotel "Europäischer Hof", eine Woche später bezog er am Rheinufer eine eigene Wohnung, die bis zur Kündigung durch den Hausherrn am 13. November sein Hauptwohnsitz blieb.

"Da es mir immer daran gelegen war, einsam und namentlich von jeder Möglichkeit eines unmusikalischen Geräusches fern zu wohnen", beschreibt Wagner sein neues Domizil in seiner Autobiographie, "entschloss ich mich, in einem von dem Architekten Frickhöfer neu gebauten, dicht am Rheine gelegenen größeren Sommerhause eine sehr kleine, mir aber ganz entsprechende Wohnung zu mieten. Um sie mir einzurichten, hatte ich die Ankunft meines Mobiliars aus Paris abzuwarten; dies traf ein; mit unendlichen Kosten und Bemühungen wurde es in dem Biebricher Zollschuppen abgeladen, und ich bemächtigte mich nun zunächst des für meine Einrichtung Nötigsten."

Zum Nötigsten zählte sein Erard-Flügel. Dass überraschend auch seine Frau Minna kam, um ihm bei der Einrichtung der Wohnung zu helfen, führte zu neuerlichen Auseinandersetzungen, bis Minna Anfang März wieder abreiste. Es sollte dies der letzte Versuch eines Zusammenlebens des Ehepaars bleiben. Zwar schrieb Wagner ihr und seiner letzten Muse Mathilde Wesendonck auch weiterhin ausführliche Briefe, aber er sah sich konkret auch nach einer neuen Lebensgefährtin um. Und begann gleichzeitig mit der Komposition der "Meistersinger".

In "Wagners Frauen", der jüngsten Neuerscheinung der Insel-Bücherei, fasst Dietrich Mack die Lage wie folgt zusammen: "Seiner Frau in Dresden schreibt er, wenn sie ihren einzigen Lebenszweck darin sehe, ihm durch alles, was sie vermöge, Ruhe und Heiterkeit zum Arbeiten zu geben, ‚so sage ich: Komm‘. Aber er warnt sie: Sie solle sich genau prüfen, zögern, wenn sie noch Zweifel, versteckte Vorwürfe habe; die Zeit könne noch manches heilen." Minna zögert nicht und reist nach Biebrich, um das neue Zuhause ihres Mannes schön einzurichten. "Es werden", so Mack, "zehn Tage der Hölle, wie Wagner Peter Cornelius berichtet. Am ersten Morgen trifft ein Brief von Mathilde Wesendonck ein, wenige Tage später ein zweiter; schließlich entdeckt Minna beim Zoll - sie holt den Pariser Hausrat ab, um ihrem Mann drei Zimmer gemütlich einzurichten - eine kleine Kiste mit einem gestickten Kissen, Tee, getrockneten Veilchen und Eau de Cologne - Geschenke von Mathilde."

Die Wunde der betrogenen Ehefrau bricht wieder auf. Sie sei, wie sie ihrer Tochter Natalie schreibt, "ruhig geblieben, aber Wagner habe getobt, geschimpft und in Berserker-Wut geschrien. Nach zehn Tagen, in denen Richard roh, herzlos, gemein zu ihr gewesen sei, reist sie nach Dresden zurück. Sie soll sich nach dem Willen ihres Mannes mit Hab und Gut in Dresden einrichten, ein Zimmer für ihn genüge. Er werde sie besuchen, aber nicht umgekehrt. Ansonsten solle jeder für sich selbst sorgen. Wenige Tage später lernt Wagner im Hause von Schott bereits Mathilde Maier kennen."

"Jetzt bin ich hier völlig eingerichtet", berichtete er am 12. März in einem Brief an Mathilde Wesendonck, "habe zwei Zimmer auf ein Jahr gemiethet, Flügel, Bücherschrank, das berühmte Ruhebett, die drei römischen Kupferstiche und das alte Nibelungenblatt. Vorm Schreibtisch hängt auch die Photographie vom grünen Hügel: in einem Fenstererker der Palazzo Giustiniani. Die Lage ist ausserordentlich schön: dicht am Rhein, dem Schloss zur Seite, in einem ganz alleinstehenden Hause, das Gott vor weiteren Bewohnern bewahren möge! Es ist auf Speculation sehr schön gebaut und enthält eine ganz wunderhübsche grosse Wohnung, in welche ich gern etwas anständiges wünschte. Schöner, sehr geräumiger Garten: aus dem Park und von der Insel gegenüber singen die Vögel um die Wette: die Nachtigallen sollen ihrer Zeit zahllos sein, und völlig betäubend werden. So will ich denn hier mein Meistersinger-Schicksal erwarten!"

Wobei er sich durchaus kokettierend als ein Hans Sachs sah, der sein Evchen schon bekommen würde. Was auch fast klappte: Bei Besuchen in Frankfurt, Karlsruhe und Mainz lernte er in seiner Biebricher Zeit gleich zwei potenzielle Kandidatinnen kennen und - zumindest vorübergehend - lieben: Mathilde Maier und Friederike Meyer. Daneben inspirierte er den dort ansässigen Holzblasinstrumentenmacher Wilhelm Heckel zum Bau besonders tief klingender Instrumente, darunter eine Bass-Klarinette und ein Fagott mit aufgesetzter Wagner-Stürze.

Konkret meistersingerlich wird der 10. März dadurch, dass der Bassist Robert Holl heute vor 66 Jahren in Rotterdam geboren wurde. In Bayreuth debütierte er 1996 in der letzten "Meistersinger"-Inszenierung Wolfgang Wagners als Sachs, 2004 folgte sein großartiger Gurnemanz in der Schlingensief-Inszenierung des "Parsifal", von 2008 bis 2011 war er auch als König Marke in "Tristan und Isolde" zu erleben. Apropos König: Für Richard Wagners Leben und Werk war der 10. März 1864 das wohl bedeutsamste Sterbedatum: An diesem Tag starb König Max II. von Bayern, sein ältester Sohn Ludwig, ein erklärter junger Wagneranhänger, folgte ihm auf den Thron.


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