Tribschen
Mein Wagner-Jahr

Wagners unbekannte Werke (IV)

1837 und 1871 vollendete Wagner jeweils am 15. März die Partituren zweier Gelegenheitsarbeiten: die Ouvertüre in D-Dur "Rule Britannia" und den Kaisermarsch in B-Dur.
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Kaiser Wilhelm I. prangt auf dem CD-Cover mit Einspielungen von Wagners Märschen und Ouvertüren. Vorlage: Naxos
Kaiser Wilhelm I. prangt auf dem CD-Cover mit Einspielungen von Wagners Märschen und Ouvertüren. Vorlage: Naxos
Gleich zwei wenig bekannte, nur jeweils etwa zehn Minuten dauernde Nebenwerke stehen heute im Mittelpunkt: Am 15. März 1837 schloss Richard Wagner in Königsberg die Komposition der Ouvertüre in D-Dur Rule Britannia ab, am 15. März 1871 war es die Partitur des Kaisermarsches in B-Dur, die er in Tribschen fertigstellte. Letzterer war, wie der noch später folgende Große Festmarsch, eine seiner wenigen Auftragsarbeiten. "Schade nur, dass R. gar nicht auf Bestellung schreiben kann", notierte Cosima Wagner noch in ihr Tagebuch, als Ende 1870 der Leipziger Verlag C. F. Peters für die Summe von 1500 frcs. einen Krönungsmarsch bei Wagner anfragte. Wochen später konnte er doch - und man darf davon ausgehen, dass das in Aussicht gestellte Geld eine nicht unerhebliche Rolle spielte.

Ursprünglich wollte er nur ein Partitur-Schema des Krönungs- oder Huldigungsmarsches liefern, mit satten Zitaten von Luthers Ein' feste Burg ist unser Gott. Anfang März begann er, den Marsch selbst für ein großes Orchester zu instrumentieren. Die fertige Partitur ging noch am 15. März direkt an Wilhelm Friedrich Wieprecht, Generalmusikdirektor der Garde-Musik in Berlin. Tags zuvor hatte Cosima notiert: "R. entwirft zu seinem Marsch ein Volkslied, von der Armee zu singen." Und am 23. März: "R. überlegt sich lang, wie er es der Partitur beilegen soll, weil er durchaus nicht will, dass Gesangsvereine und Liedertafeln es singen."

Wie es im Wagner-Werkverzeichnis (WWV) heißt, "entschied er sich schließlich für die Integration des Liedes als einstimmigen Volksgesang in die Partitur und fügte eine besondere Bemerkung für die Ausführung bei." Die Uraufführung des Kaisermarsches fand am 14. April 1871 im Berliner Konzerthaus in der Leipziger Straße unter Bernhard Bilse statt, Wagner selbst dirigierte WWV 104 erstmals bei einer Probe am 21. April in Leipzig. Am 5. Mai folgte unter seiner Leitung in Berlin im Königlichen Opernhaus eine Aufführung in Anwesenheit von Wilhelm I., der am 18. Januar 1871 zum deutschen Kaiser proklamiert worden war. Für dieses Konzert hatte er den Volksgesang eigens für mehrstimmigen Chor arrangiert. Im Jahr darauf dirigierte er den Kaisermarsch nochmals: zur Eröffnung der Feier zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses am 22. Mai 1872, mit dem Volksgesang in vierstimmigem Satz.

Die Rule-Britannia-Ouvertüre, die im Wagner-Werkverzeichnis die Nr. 42 trägt, wird im Hermes Handlexikon Richard Wagner als "unbedeutendes Nebenwerk aus Wagners Königsberger Zeit 1836/37" bezeichnet. "Das Stück huldigt dem bürgerlichen England als Gegenspieler der Heiligen Allianz." Was mit entsprechenden musikalischen Zitaten bei der erhofften englischen Klientel nicht gerade auf Begeisterung stieß. Wagner versuchte vergeblich, für die Ouvertüre die Londoner Philharmonic Society zu erwärmen und schickte sogar die handschriftliche Partitur dorthin. W. Watts, der Sekretär der Konzertgesellschaft, ließ ihn nach mehreren Anfragen aus Dresden und Paris schließlich wissen, dass das Thema der Ouvertüre in England ein Gemeinplatz sei. Die Partitur wurde an Wagners Pariser Adresse zurückgeschickt, der zu diesem Zeitpunkt so blank war, dass er das Porto in Höhe von sieben Francs nicht bezahlen konnte. Das Paket ging zurück nach England, die Partitur blieb bis 1904 verschollen.

"Die Zeit", schrieb Wagner später in seiner Autobiographie, "in welcher ich ohne Funktion für das Theater blieb, trug mancherlei Kränkendes für mich mit sich; immerhin glaubte ich die Ruhe des erreichten Hafens für meine Kunst ausbeuten zu müssen: ich führte einige Arbeiten aus, worunter eine große Ouvertüre über das "Rule Britannia (...) - ein weiterer Schritt in der Richtung dieses auf große Massenwirkung berechneten Genres; am Schluss derselben sollte zu dem an und für sich schon überreich besetzten Orchester noch eine starke Militärbande hinzutreten."

Die Uraufführung am 19. März 1838 in Riga, bei der auch die in Magdeburg entstandene Columbus-Ouvertüre gespielt wurde, war keine erfreuliche Erfahrung: "Namentlich meine in diesen Kompositionen noch stark bekundete Vorliebe namentlich für Trompeten spielte mir bereits diesmal unangenehme Streiche, da ich unsern Rigaschen Musikern hierbei offenbar zuviel zugemutet hatte und mannigfaltiges Unglück bei der Exekution ertragen musste." Auf der oben abgebildeten Naxos-CD sind Wagners große Märsche allesamt zu hören: Neben den Ouvertüren Polonia und Rule Britannia hat das Hong Kong Philharmonic Orchestra unter Varujan Kojian auch den Großen Festmarsch zur amerikanischen Unabhängigkeit und den Kaisermarsch eingespielt. (Nur für Wagner-Liebhaber, nicht für Anfänger geeignet!)

Gerne sei in Zusammenhang mit dem Festmarsch nochmals aus Cosimas Tagebuch zum 14. Februar 1876 zitiert: "R. immer arbeitend, klagt darüber, dass er sich bei dieser Komposition gar nichts vorstellen könne, beim Kaiser-Marsch sei es anders gewesen, selbst bei Rule Britannia, wo er sich ein großes Schiff gedacht, hier aber gar nichts außer den 5000 Dollars, welche er gefordert und welche er vielleicht nicht bekäme."

P.P.S. Um den gestern aus aktuellem Anlass angehängten Tagebucheintrag etwas verständlicher zu machen, seien nachträglich die handelnden Figuren kurz erläutert: Loldi ist Isolde von Bülow (eigentlich Isolde Wagner, da seine erste uneheliche Tochter); Claire ist Cosimas Halbschwester (geb. d'Agoult, verheiratete Charnacé); die Mutter ist Marie Gräfin d'Agoult (Cosimas Mutter); Loulou ist Daniela von Bülow (Cosimas älteste Tochter aus erster Ehe), Loulous Vater ist somit der Dirigent Hans von Bülow, bei dessen Konzert für den Papst (Pius IX.) in Regensburg Cosimas Vater Franz Liszt zugegen war. Alles klar?


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