Bamberg
Mein Wagner-Jahr

Wagners Tod in Venedig (II)

Cosima blieb zunächst mehr als einen Tag lang bei der Leiche ihres Mannes. Das ärztliche Bulletin wurde bereits 1883 in Buchform veröffentlicht.
Gedenktafel zu Wagners Tod am Hintereingang des Palazzo Vendramin, aufgenommen am 13. Februar 2013. Foto: Beer
Gedenktafel zu Wagners Tod am Hintereingang des Palazzo Vendramin, aufgenommen am 13. Februar 2013. Foto: Beer
+2 Bilder
">
Richard Wagner starb nach einer Herzattacke. Er litt, wie sein venezianischer Hausarzt Dr. Friedrich Keppler feststellte, "an einer weit fortgeschrittenen Herzerweiterung, speziell Erweiterung der rechten Herzkammer mit consecutiver fettiger Degeneration des Herzfleisches. Außerdem war er mit einer ziemlich ausgedehnten Magenerweiterung und einer rechtsseitigen inneren Leistenhernie behaftet. Letztere war besonders schwer zurückzuhalten und außerdem lange Zeit durch ein möglichst unpassendes Bruchband malträtirt worden, so dass der erste Rath, den ich ihm überhaupt ertheilte, in der Verordnung eines passenden Bruchbandes bestand."

Eine ärztliche Schweigepflicht scheint es im 19. Jahrhundert nicht gegeben zu haben. Denn Keppler teilte im März 1883 alle Details ohne Umschweife und schriftlich der Schriftstellerin Henriette Perl (1845-1915) mit, die sie unter dem Psyeudonym Henry Perl noch im selben Jahr in Buchform veröffentlichte. "Die Leiden", so Keppler weiter, "von denen Richard Wagner in den letzten Monaten seines Lebens heimgesucht war, bestanden nun zunächst in Störungen, die vom Magen und Darm ausgingen, vor allem in hochgradigem Motorismus, hiezu gesellten sich dann, aber immer erst secundär sowohl durch direkte mechanische Beengung des Brustraumes in Folge der massenhaften Gasentwicklung in Magen und Gedärmen, als durch Reflex von den Magen- auf die Herznerven, qualvolle Störungen in der Herzaction, welche schließlich durch Ruptur der rechten Herzkammer die Katastrophe herbeiführten."

Dass der Infarkt neben den physischen auch psychische Auslöser gehabt haben dürfte, erkannte Dr. Keppler: "Dass die zahllosen psychischen Aufregungen", schrieb er, "welchen Wagner durch seine eigenthümliche Geistesanlage und Geistesrichtung, durch seine scharf pronocirte Stellung zu einer Reihe brennender Fragen in Kunst, Wissenschaft und Politik, durch seine merkwürdige gesellschaftliche Position, alltäglich ausgesetzt war, viel zur Beschleunigung des unglücklichen Endes beigetragen haben, ist selbstverständlich. Der Anfall selbst, der dem Leben des Meisters ein so jähres Ende setzte, muss eine ähnliche Veranlassung gehabt haben, doch kann ich mich auf diesbezügliche Vermuthungen nicht einlassen."

Und Keppler wies schließlich daraufhin, dass Wagner nicht nur regelmäßig seine alkoholischen Diätfehler beging. Sondern er nahm reichlich wahllos Medikamente - ähnlich wie seine erste Frau Minna, die zu lange und zuviel Laudanum, das Valium des 19. Jahrhunderts geschluckt hatte und vermutlich auch deshalb schon mit 56 Jahren starb. "Die ärztliche Behandlung, die ich Wagner angerathen hatte, bestand in Massage des Unterleibes und Application eines passenden Bruchbandes, arzneiliche Behandlung vermied ich soviel als nur möglich, da Wagner die üble Gewohnheit hatte, viele und starke Arzneimittel, welche ihm von verschiedenen Aerzten, die er schon früher consultirt hatte, verordnet worden waren, oft in großen Mengen durcheinander einzunehmen."

Zurück zum 14. Februar 1883: Im Palazzo Vendramin in Venedig blieb Cosima Wagner mehr als vierundzwanzig Stunden an der Seite ihres gestorbenen Mannes, erst kniend zu seinen Füßen, dann neben ihm, in seinem Prunkbett im Arbeitszimmer, "das Auge starr auf ihn gerichtet, mit ihrem Odem sein todeskaltes Antlitz, seine Hände wärmend, (...) für jeden Eindruck der Außenwelt stumpf und unzugänglich, für jedes Wort, und kam es selbst von den Lippen der Kinder, empfindungslos, so lag sie neben dem erstarrten Leichnam (...) - immer leise ihm zuflüsternd, was ihre Liebe, die unsäglich tiefe Empfindung, welche sie für ihn gefühlt, ihr in der Stunde des Scheidens eingeben konnte."

"Nicht allein sollte er die erste Nacht im Reiche des Todes zubringen", so Henriette Perl weiter, "nicht allein - sie wollte über ihn wachen, solange man ihr seine irdische Hülle noch nicht entrissen, in das geliebte Antlitz blicken, solange sie noch dieses Anblickes theilhaftig werden konnte. Die Anderen würden den traurigen Pflichten nachkommen, sie war dessen nicht fähig." Erst am Nachmittag des 14. Februar konnte Dr. Keppler die Gelegenheit nutzen, sie wegzutragen, "sie den Armen des Todten zu entreißen und ihr einige Tropfen stärkenden Weines einzuträufeln." Cosima wurde in Danielas Bett gelegt. "Mama", zitiert Oliver Hilmes in seiner Cosima-Biographie "Herrin des Hügels" die Tochter, "war diesen Abend sehr still, sie lächelte uns immer unheimlich an, wenn wir bei ihr eintraten, sprach einige zärtliche Worte mit uns - und schien nur in fieberhafter Rufe dem Tage und ihrem Wiederbegegnen mit der Leiche entgegenzusehen."

"Inzwischen war allen denen", schreibt Carl Friedrich Glasenapp in seiner Wagner-Biographie, "die ihre Reise nach dem Orte der Trauer angekündigt, energisch abbestellt: sie sollten nicht kommen, weder Liszt, noch der junge Graf Gravina, bloß die beiden Groß, Mann und Frau, von Bayreuth. Die Dienerschaft war mit Packen beschäftigt, Konsul, Bankier, Fremde und Freunde kamen und gingen, viel Fragen, viel Rennen, schwer zu ertragen. Nachmittags erschienen wiederum die Freunde Fürstin Hatzfeldt und der Maler Passini, letzterer, um mit allen Kräften es durchzusetzen, dass der Bildhauer Benvenuti dazu gelange, die Totenmaske in Gips abzunehmen. Hierfür war ein großer Widerstand zu überwinden, da Frau Wagner es nicht wünschte; am Ende kam es doch dazu, nachdem zuvor Dr. Keppler mit Hilfe seines Assistenten den Leichnam in Siegfrieds Zimmer getragen und die Einbalsamierung vorbereitet hatte."

Am 14. Februar 1883 schrieb Giuseppe Verdi an seinen Verleger Giulio Ricordi: "Traurig traurig traurig! Wagner ist tot! Als ich gestern die Depesche las, war ich, das darf ich wohl sagen, völlig niedergeschmettert. Hier schweigt jede Erörterung. Es entschwindet uns eine große Persönlichkeit. Ein Name, dessen Spur in der Geschichte der Kunst nicht untergehen wird!" (siehe Abbildung)

Am 14. Februar 1829 wurde "La straniera" (Die Fremde) von Vincenzo Bellini in Mailand uraufgeführt - eine Oper, die Wagner schätzte, in seiner Magdeburger Zeit auf den Spielplan setzte und dirigierte. Später sang er hin und wieder "Straniera"-Arien oder spielte sie am Klavier. "Das ist bei aller Pauvretät", sagte er über Bellini am 7. März 1878 zu Cosima, "wirkliche Passion und Gefühl, und es soll nur die richtige Sängerin sich hinstellen und es singen, und es reißt hin." Hingerissen waren am 14. Februar 1924 auch die Besucher der Uraufführung des ersten Teils des zweiteiligen Stummfilms "Die Nibelungen - Siegfried" von Fritz Lang und Thea von Harbou im Berliner Ufa-Palast am Zoo in Berlin.

Weiterführender zu einem älteren Blogeintrag: erste Frau Minna