Venedig
Mein Wagner-Jahr

Wagners Tod in Venedig (IV)

Seine letzte Fahrt führte von den Lagunenwassern Venedigs über die Alpen nach Bayreuth. "Ihm ist wohl. Er hat ausgelitten!", schrieb König Ludwig II. an Cosima Wagner.
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Wagners Kinder in Trauerkleidung. Von links: Eva, Siegfried und Isolde. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Wagners Kinder in Trauerkleidung. Von links: Eva, Siegfried und Isolde. Vorlage: Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung
Am Freitag, den 16. Februar 1883 ging der in seinem Leben viel und weit gereiste Richard Wagner zum letzten Mal auf große Fahrt. Die Sonne schien, der Himmel war wie leer gefegt, im Hofe des Palazzo Vendramin herrschte ein aufgeregtes Treiben: "Die Dienerschaft in tiefer Trauer eilte hin und her", beschreibt Henriette Perl, die wohl Zeitzeugin war oder zumindest mit verschiedenen Zeitzeugen gesprochen hat, in ihrem 1883 veröffentlichten Buch "Richard Wagner in Venedig" das Geschehen. "Die Vertreter der Presse Italiens sowie des Auslandes beobachteten aufmerksam jeden Vorgang und suchten vergebens sich den Eintritt in das Sterbegemach zu erwirken."

Vertreter der Stadt Venedig sprachen nochmals vor, um dem Toten und seinen Hinterbliebenen erneut ein würdiges Geleit anzubieten. Und wie schon beim ersten Mal lehnte Cosima Wagner diese Ehrenbezeugung dankend ab und bat vielmehr um die Absperrung des Bahnhofes und darum, dass keine Trauermusik gespielt werden sollte, "vor welcher sie in ihrem namenlosen Weh ängstlich zurückschreckte. Gegen die zwölfte Stunde", so Perl weiter, "begann man mit der Absendung von Kisten und Koffern, welche auf speziellen Gondeln nach dem Bahnhofe gebracht wurden, da die Familie beschlossen hatte, ihr gesammtes mit sich geführtes Eigenthum sofort nach Bayreuth zu bringen."

"Verschiedene Möbelstücke, welche dem besonderen Gebrauch des todten Meisters gedient hatten und jetzt als theuere Reliquien behandelt wurden, brachte man nunmehr herunter; es waren dies: ein rothes Damasstsopha, worauf jener Pelz lag, welcher Richard Wagner während der letzten Stunde seines Lebens bedeckt hatte; ferner der Lehnstuhl auf dem der Sterbende die Füße gestützt und endlich der Papierkorb aus seinem Arbeitskabinete. - Diese Gegenstände nahmen eine Gondel für sich allein in Anspruch und sollten in einem Personenwagen mitgeführt werden, um gleichzeitig mit der Familie den Weg nach dem Norden zurückzulegen."

"Wenige Minuten später wurde auch noch das Bett heruntergebracht, in welchem der Meister während dieser letzten Monate seines Lebens geruht hatte und das fortan die Lagerstätte seiner Wittwe bleiben wird. - Nebst dem Bette konnte man aber auch ein großes, hölzernes, ebenso breites als langes Gerüste sehen - es war dies das Gerippe jener kostbaren Riesenottomane, die den Mittelpunkt von Richard Wagner's Arbeitszimmer gebildet hatte.

Dazwischen sah man jeden Augenblick Telegraphendiener mit Depeschen einlangen, denn aus der ganzen Welt kamen während dieser drei Tage Beileidsbezeugungen, und zwar belief sich deren Zahl schon am zweiten Tage nach Wagner's Tode auf dreihundertachtzehn Telegramme."

Schließlich wurde der Sarg aus dem Palazzo Vendramin herausgetragen. Acht Männer, darunter "Ring"-Dirigent Hans Richter, "Parsifal"-Ausstatter Paul von Joukowsky, Wagners venezianischer Hausarzt Dr. Friedrich Keppler sowie italienische Musiker, Künstler und Gelehrte "kamen mit dem schweren, prächtigen, von vier Löwenköpfen verzierten Bronze-Sarkophag die breite Treppe herab und traten damit hinunter. Unter ehrfurchtsvollem Schweigen schritten die Männer mit ihrer vornehmen Last durch die ernsten Reihen und bedächtig trugen sie den Todten zur Gondel. - Hinterher kamen die Diener des Hauses mit zahllosen Kränzen und Blumenspenden, womit der Sarkophag überdeckt und noch eine ganze zweite Gondel gefüllt wurde."

"Nach einer kleinen Weile", beschreibt Henriette Perl den Ablauf, "erschien Frau Cosima am Arme Dr. Kepplers, den kleinen Siegfried, des Meisters einzigen Sohn an der Hand führend. - Ihre tiefverschleierte, hochgewachsene, sonst so aufrechte Gestalt schien völlig gebrochen. - Ihnen folgten Passini mit Wagners Tochter Daniela, die Herren Joukowsky und Ruben führten die beiden anderen Töchter, Isolde und Evchen. In tiefster Stille durchschritten die Leidtragenden die ehrerbietig Platz machende vom Schmerze der Trauernden sichtlich ergriffene Menge. - Lautlos betraten sie die schwarz gedeckten Gondeln, lautlos glitten sie in den leblosen Fahrzeugen die lange Wasserfläche des Canal Grande entlang, die Blicke unverwandt auf das Schifflein gerichtet, das vor ihnen schwamm und das den reich mit Lorbeer und Palmen geschmückten Sarkophag trug, in dem der theure Todte ruhte."

Luigi Trevisan, Wagners bevorzugter Gondoliere, lenkte die schwarz verhängte Gondel zum Bahnhof Santa Lucia. Dort stand schon "der prächtige, schwarz dekorirte Todtenwagen, welchen die ‚Concordia‘, Leichenbestattungs-Gesellschaft aus Wien, nach Venedig gesandt hatte, zur Aufnahme der Leiche bereit; an diesen schloss sich der Salonwagen an, in welchem die Familie in Begleitung ihrer Freunde Platz nahm. Beide Wagen wurden an dem um 2 Uhr abgehenden Schnellzug angehängt." Der Zug setzte sich um 14.10 Uhr in Bewegung, nachdem auch im Salonwagen die Vorhänge an den Fenstern sorgfältig zugezogen wurden und ein letztes Glockenzeichen erklungen war. "Von Vicenza aus", endigt Perl ihren Bericht, "sollte der Trauerkondukt seinen Weg über Verona, Ala, Kufstein, München mittelst vorausbestellten Extrazugs fortsetzen nach Bayreuth, der letzten Ruhestätte des Meisters."

An den Haltestellen, zum Beispiel in Bozen und Innsbruck, erwarteten Journalisten und Delegationen mit Kränzen und Blumengebinden den Trauer-Zug. In Kufstein stieg der Abgesandte des Königs von Bayern, Ministerialrat Ludwig von Bürkel, zu. Zu ihm hatte König Ludwig II. gesagt: "Den Künstler, um welchen jetzt die ganze Welt trauert, habe ich zuerst erkannt, habe ich der Welt gerettet." Bereits tags zuvor hatte König Ludwig in großen, heftigen Lettern seinen Kondolenzbrief an Cosima geschrieben:

"Hochverehrte Frau! Theuere Freundin! Unmöglich ist es mir, Ihnen den tiefen Schmerz zu schildern, der meine Seele erfüllt über den furchtbaren, unersetzlichen Verlust, den Wir erlitten haben. Welch entsetzlicher Schicksalsschlag, der Sie und die armen Kinder, der uns Alle, die Freunde und zahlreichen Bewunderer des großen, unvergesslichen Freundes und Meisters, des erhabensten Geistes getroffen hat! Ach, dass er Uns so frühe entrissen würde, wer hätte es denken können! Seien Sie versichert, theure, hochverehrte Freundin, dass ich den herben Schmerz über den ach so schrecklich frühen Heimgang des geliebten Verklärten mit Ihnen in tiefster Seele mitempfinde, ihn mit Ihnen u. den lieben Kindern theile, als unwandelbar treuer Freund."

Und weiter: "O möge der Allmächtige Ihnen Kraft verleihen, die entsetzliche Prüfung zu ertragen u. Sie erhalten für Ihre Kinder, die so nöthig der Mutter bedürfen. Der arme Siegfried! Ach, wie hatte sein Vater sich gefreut, ihn heran zu bilden, seine Ausbildung (Erziehung) zu überwachen, um ihm getrost dereinst Sein erhabenes, geistiges Erbe, die Pflege Seiner unsterblichen Werke übertragen zu können! O sagen Sie ihnen Allen, wie ihr Leid mir zu Herzen geht und ich mit ihnen trauere. Wie tief beklage ich auch Liszt, Ihren großen Vater, der so felsenfest treu an dem Verklärten gehangen ist, so treu Ihm beistand in Leid und Freud‘."

"Gott sei mit Ihnen!", schließt der König seinen Brief. "Ihm ist wohl, Er hat ausgelitten! Wie liebe ich Sie um der starken Liebe willen, die Sie so unerschütterlich treu Ihm, dem Unvergesslichen, geweiht und Ihm das Leben dadurch verschönt und zu einem glücklichen gestaltet haben! In herzlicher Anhänglichkeit immerdar Ihr u. der theuren Ihrigen unwandelbar treuer Freund Ludwig"

Was kann man nach solch königlichen Worten noch sagen? Bestenfalls, dass am 16. Februar 1985 an der Dresdener Semperoper die so bezeichnete Opernvision "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" von Siegfried Matthus uraufgeführt wurde. Von letzterem gibt es übrigens seit 2007 auch eine Oper namens "Cosima", die der um pressewirksame Aktionen nie verlegene Komponist ursprünglich als ein Opernfragment Friedrich Nietzsches ausgab. Die Uraufführung fand im Theater Gera statt, bei der zu erleben war, wie gekonnt und ironisch Matthus Musik von Richard Wagner und Georges Bizet zu covern vermag.


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