Venedig
Mein Wagner-Jahr

Wagners letzter Venedig-Aufenthalt (IV)

Spaziergänge gehörten zum normalen Tagesablauf. Fast immer schaute Wagner dabei im Caffè Lavena auf dem Markusplatz vorbei.
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Im Caffè Lavena saß Wagner offenbar auch gerne im 1. Stock; unten im Saal erinnert ein Reliefbild von Vincenzo Cadorin an den prominenten Besucher. Foto: Beer
Im Caffè Lavena saß Wagner offenbar auch gerne im 1. Stock; unten im Saal erinnert ein Reliefbild von Vincenzo Cadorin an den prominenten Besucher. Foto: Beer
Der Tagesablauf Richard Wagners in Venedig war vergleichsweise streng geregelt - obwohl er 1883 nicht konkret an einer Komposition saß. Zwar äußerte er Cosima gegenüber, dass er den "Tannhäuser" nochmals überarbeiten wolle und dachte, zusammen mit Liszt, über einsätzige Symphonien einer neuen Art nach: "Wenn wir Symphonien schreiben, Franz, nur keine Gegenüberstellungen von Themen, das hat Beethoven erschöpft, sondern einen melodischen Faden spinnen, bis er ausgesponnen ist; nur nichts vom Drama." Aber in erster Linie schrieb er: Briefe natürlich, Berichte, aber auch Abhandlungen zu diversen Themen.

So begann er laut Cosima am 22. Oktober mit dem launig variierten "Faust"-Zitat "Die Träne quillt, der Bleistift hat mich wieder" den Aufsatz "Das Bühnenweihfestspiel in Bayreuth" für die "Bayreuther Blätter", schrieb an Silvester für den Herausgeber des "Musikalischen Wochenblatts" über die Wiederaufführung seiner Jugend-Symphonie in C-Dur und seine Erinnerungen an Leipzig. Und er begann mit der Niederschrift des Aufsatzes "Über das Weibliche im Menschlichen".

Zwischen fünf und sechs Uhr morgens stand Wagner auf und arbeitete mindestens bis etwa zehn Uhr in seinem Arbeitszimmer, das ihm ein venezianischer Tapezierer nach seinen Vorgaben kostbar und farbenprächtig ausgestattet hatte - je nach Zimmertemperatur entweder nur in seinem Schlafrock aus "schwarzem Atlasflaus" oder mit einem zusätzlich übergeworfenen Pelzmantel. Niemand durfte ihn dabei stören.

"Das Personal des Hauses", so Henriette Perl in "Richard Wagner in Venedig", "trat zuweilen, allerdings nur in Ausnahmefällen, kleiner Dienstleistungen wegen, zu Wagner in's Zimmer. - Er saß dann gewöhnlich mit dem Rücken den ohnedieß nahezu gänzlich verhängten Fenstern zugekehrt und pfiff während des Schreibens leise vor sich hin. Zuweilen stand auch ein Glas Wein vor ihm auf dem Tische, und fühlte er sich nicht ganz wohl, selbst ein Gläschen Cognac."

Das Frühstück nahm die Familie zumeist getrennt ein, nur Cosima berichtete ihm den Inhalt der Morgenpost und sonstige Neuigkeiten. Anschließend machte er allein oder mit Cosima einen ersten Spaziergang bis hin zum Markusplatz, schaute vielleicht bei seinem Friseur oder seinem Bankier vorbei und schritt oft mehrmals die Piazetta ab und setzte sich auf seinen Lieblingsplatz zwischen den Portalsäulen von San Marco, "wo es so schön sei, dass man ihn dort als Leiche finden würde". Fast immer machte er Station im Caffè Lavena, "wo er eine Chocolade nahm und an regnerischen oder nebligen Tagen ein Gläschen Cognac, dazu er etwas Kuchen aß." Gegen ein Uhr aß er zuhause im Palazzo Vendramin, danach folgte ein Mittagsschlaf.

Am späteren Nachmittag konnte man ihn zuweilen auch mit der ganzen Familie sehen, die auch viel mit der Gondel unterwegs war, gegen Abend pflegte er wieder Briefe zu schreiben oder Cosima zu diktieren. Nach dem gemeinsamen Abendessen versammelten sich die Wagners und ihre Gäste im Salon - zu heiterer bis schwerer Lektüre, wobei entweder die Töchter oder Wagner selbst vorlasen, zu Klaviermusik, Kartenspiel und Unterhaltung. Dazu gab es Tee, Kaffee, Champagner, Wein und Liköre, im angrenzenden Rauchkabinett genoss Wagner gern eine Havannah. Kurz: Der Genussmensch ließ, trotz ärztlicher Warnungen und Cosimas Klagen über die sogenannten Diätfehler, nichts aus.

Die von Wagner gemietete Wohnung im Palazzo Vendramin-Calergi umfasste den kompletten Halbstock und bestand laut Henriette Perl aus "achtundzwanzig Wohnzimmern, Küchen und Nebenlokalitäten". Man kann sich gut vorstellen, dass in diesem Palazzo, in dem sich seit über einem halben Jahrhundert das Casino di Venezia befindet, der Venedig-Akt von Jacques Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" gespielt werden könnte, die am 10. Februar 1881 in Paris uraufgeführt wurde.

Vom Glücksspiel zum Gewinnspiel ist der Weg nicht mehr weit: Die richtige Lösung bei unserer Januar-Wissenswette lautet: 1. Wilhelmine Schröder-Devrient, 2. Amalie Materna, 3. Max Lorenz. Je eine Sony-Wagner-CD mit Klaus Florian Vogt und den Bamberger Symphonikern unter Jonathan Nott geht an Karlheinz Blattner in Regensburg, Werner Rupp in Bamberg, Mylène Diacquenod sowie Martin Harbott in Berlin und Hans-Werner Wüschem in Neuburg. Wir gratulieren!
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